Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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licßcr, unbefriedigter, krankhaft empfindfamer Jüngling (den fie darum aucß gerne
fcßildert). Sie ßat deffen Gefüßlsausbrücße und Codesfeßnfucßt, feine im Grunde dod)
eßrlicße Verzweiflungspofe, ßat feine Morbidität und feine Fjyfterie. Sie kann aber
aud) das hinreißende Feuer, die Leidenfcßaft und die Begeifterung der Jugend zeigen.
Der Klaffizismus ßat die Eigenfcßaften des Alters. Er ift wie ein etwas müder,
blafierter und feßr kultivierter PJerr von 40 Jaßren, der fein Ideal in der richtigen Pro-
portion von Genuß und Ruße (meßr Ruße als Genuß) fießt, deffen Gefcßmack alles
Laute, Bunte und Pßantaftifcße als ftörend empfindet, und bei dem aucß nocß die
Liebe und der Fjaß innerßalb der Grenzen eines etwas pedantifcßen, guten Gefcßmacks
bleiben müffen.
Der Romantiker ift ein fcßöner, bleicßer, entßufiaftifcßer Jüngling; feine Karikatur ein
ßalbßyfterifcßer, unterernäßrter und unfäßiger „Äftßet“ von zweifelßafter Reinlicßkeit
und von unzweifelßaftem Größenwaßn. Der Klaffiker ift ein vollendeter Gefellfcßafter,
ein Sammler und Kunftkenner, ein überaus cßarmanter Heitmann von ßervorragendem
Gefcßmack; feine Karikatur ift der äußerlicß korrekte, fonft aber gänzlicß nücßterne und
pßantafielofe, farblofe „beffere“ fjerr“, der Normalgefellfcßaftsmenfcß.
Ift die Romantik der Früßling, wenn aucß ßäufig ein verregneter Früßling, fo ift der
Klaffizismus der Fjerbft, ßäufig ein fcßöner, nocß fonniger Fjerbft. Die waßre klaffifcße
Kunft aber ift der Sommer, die Reife, die lebenerfüllte Ruße, in der die 3eit ftille zu
fteßen fcßeint.
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Eine den Jaßreszeiten gleicßende Entwicklung vollzießt ficß aucß im Leben des In-
dividuums, fie ift am deutlicßften erkennbar in den Herken eines Künftlers.
Der Künftler ßat feine romantifcße Jugend und fein verftändiges, retrofpektives Älter,
und er ßat aucß — nicßt immer, und nur allzukurz — feinen klaffifcßen Moment, feine
Harmonie. Das ift der Augenblick, in dem Gefüßl und Verftand verfößnt find, Gedanke
und Form ficß entfprecßen. Die größten Künftler zeigen die vollkommenfte und aucß
die langwäßrendfte Fjarmonie, und darum bezeicßnet man fie ganz ricßtig als Klaffiker.
Eine waßrßaft klaffifcße 3eit war in Europa nur die Antike, waßre klaffifcße Kunft
aber entfteßt aufs neue mit jedem überragenden Genie, wenn es aucß der Antike nocß
fo fern fteßt. Hoßl gibt es aucß feßr große, aber unßarmonifcße Künftler; das find
die, bei welcßen das Gefüßl überwiegt, die „gotifcßen“ Künftler“ (etwa el Greco oder
Doftojewfki), woßl gibt es feßr große Künftler, deren Verftand reicßer als ißr Gefüßl,
und deren Stärke daßer in der Form liegt (etwa Rafael, Racine oder Änatole France),
und die man daßer als „klaffifcß“ im engeren Sinne des (Hortes bezeicßnen kann, bei
den Allergrößten aber verlieren diefe Bezeicßnungen ißren Sinn. Diefe find zugleicß
gotifcß-romantifcß und klaffifcß, oder vielmeßr weder das eine nocß das andere, weil
fie eben aus der Syntßefe der beiden eine ßößere Fjarmonie gebildet ßaben. Die Kunft
eines Sßakefpeare, eines Beetßoven, eines Lionardo und eines Micßelangelo ift der
Maßftab für eine 3ukunft, in der folcße Kunft keine individuelle und ifolierte Äusnaßme-
erfcßeinung meßr wäre, und in welcßer unfere größten europäifcßen Genies nur die
Erften unter Gleicßen wären.
Die waßre Romantik und die waßre klaffifcße Kunft find vorausaßnend und fcßaffen
die 3ukunft. Die Romantik wird der Ausdruck fein der 3cit, die unfer Gefüßl auf die
Fjöße des Verftandes bringt, zur Intuition reifen läßt, und die waßre klaffifcße Kunft
wird dann die neue Syntßefe diefer beiden bringen.

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