Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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wir auf manche 3eugniffe grotesker Darftellungsweife ftoßen. (Hie die Freude an der
Bejahung des Dafeins Ewigkeitsdauer befitjt, fo wiederholt fiel) auch ftändig, fowol)l
im Entwicklungsprozeß des Volkes wie im Leben des Individuums, die Luft an der
Verneinung. Letztere darf man mit Fug und Recht die Mutter der Groteske in der
Kunft nennen. Sie ift, wie Wilhelm Michel in feinem lefenswerten Büchlein über
diefes Cßema (Das Eeuflifcße und Groteske in der Kunft. München Piper & Co.. 1917)
treffend kennzeichnet, „eine Verhüllung, die über den dafunterftehenden Inhalt täufdjt.
Sei es, daß fie den wahren Inhalt nur menfd)lich machen will, fei es, daß fie einen
falfcßen Inhalt vorfpiegelt, fei es, daß fie den Inhalt vortäufd)t, wo überhaupt kein
folcher vorhanden ift.“ Gleichzeitig aber beftätigt fie den Menfchen in feiner Menfd)-
lid)keit, offenbart ihm die Grenzen feines Strebens und weift ihn in den Raum, über
den hinaus er nich)t gelangen kann und darf. In diefem Sinne hat man vielleicht
Goethes (Hort im „Fauft“ zu verftel)en: „Das Schaudern ift der Menfchheit befter Eeil.“
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Die ganze moderne Kunftrichtung des Expreffionismus hat einen Einfdßlag ins Gro-
teske. Dies wird einem ohne weiteres verftändlid), wenn man fiel) das ungeheuerliche
Weltgefd)el)en der leßten Jahre vergegenwärtigt. Die Kataftrophe, die über die Menfd)-
heit hereingebrochen war, entwickelte eine fold)e Fülle von Schmerzen und Grauen, daß
alle früheren Gefd)el)niffe ähnlicher Art angefidßts des eben Erlebten verblaffen müffen.
Niemals fühlten wir uns fo machtlos und der CCIillkür des Sd)ickfalswaltens preisgegeben
wie in diefer von unfäglichen Qualen beherrfdßten 3eitfpanne; niemals hat die Luft zur
Verneinung der Lebenswerte größere Orgien gefeiert; niemals ift unfere Seele einer
ftärkeren Erfcßütterung ausgefeßt gewefen. Um fiel) aus diefem hoffnungslofen 3u-
ftand zu retten, blieb nur als einziges Heilmittel die Flucht aus der Wirklichkeit in
das eigene Innere. In ihm fpiegelt fiel) die äußere Welt, die fo Entfet^liches gebar,
als ein finnlofes, verzerrtes grauenhaftes Gebilde, das zerftört werden foll.
Bei der jüngften Künftlergeneration trägt diefe Wandlung den Charakter des Revo-
lutionären, das mit aller Überlieferung rückfichtslos bricht, mit leidenfd)aftlid)er Emphafe
den Umfturz verkündet und, vom Primitiven und Unverfälfcßten ausgehend, den Auf-
bau einer neuen Welt beginnt, die nur Empfindung und Gefühl verkörpert. In jenen
Künftlern dagegen, die noch in der impreffioniftifchen Anfdjauung wurzeln, vollzieht
fiel) die Wandlung, obwohl fie das Elementare der 3eitercigniffe ebenfo tief und qual-
voll durchleben, in keiner fo gewaltfamen Weife. Aus dem Graufen, das fie fchildern,
fprid)t nicht der unerfd)ütterlicl)e Vernichtungswille alles Begehenden. Sie lehnen nicht
ab, fondern verfügen zu begreifen. Sie refpektieren den 3wang des Unfaßlichen und
unterwerfen fiel) ihm. Sie erkennen das Furd)tbar-€ragifcl)e, und darum betonen fie
in dem Gefpenftifd)-Dämonifd)en das Ergreifende. Durch ihre Grotesken weht der
Hauch der Refignation.
Einer der begabteften zeitgenöffifchen Künftler auf diefem Gebiete der Groteske ift
der Badenfer Willi Münd)~Kl)e. Dem großen Erleben der Gegenwart hat er in
feiner Radierung „Die Geborgenen“ Geftalt verliehen. Diefe fecl)s Wahnfinnigen, die
abgefd)loffen von aller Außenwelt, jeder nur feinen eigenen Ideen nachgehend, lebhaft
geftikulierend und redend, als ob es auf der Erde nichts wichtigeres als ihre Unter-
haltung gäbe, auf dem weiten Hofe des Irrenhaufes im Vorfrühling fpazieren gehen,
find in Wahrheit die Geborgenen. Sie ahnen nichts von dem Wafmfinn der Menfcl)-
heit, unter dem die Welt in allen Fugen zittert; ihr Geficl)tsfeld reicht nur bis an die

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