Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausstellungen

Feder Valentiners veröffentlicht, dem diefe
knappen Andeutungen nicht vorgreifen wollten.)
Ein Fjamburger Kunftfreund hat der Keftner-
Gefellfchaft feine prachtvolle Sammlung von
Negerplaftik hergeliehen, die in Schränken und
Vitrinen verteilt, einen feltfam harmonifchen
Akkord zu den Bildern des modernen Malers
abgeben. Mehr 3ufall als Abficht diefe gleich-
zeitige Vorführung zweier örtlich und zeitlich
fo weit auseinander liegenden Klerke. Und doch
wird etwas wie innere Verwandtfchaft offenbar,
weil die Reinheit und Größe der Form hier wie dort
überzeugt. Auch der Neger vom Kongo ift auf
feine Kleife ein Sucher Gottes. Unverbildet durch
Cradition und akademifche Erziehung erfteht in
ihm der fchöpferifche Menfch in feinen Klerken,
primitiv nicht reflektierend, aus dem Gefühl allein
heraus zeugend. Das ift es, was unfere mo-
derne Kunft fiel) wieder zurückzuerobern wünfeht.
Fjier wird die Verwandtfchaft im Schöpferifchen,
die felbft den Raffenunterfchieden fpottet, offen-
bar. Diefe anonymen Bildner aus 3entralafrika
haben das Glück gehabt, nicht auf Kunftge-
werbefchulen zu müffen, fo wird ihr „Gewerbe“
große Kunft. Staunend erlebt der Kultureuropäer
des 20. Säkulums vor diefen herrlichen Dingen
das Klunder eines wirklichen Schöpfungsmorgens
in der Kunft. G. B.
Kurt Schwitters
Im April zeigte der „Sturm“, Berlin, neue
Arbeiten von Kurt Schwitters.
Der Grundzug im Schaffen von Schwitters fcheint
mir feine große Ehrlichkeit zu fein. Es gibt
Menfchen, die unbefehen fchön finden, was all-
gemein feit ihren Voreltern fchön gefunden
wurde. Und es gibt, fehr viel feltener, Men-
fchen, die vor den durch die Gradition emp-
fohlenen Schönheiten wirklich nichts empfinden
— es ift gar kein böfer Klille — und die (das
ift nicht zu billigen) fo querköpßg find, das aus-
zufprechen. find dann gibt es einige, glück-
licherweife ganz außerordentlich feltene Men-
fchen, die einfach etwas anderes fchön finden.
Ein folcher ift Kurt Schwitters.
Die wohlklingendften, edelften, reinften Cöne
einer Symphonie, die jeder Gebildete fcßäßen
muß, können diefe Menfchen kalt laffen. Sind
es nicht doch Formeln, Konventionen . . . ön-
ehrlichkeiten? Aber der fchrilie Schrei einesVogels
oder das fchneidende Kreifchen einer Elektrifchen
in einer Kurve kann fie packen: „Das ift fchön!“
Eine unmittelbare, neue, gefchmähte, unerklär-
liche, verachtete wilde Schönheit.
Es gibt zunächft einen Kampf bei folchen Ent-
deckungen. Und die Macht der Bildung ift fo

ftark, daß oft der Menfch die reine Empfindung
diefer ihn raufchhaft ergreifenden wilden Schön-
heit mit Gewalt unterdrückt — aus Furcht vor
ihren recht umftürzenden Konfequenzen, die tat-
fächlich gar nicht abzufehen find. Lieber bleibt
man in der Kielt der Refpekte („Es war fo
fchön, es hat nicht füllen fein“), als fid) der
Gefahr eines dauernden Umlernens auszufeßen.
Der ehrliche Menfch aber kann nur feiner
Empfindung folgen, wohin auch der unbekannte
Kleg führen mag. Vielleicht geht an feinem
Ende alle Mufik und Malerei und Kunft felbft
verloren??? Aber eines geht doch auf keinen
Fall hierbei verloren: die Klahrheit... der Menfch!
Kurt Schwitters ift ein wahrer Menfch. Er
folgt treu wie wenige dem Gefeße feiner inneren
Notwendigkeit. Er findet Dinge fchön, die andere
verachten. Er haßt das Materielle, das Mittel-
bare, und fueßt das Unmittelbare, den Geift. Den
Ausdruck fand er in der Verwendung von Ma-
fcßinenteilen (u. ä.), die er durch die Art der
Benußung entformelt. Er gibt uns wieder
das, was wir lange entbehrten: Geheimnis.
Gleichzeitig mit Schwitters zeigte der Sturm
neue fehr gute Arbeiten von Oskar Fifdßer-
Karlsruhe und Georg Muche-KIeimar.
Adolf Behne.
Melly Jofepß)
Im naffauifchen Kunft verein zuKIiesbaden
fieht man zur 3eit die Gedächtnisausftellung von
Mellyjofeph. einer Kliesbadener Künftlerin, die
diefen öüinter in Berlin ftarb. Eine vornehm ge-
artete Seele, die inmitten heißen Ringens aus
dem alten, guten Kampf: Ich laffe dich nicht, du
fegneft mich denn! abberufen worden ift. Nun
bleibt ein halbes Gagewerk zurück. Klir fühlen
in jedem Stück den Aufftieg und doch auch, daß
noch ein Mehr zu fagen blieb. Die Gragik eines
nicht voll gelöften Verfprechens durchweht diefen
Nachlaß, der in Splittern: Gemälden, Skizzen,
Miniaturen, kunftgewerblicßen Exotica die Bliße
genialen Schaffens widerfpiegelt. Ciefe Ein-
drücke einer Jerufalemreife beftimmten das Kunft-
fchaffen der leßten 3eit. 3eitweife von Gauguin
berührter Expreffionismus. Die Spindelumriffe
orientalifcher Frauengeftalten wurden ein ftil-
bildendes Motiv. Dazwifchen gotifche Myftik.
Legendenpoefie. Geläuterter Semitismus, der
den Kleg von der orientalifchen zur chriftlichen
Myftik fuchte und fand. Ein Kreuzzug von
Jerufalem nach dem Norden. Das dornenvolle
Ringen einer philofophifd)en Natur, die, ferne
dem Kampf um äußeren Erfolg, fid) des künft-
lerifchen Schaffens nur als eines Mittels zur
inneren Läuterung und Klärung bedient. d).


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