Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Bücßerfammelwefen

auch auf echtem Bütten, und zwar von Poefdjel
& ürepte in der Kleiß - Fraktur gedruckt, von
Fjeinrid) ßeufer mit fechs Originalradierungen
ausgeftattet und in Zalbleder gebunden wurde
(VerlagFriedricßDehne inLeipzig.lOOExem-
plare, M. 150.—, daneben eine billigere Husgabe).
Zweifellos zwei ßübfche Bücher, der Kleift fogar
ein fdßönes Buch, die der wahre Bücherfreund,
dem nur leider allmählich das Geld für die Un-
maffe von Luxusdrucken ausgeht, gerne befigen
wird. Hber beide Drucke find Beifpiele, daß zu
viel und ohne Klahl illuftriert wird. F)eine und
nod) mehr Kleift, beide Meifter in der Detail-
fchilderung, die die Handlung mit allen Neben-
umftänden, die Figuren mit allen Bewegungen
zeichnen, fo daß fie bis ins Kleinfte vor uns
ftehen, erreichen bereits ein Zöchftmaß von Klir-
kung, das die Illuftration nicht mehr zu fteigern
vermag, befonders dann nicht, wenn der Illu-
ftrator eine vom Dichter anfchaulich gefchilderte
Szene lediglich im Bilde wiederholt. Eine folcße
Illuftration hat nur dekorativen Charakter und
bleibt fogar bei einer dichterifcßen Kraft wie
Kleift hinter der Klirkung des Klortes zurück.
Der gute Illuftrator mit Einbildungs- und Ge-
ftaltungskraft greift ein feßeinbar nur nebenbei
gefallenes Klort auf, zeigt, was es nur andeutend
fagen will, und vertieft eine Szene, wie etwa
Julius Pascin in feinen Zeichnungen zu Zeines
„Memoiren des Zerrn von Scßnabele-
wopfki“, die 1910 als 4. Klerk der Pan-Preffe
erfeßienen und jeljt in einer neuen Husgabe,
von Oscar Brandftetter in Leipzig in einer mir
übrigens nicht zufagenden Kurfiv-Äntiqua ge-
druckt, mit verkleinerten Lithographien nach
Pascins Zeichnungen und in weißes Ziegenleder
gebunden, vorliegen (PaulCaffirer in Berlin).
Viel ftärker noch als Illuftrator zeigt fieß Friß
Scßwimbeck in feinen realiftifcßen und fym-
bolifcßen Originalradierungen zu dem Zyklus
„Madonnen“ von H. de Nora (Älfred Hnton
Noder). Zier unterftüßt ein reicher, zeicßnerifcher
Geift die Lektüre diefer frei gereimten Verfe
von ßcß opfernder Frauen- und Mutterliebe und
fteigert ißre Klirkung. Das feßöne Buch ift bei
L. Staackmann in Leipzig erfchienen, von
Spamer in Fraktur gedruckt, von E. H. Enders
in Ganz- oder Zalbpergament gebunden; die
von Kletterotß in München hergeftellten Ra-
dierungen wurden für die erften 25 Exemplare
auf Kaiferlich ZandjaPan abgezogen, für weitere
300 Exemplare auf Kupferdruck mit China; Sig-
nierung durch Dichter und Künftler ift felbft-
verftändlicß.
Einen Zößepunkt in der Kunft der Illuftrierung
[ehe ich in den zehn Zolzfcßnitten von Ern ft

Barlacß zu Reinhold von ttlalters Gedicht
auf das Petersburger Elendjahr 1918 „Der Kopf“
(Verlag Paul Caffirer in Berlin). Das ift
klarfte Spiegelung der Dichtung in einem eben-
bürtigen Künftlergeifte, der fich fähig zeigt, einen
infolge der Befonderßeiten des Inhalts und der
ttlortform vielleicht befteßenden Hbftand zwifeßen
Dichtung und Lefer zu überbrücken. Barlacß
mußte feine ganze Entwiddung dazu füßren,
auch als Zolzfchneider zu arbeiten. Und wie
der Zolzbildhauer fo wühlt auch der Zolz-
fchneider unfer Innerftes auf mit diefen von ihm
felbft in das Zolz gefefmittenen Zeichnungen,
die, wie feine Zolzfkulpturen, aus dem Dies-
feitigen ins Jenfeitige hinaufragen und gerade
in ißrer gebändigten Verßaltenßeit ungeheure
Kraft anhäufen. Der Illuftrator wäcßft über den
Dichter hinaus. Mit diefen Zolzfcßnitten geht
die neue Maximilian-Cype von Profeffor Kocß
glänzend zufammen, fo daß ein hervorragendes
typographifeßes Klerk entftanden ift, feßon in
der mir vorliegenden, in fteife Pappe gebun-
denen Volksausgabe (M. 15.—), für die auf den
Druck von den Originalßolzftöcken verzichtet
werden mußte und der Druck von Spamer mit
Galvanos in der Mafcßine ßergeftellt wurde.
Für die Vorzugsausgaben H (20 Exemplare,
Ganzlederband und eine zweite, einzeln fignierte
Folge der Zolzfcßnitte auf Japan in Paffepartouts,
M. 1000.—) und B (180 Exemplare, Zalbleder-
band oßne die zweite Folge der Zolzfcßnitte)
wurden die Zolzfcßnitte einzeln in der Pan-
Preffe mit der Zand auf Old-Stratford-Papier
gedruckt. .
In Ludwig Meidner ift der Dichter fo groß
wie der Maler [und Zeichner, folglich muß fein
neueftes Buch (das zweite, das er uns gegeben
ßat), dem er 14 Steindrucke beifügte: „Sep-
temberfchrei. Zymnen, Gebete, Läfterungen“
(Verlag PaulCaffirer in Berlin) das ideal eines
illuftrierten Buches darftellen. Meidner ßat mit
Unrecht über den Dicßtereßrgeiz gefpottet, der
gewaltig in ißm angewaeßfen war. Er ift ein
ganz Großer aucß als Dichter, eine eruptive
Natur von feffellofer Leidenfcßaftlicßkeit, ein
ekftatifcßer Menfcß, ein Zorcßer in die Kielt,
den der große CUelt-Unfinn bedrängt, der immer
den Schrei der eignen Bruft kündet, ein Vifionär.
Nun feßreit er fieß den Schmerz der Soldaten-
jaßre vom Kerzen, die ißm wie Müßlfteine um
den Zals hängen, fein Leben verpeftet haben
ihn zum Zaffer feines Vaterlandes, zum Pro-
pheten der großen Bruderliebe machten. Ihn
zwackt die Erde grimmig mit allen ihren Stacheln,
fein Scßädel ift voll Difteln und Unkraut, und
er feßreit der Zeit meuternd ißre Verbrechen

Der Cicerone, XII. Jal}rg., Ijeft 7

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