Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Grapijik

zweier Mappenwerke, die fid) u. a. auch da-
durch auszeichnen, daß fie nicht die Mode der
unerfchwingüchen Preife mitmachen, fondern fich
troß der künftlerifchen Qualität des Geleiteten
in annehmbaren Grenzen halten. So erfcheint
z. B. von Magnus geller eine mit fieben Litho-
graphien gefchmückte Mappe „Revolutions-
zeit“, die in 50 Exemplaren zu M. 300.— und
250 Exemplaren zu M. 165.— abgegeben wird.
Magnus geller hat in diefen Blättern vorzüg-
liche Sdhwarzweiß-KJirkungen hervorgebracht.
Er wirkt eigentlich mit dem Stifte noch intenfiver
als mit der Farbe, wozu der Vergleich des einen
Blattes befonders Änlaß gibt, das im ver-
gangenen Jahre als großes Gemälde in der Ber-
liner Sezeffion erfcßienen war. Das 3uckende,
Büßende, Hufgewirbelte, nervös Fjafchende und
Explofive revolutionärer Stimmung ift hier in
Schwarzweiß-Effekten zufammengeballt. Es ift
Erlebnis und vom Künftler tief Empfundenes,
das fich hier dokumentiert. Ein Klerk von Be-
deutung und großer künftlerifcherGeftaltungskraft.
In einer zweiten Mappe ftellt Friedrich Blau
fünf Lithographien, Impreffionen zur „Verkün-
digung“ von Paul Claudell zufammen, Blätter,
in denen im Gegenfeß zu Magnus 3eller der
Rhythmus der Linie fprictjt, fich alles in fein
durchdachten Konturen auflöft, wodurch Ge-
walten mit großzügiger Gebärde entfteßen, deren
Minenfpiel man gerne genießt.
Der Verlag von Äuguft Kuhn, Berlin, treibt
wohl die exklufivfte Verlagstätigkeit, da er es
fid) zur Hufgabe gemacht hat, Klerke von be-
fonderem künftlerifchen Klerte herauszubringen
und im Gegenfaß zur allgemeinen Publikations-
wut unferer 3eit fich auf die Verausgabe einiger
weniger hervorragender Stücke befctjränkt. Die
Kuhnfchen Bilderhandfchriften werden Dokumente
von dauerndem CUerte bleiben. Die vier bisher
erfchienenen Bände find wohl die koftbarften
Bucherzeugniffe unferer Cage. Fjandfchriftliche
Pergamentbände, gefchmückt mit Miniaturge-
mälden. Band I gibt die Legende vom Ver-
lorenen Sohn mit Bildern von Beckmann,
Band III den Barmherzigen Samariter von
Klaske, Band II und IV hat Klilly Jaeekel
illuftriert; einmal die Enthauptung Johannes, das
andere Mal die Matthäuspaffion. Diefes Klerk,
das foeben fertiggeftellt worden ift, ift ein Juwel
feiner ganzen Husftattung nach. Der Cext ift
von Rudolf Koch gefchrieben; den eigenartigen
Einband fertigte die Firma Söchting in Berlin,
indem fie einen Kopf nach 3ßicbnung von Klilly
Jaeckel in mehrfarbigem Leder fdmitt. Jaeckels
Deckfarbenbilder find von großer Klirkung; in
der Farbengebung ganz prächtig, originell in

der Huffaffung. Diefer Künftler, der fich wie
kaum ein anderer in den biblifcßen Geift hinein-
zudenken verfucht, gibt hier Kompoftionen von
erfchütternder Klirkung. Groß gefchaut und tief
erlebt, durchaus nicht konventionell in der Huf- *
faffung, fondern durchdrungen von einem felb-
ftändigen Geift.
Karl Georg FJemmerich hat bei Bruck-
mann eine Mappe „Kreisleriana“ mit elf Radie-
rungen herausgegeben, die das Spukhafte der
Voffmannfchen Erzählungen in erftaunlicherKIeife
zum Husdrucke bringen. Der Künftler bewirkt
dies durch eine intereffante Stricheltechnik, die
er hauptfächüch für die FJintergrundfchattierung
verwendet und die den Schattenpartien, aus
denen ab und zu magifche Lichter aufblißen,
etwas gefpenfterhaft Unruhiges, F)ufchendes, Un-
faßbares gibt. Die Geftalt Kreislers bewegt fich
darin in gekrampften, nervös verzerrten Ge-
bärden, die den Körper, deffen Konturen in dem
Ffalbdunkel eigenartig verfchwimmen, in vifionär
gefteigertenDimenfionenerfcheinenlaffen. Manch-
mal verbindet der Künftler mit der Stricheltechnik
eine feine Punktiermanier, die noch mehr zur
Lockerung der Lichtwirkung beiträgt. Befonders
eindrucksvoll ift ein Blatt wie „Der feltfame
Craum“, wo die alte Nactjtmar in konvuifivi-
fchen Krümmungen aufgelöft als Kontraft des
ruhig daliegenden Schläfers erfcheint.
Von weit geringerer Bedeutung ift die fieben
Radierungen Chr. Landenbergers enthaltende
Mappe deffelben Verlages, viel Konventionelles
ohne tieferen Klert bietend. Der Pilger, der
am Fuße des Kreuzes kniet, mutet wie eine
Reminifzenz aus der Donaufcßule an; die drei
Freunde um FJiob find alte Römertypen, befon-
ders der fteßende Mann dürfte gerade von einem
Sympofion kommen. Das Blatt mit Hdam und
Eva erfcheint uns völlig mißglückt; das befte ift
fcßließlich der freche Schreier Cherfites; auch
technifd) ift diefes Blatt am meiften abgerundet
und bewältigt. Man wird bei diefer Mappe
das Gefühl nicht los: das haft du fchon mal
irgendwo gefehen.
Die Kliener Firma Klürthle & Sohn Nachfg.
faßt die Tätigkeit ihrer Verlagsabteilung neuer
Graphik in einem kleinen Katalogheftchen zu-
fammen und veranfchaulicht durch einige Illu-
ftrationen die bisher publizierten Klerke. Von
dem nach Kleimar berufenen Johannes Itten
ift eine Mappe mit zehn Lithographien erfetjie-
nen. Oskar Laske veröffentlicht eine Serie
von neun Radierungen unter dem Eitel „Fauft-
Impreffionen“. Schließlich gibt die im Sommer
1919 in Salzburg begründete Künftlergemein-
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