Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Äusftellungen

feinen fo ganz individuellen Stil eingewirkt, die
uralten Jagdfzenen aus den Höhlen derf)öl)len-
menfdjen, die attifchen Vafen mit ihren Dar-
ftellungen aus dem Leben, und mexikanifrfje
Steingutwaren, die mit jenen beiden fo manche
Ähnlichkeiten aufweifen. Diederich aber ift nicht
ihr Nachahmer, fondern gleichfam ihr natür-
licher Nachfolger Deshalb wirken auch alle
feine Schöpfungen bis hinab auf Kaminfchirme
und andere Gebrauchsgegenftände des täglichen
Lebens fo fpontan, fo lebendig.
Bei Bourgeois gab es eine retrofpektive
Äusftellung von merken Jofeph Stellas, der
fich feit einiger 3eit, in feiner Ärt, der modernen
Bewegung angefchloffen hat. Ihm fcheint es
vor allem auf die Schaffung von Phantafie-
gebilden aus tiefen Farbenharmonien apartefter
Ärt und Linienornamenten, die ihr eignes Leben
führen, anzukommen, und in ihnen wirkt feine
Kunft erftaunlich fuggeftiv.
Messrs. Gimpel und milden ft ein haben
eine Reihe der vorzüglichsten Fjandzeichnungen
Äubrey Beardsleys zufammengebracht.
In der Riefenausftellung der juryfreien Un-
abhängigen war das Befte eine Sammlung
von Gemälden, die von Indianern ftammten. Fjier
war unverfälfchtes Kunftempfinden und -wollen,
ähnlich wie in jenen Höhlenzeichnungen: Gehirn,
Äuge, Hand, alle gleich fcharf und fchmell im Er-
faffen und Enthalten, und nur einÄusgehen auf das
Charakteriftifche, das in der Bewegung Bleibende.
Bei Montross konnte man einige kleine und
doch fo gewaltige Landfchafts- und Stilleben-
aquarelle Cezannes fehen.
Im Äusftellungsfaal des Grolier Clubs waren
künftlerifche Einbände vom 9.—19. Jahrhundert
zur Schau ausgelegt. Durch Strenge wie auch
Größe der Änordnung ragten das Lindauer, auch
Äfhburnham genannte Evangeliar vor allem
anderen hervor, meid) furchtbarer Sturz von
ihm zu den bunten Porzellandeckeln mit den
Heiligen in verblafenen Farben und leeren Ätti-
tüden, die das 19.Jahrhundert hervorgebracht hat!
Bei Ehrich Bros, war die bedeutendfte Äus-
ftellung eine fold)e exquifiter merke alter Meifter,
die u. a. zwei El Grecos „Heilige Jungfrau“ und
„Heiligen Johannes“, einen kleinen Rembrandt
„Heilgen Petrus“, einen Goya „Bildnis einer Prin-
zeffin“, einen Cintoretto „Scipione Clusoni“ und
eine „Madonna mit Kind“ von Pier Francesco
Fiorentino enthielt. F.
Die Künftlerbund-Äusftellung
in C f) e m n i H
Künftlerbund-Äusftellungen waren ftets Kom-
promiße; die heurige in Chemnitj macht davon

keine Äusnahme. Man fieht ein anftändiges
Niveau, ein paar eindrucksvolle Sachen, aber
kein Erlebnis im großen. Mit einem mort:
diefe Äusftellung hat keine Phyfiognomie. Sie
ift moralifch fehr hod) zu bewerten — die Führer
und Juroren treten mit einer liebenswerten Ent-
fagung ganz in den Hintergrund und überlaffen
der Jugend das Feld: aber der Erfolg lohnt
nicht ein fo felbftlofes Verhalten. Än der Ju-
rierung liegt das fchwerlid), fie fcheint un-
parteiifd) und faft durchweg mit Bewußtfein
der Qualität erfolgt zu fein. Eine Änzaßl von
Künftlern hat, erfdjreckt durch die politifchen
mirren, wider ihr Verfprechen nichts gefchickt.
Äber die Hauptfad)e ift doch wohl die: daß der
Künftlerbund keine fortreißende Macht darftellt.
Sein Name und Kiefen entbehrt der merbekraft,
bei aller Nobleffe der Gefinnung traut man ihm
keine Änregung zu, und fo fchickt man ent-
weder gar nicht ein oder nicht gerade die auf-
regendften Dinge. Künftler wie Nolde, Beck-
mann, Meidner, Kirchner, Otto Mueller, Segall,
Feininger, von der radikalen Jugend zu fchwei-
gen, vermißt man, wenn der Verfuch einer
Orientierung nach links durch Gefamtdarbietungen
Heckeis, Schmidt-Rottluffs, Erblöhs mar-
kiert wird; aber die meichmütigkeit der Äus-
ftellung bringt es fertig, daß felbft ihre Kollek-
tionen nicht recht aufkommen und klingen können,
vielleicht mit Äusnahme Schmidt-Rottluffs, von
dem neun ftarkfarbige Bilder, lofe gehängt, die
Längswand eines nach allen Dimenfionen un-
geheuren Saales füllen. Daneben brachte man
es aber fertig, die ausgezeichneten Landfchaften
maldemar Röslers fo zu verftreuen, daß der
doch ficher beabfichtigte Eindruck einer Ehrung
durch eine treffliche Gefamtfchau nicht auf-
kommen kann. Sicherlich hat man fich viel
Mühe gegeben, die weitläufigen Säle und hell
beleuchteten Kabinette der Kunfthütte gefchmack-
voll und unaufdringlich locker zu füllen. Kle-
niger Gefchmack aber wäre vielleicht mehr im
Intereffe der ftärkeren Perfönlichkeiten gewefen,
denen man mehr zuliebe tut, wenn man ihre
merke in gefchloffener Maffe und in den Haupt-
räumen verfammelt, als wenn man fie als Farb-
flecke an die Klände verteilt. So hat vielleicht
als Einziger, und verdientermaßen, Kokofchka
den Vorteil einer auffälligen Plazierung: das
einzige Klerk von ihm, die „Dame in Blau“ aus
dem Befilj der Dresdener Gemäldegalerie, wirkt,
im beften Raume, zwifd)en zwei matten Kalck-
reuths, aufreizend und belebend wie pe foll,
und wird dadurch mehr zum Sinnbild der Oppo-
ption als die auseinandergezerrte Reihe der
Schmidt-Rottluffs. Kokofchka war es auch, der

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