Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen

Dresdener Akademiker und Verwandter, wagte
fid) überhaupt nur nod) in den großen Aus-
heilungen der Künftlervereinigung und des Kunft-
vereins hervor; und nahm auch dort, in aner-
kennenswertem Refpekt vor der neuen 3eit, den
wehrhaften Schild von Sonderausftellungen vor:
Paula Moderfohn- Becker und ttl. Röslerfche
3eid)nungen im Kunftverein, Nolde (fogar zwei
Male) in der Künftlervereinigung. Übrigens muß
der tüahrheit die Ehre gegeben werden, daß
die Darbietungen diefer Vereinigung in der
Lenneftraße mit dem ausgezeichneten Gefchmack
und einer Gefd)icklid)keit dargereicht werden,
die Dresdens Ruhm als Ausftellungsftadt immer
nod) auf ihrer alten Höhe hält und fchon heute
auf die große Kunftfchau von 1923 fpannen
läßt, die fo etwas wie ein Rundbild des un-
gemeinen Begriffs »Rokoko“ in alter und gegen-
wärtiger 3ßit verfpricht.
Poelzig, dem diefer große Gedanke nahe-
fteht, hatte ebenfalls bei der Künftlervereinigung
eine Sonderfchau feiner ausgeführten und ge-
planten CCIerke; leider überwogen in der Gegen-
wart die le^teren: fd)limmes 3eid)en der bau-
feindlichen 3eiten.
In den Kulthandlungen ßnd m le^ter 3eit
faft nur Künftler der neuen Gepnnung zu fehen
gewefen. Hervorzuheben pnd bei Richter die
Plaftiken von Eugen 5°ffmann und die Ge-
mälde von öüalter Jacob; beides junge Dres-
dener, die zu den ftarken Hoffnungen der jungen
Generation gehören, fjoffmann vereinfacht die
plaftifchen Grundformen des menfchlichen Kör-
pers fo fehr, daß er die Farbe zur Charakteri-
fierung zu Hilf® nehmen muß; eine höchft in-
tenpve und unnaturaliftifche Farbe, die den
abftrakten Ausdruck diefer Plaftik in fehr un-
gewöhnlicher ttleife unterftreicht. Er bemalt
beifpielsweife einen Frauentorfo von ungeheuren
Rundungen feuerrot mit fchwarzem Haar und
goldnen, tief eingefenkten Augenhöhlen; oder
er verfieht einen blauen Akt mit roten Brüften
und Geßcht und einem Heiligenfehein, fo daß
eine tolle Mifchung von Bauernmadonna und
dadaiftifcher Dirne entfteht. Seine Graphik, na-
mentlich die Holzfchnitte, von ähnlicher Ent-
fduedenheit der Vereinfachung, der Raumenthal-
tung, des expreffiven Ornaments: man denkt an
einen geiftiger gewordenen Schmidt-Rottluff.
Nachdrücklicher wirkte noch die Malerei
Cüalter Jacobs, weil noch reichere Möglich-
keiten von ihr auszugehen fcheinen. Ein höchft
ungebärdiges Calent, das alle überkommenen
Rahmen, auch die des Expreffionismus, zu
fprengen gedenkt: zurüdegedrängt in 4l/a Jahren
fchwerer Kriegsfron, überftürmt fein Cempera-

ment nun in rafender Folge die Entwicklung
der lebten Jahrzehnte feit dem Impreffionismus,
türmt Farbengebäude auf einer Bafis von Pri-
mitivität und erfättigt fid) an keinem Format,
keiner Cecßnik, keiner Ausdrucksform. Sein
Schöpferifches läßt fich am eheften mit Marc
Chagall in Parallele fetten; diefe Verbindung
abftrakter Formen von Raumdurd)dringung, un-
bändiger Farbigkeit und Vorliebe für den ein-
fachen ümriß mit zartefter und wilder Phan-
taftik der Erßndung erfcheint bei dem Ruffen in
großem und geklärtem Maßftab. Doch wäre es
müßig zu Jagen, an welchen üfern er feine
Anker wirft oder wohin er fteuert, da fein Dä-
mon ihn raftlos vorwärts drängt. Vielleicht
wird gelegentlich einer Mappe mit Steinzeid)"
nungen, die demnächß herauskommt, mehr zu
fagen fein.
Ferner zeigt Richter eine große Nolde-
Ausftellung, die Gemälde, Segnungen und
Graphik vereinigt, ttler einigermaßen gewöhnt
ift, das Befte diefes Künftlers zu fehen, kann
nid)t fagen, daß ihn diefe Schau fehr bereichert.
Noldes Bedeutung zwingt, einen hohen Maßftab
anzulegen; und hier werden die malerifd) ftarken
Fälle von dem Grotesken in feiner Erfindung
und einer relativen Impreffion der Naturerfaffung
aufgewogen. Man darf das ruhig geftehen,
wenn man an Nolde glaubt und weil man an
ihn glaubt.
Bei Arnold fordern Karl Hofer und Max
Neu mann zum Vergleich heraus. Beide tragen
an ihrem Schickfal desÜbergangsmenfd)en fd)wer
und können deshalb nicht zu entfd)iedener Form
gelangen. Hofer ift der tragifchere Fall, weil
er die Laft der klaffifchen Cradition trägt und
dazu noch mit Cezanne und Greco zu kämpfen
hat, und weil er die unßnnlichere fprödere Natur
ift, vor allem aber, weil er das Geiftige rein aus
der Form (des menfchlichen Körpers) entwickeln
will. So bleibt feine Stimmung und feine Farbe
gleichermaßen im Nächtlich-Dumpfen, im Laften-
den des 3wiefpalts ftecken. mährend Neu-
mann, maffiver und ungeiftiger, aber im Natur-
gefühl von größerer ünmittelbarkeit, feine bib-
lifchen Szenen mit naiver Schwerfälligkeit aufbaut
und im Idyll bisweilen Cöne ßndet, die einem
deutfehderben Puvis oder gar Renoir alle Ehre
machen würden. Seinen Ahnherrn ßndet man
aber eher bei Delacroix und vor allem Daumier;
auch Beckmann (der frühere Beckmann!) ift nicht
ohne Eindruck auf ihn geblieben. Im ganzen
hat man bei Neumann eher das Gefühl, daß er
pd) in feinem 3uftand wohlfühlt und ßd) in
ihm häuslich einrichten könnte, fo daß er eher
noch einen Schuß Natur dazu vertragen und

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