Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Bücher

Der frü 1je üizian1
Von Cizians gefieberten Frübwerken ausgebend:
den Fresken am Fondaco dei Cedefcbi als Gior-
giones Mitarbeiter, den Fresken in der Scuola
del Santo zu Padua, der Fjolzsdjnittfolge des
Crionfo della Fede und der Assunta gibt Fjeljer
eine jebarfumriffene Cbarakteriftik der Kunft des
jungen Cizian und grenzt fie gegen Giorgiones
andersgerichtetes (Hollen ab. Nicht Cempera-
mentunterfebiede allein find maßgebend, „die
Flächen Cizians find Geile der Bildfläcbe, in
diefe unlösbar gebunden, die Flächen Giorgiones
dagegen gehören Körpern an, die auf der Bild—
fläche dargeftellt werden.“ Cizians Konturen
binden, Giorgiones Konturen löfen die Gegen-
ftände voneinander.
Dank der durch Stilanalyse gewonnenen Er-
kenntnis von Cizians Art wurden einige zwan-
zig Bilder aus feinem ttlerk geftricben, darunter
die Madonna mit Fjeiligen in Dresden, das Noli
me Cangere in London, der „Hrioft“, der „Par-
ma“ und das Konzert im Pitti. Freilich wird
bei all diefen Bildern faft ausnahmslos Cizians
ürbeberfebaft nicht zum erftenmal angezweifelt,
fie wurden aber dank Fjeßers vorzüglicher Ein-
fühlung vielleicht noch nie fo überzeugend als
Fremdkörper innerhalb Cizians (Xlerk naebge-
wiefen.
Die dem Buch beigefügten 30 Abbildungen
find überflüffig, da fie febon unzählige Male
reproduziert find. Man darf ohne weiteres an-
nehmen, daß dem Kunftbiftoriker, an den allein
fid) das Buch wendet, Fifcbels Cizian-Band
(Klaffiker der Kunft) mit feinen fehr viel fd)är-
feren Reproduktionen zur Fjand ift. Läge es
nicht viel mehr im allgemeinen Intereffe, an
Stelle des längft Bekannten febwerer 3ugäng~
liebes zu reproduzieren, etwa die im Anhang
befproebenen 3eicbnungen oder den Crionfo
della Fede? Rofa Scbapire.
Romain Rollands „Das Leben
Michelangelos“
ift eines der erfolgreichen (Herke der neueren
Kunftliteratur geworden. Die von Güilbelm
Fjerzog beforgte deutfdje Ausgabe, die der
Verlag vonRütten &Loeningin Frankfurt a.M.
in vorbildlicher Ausftattung herausgab, hat be-
reits das 40. Laufend überfebritten. (Hie Colftoi
und Beethoven ift auch Michelangelo für Rolland
der Repräfentant feiner 3eit, Verkörperer des
tragifeben Fjeldentums in der Gefcbicbte der
1 Ctjeodor befeer: Die frühen Gemälde des Cizian.
Eine ftilkritifd)e ünterfud)ung mit 30 Cafeln. Bafel, Benno
.Sdjwabe & Co., 1920.

Menfcbbeit. Das Bud} Rollands ift das CHerk
einesKünftlers, das die Cüiffenfchaft erröten macht.
Frimmels „Gemäldekunde“
Das für Sammler, Forfcber und Fjändler gleich
nützliche kleine bandbuch, das der Verlag von
J. J. Kleber, Leipzig, veröffentlicht, ift kürzlich
in dritter, ftark vermehrter Auflage erfebienen.
Das Buch wurde erftmalig 1894 aufgelegt und
hat fid) feitdem als praktifeber Berater bei allen
die Gemäldekunde felbft, die Schälung von Bil-
dern und deren kunftgefd)ichtlid)e Beurteilung
betreffenden Fragen vortrefflich bewährt.
Norddeutfdje Gotik
Im Verlag von Georg ttleftermann, Braun-
fchweig, pnd nacheinander zwei Bücher erfebie-
nen, die den Pbilofopben und Mediziner Prof,
bans Much zum Verfaffer haben. Der erfte
diefer durch den Niederdeutfcben Bund weitver-
breiteten Bände ift der Norddeutfcben Back-
fteingotik, der zweite der Norddeutfcben
gotifeben Plaftik gewidmet, jeder diefer
Bände vereinigt in einem gut gewählten Cafel-
anbang eine Anzahl von diedergaben von zum
Ceil wenig bekannten Denkmälern der 3eit. Es
wollen Bücher der Fjeimat im beften Sinne des
dortes fein und mehr dem durch keinerlei dif-
fensballaft befebwerten Lefer die Augen für die
künftlerifcbe Eigenart der Denkmäler öffnen als
ihm durch kunftgefcbicbtlicbe Analyfen den Geift
befebweren. Alfo Bücher, die abfolut unkunft-
biftorifd) pnd, aber an Lebendigem unfagbar
viel mitzuteilen haben. Die reine diffenfebaft
könnte vielleicht mancherlei kritifebe Anmer-
kungen mit Recht machen, aber damit würde
man weder dem Sinn diefer Bücher noch dem
lebendigen und modernen Geift ihres Verfaffers
gerecht werden, der Künftler und Pbilofopb in
einer Perfon ift und jene Einfühlung befi^t, aus
der heraus auch Vergangenes wieder den 3auber
gegenwärtigen Seins gewinnt. Muchs Diktion
ift knapp geprägt, überall auf das defentlicbe
geftimmt, wenn auch hin und wieder nicht ganz
frei von einem leifen erzieberifeben önterton, der
aber nirgends verftimmt. So wohnt diefenBänden
für den Kunftfreund in der Cat ein hoher künft-
ierifeber Klert inne und es erfebien uns als
Pßicbt, auch an diefer Stelte nacbdrücklicbft auf
diefe Bücher zu verweifen. B.
Jamniber
Im Verlag von Jofepb Baer & Co., Frank-
furt a. M., erfebien ein Monumentalwerk über
den berühmten Goldfehmied, das Marc Rofen-
berg unter dem Citel „Jamnißer. Alle erhal-
tenen Goldfcbmiedearbeiten. Verlorene

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