Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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fcßließt fiel) — nach innen blickend. And)
das Brillenrund zieht fid) zufammen. Auf-
gehendes und untergehendes Geftirn.
Feine dlolkenzüge die Stirne. Ein ftilles
Lilagrau der Nafenlinien, angedeutet, und
ein flüfterndes Grau des Rockes in zwei
knappen 3wickeln gehen wundervolle
Einheit ein mit licßtbraunem Bart und in
der Sonne trocknendem Grün. Die un-
regelmäßige, fcßräge Stellung im Raum
ift unendlich) ausdrucksvoll: das Laufcßen
des einen ficßtbaren Oßres. Meßr nocß
als in diefem wird in anderen Selbftbild-
niffen eine entfernte Verwandtfcßaft mit
van Gogh) fpürbar. Eine Verbindung be-
fteßt auch) mit Böcklins Selbftbildnis mit
dem Lode. (Der Vater ift ein entßufiafti-
fcßer Verehrer Böcklins.)
Aus diefer reinen Stirn entftand der
„Indifcße Eempel“: ausfließender Reich-
tum, köftlicße (Inerfcßöpflicßkeit, abfolute
Einfacßßeit. Einfach und reich, wie alles
Indifcße — und problemlos.
In einem früheren Leben muß Göfcß
in Indien gewandert fein. Auch in feinem
Geficßt liegt ein Abglanz indifcßer Fjeimat.
Das feine Leuchten des Licßtes durch die
Fjaut, die fpiß nach unten fließenden
(dangen und das ßalb gefcßloffene Auge, das faft wie ein Scßlitjauge blickt, fo wie
Grünewalds Ifenßeimer Maria ein orientalifcßes, beinaße mongolifcßes Geficßt ßat, auch
fie vor Seligkeit die Augen fcßlißartig fcßließend.
Raufcßartiger Reicßtum in Eriumpßtoren, in Entwürfen für ein Eßeaterfoyer, in einer
pßantaftifcßen Eürumraßmung. Icß wüßte außer Paul Klee niemanden, der dem
Scßaffensquell des Ornamentes bei uns fo naße ift wie Göfcß. Seine dekorativen
und ornamentalen Arbeiten enthalten eine Fülle von Anregungen. Das Ornament ift
für Göfcß nicßts, das „erfunden“ werden müßte, fein Ornament erfindet fieß, bezießungs-
reieße Form im freien leichten Spiel nach allen Seiten, felbft. Einige 3eicßnungen
wirken als Büßnendekorationen von großer Scßönßeit. Vielleicht gewinnt ßcß eine
BOßne diefen Künftler.
Und doeß find am wertvollften woßl die zahlreichen kleinen Blätter, in denen fiel)
eine dielt des inneren Scßauens leife öffnet. Biblifcße Ehernen, Szenen der cßrift-
licßen Legende, der antiken und der nordifeßen Sage überwiegen. Docß der ümfang
des Erlebens ift geradezu erftaunlicß. Der „Eanz der 3'9arrenftummel“ und manches
andere ift fo luftig kindlich, daß man in Paul Göfcß nach dem Struwelpeter-Fjoffmann
den erften, wirklich wieder berufenen 3eicf)ner für das Kinderbuch feßen muß. An
die Eiere des Francis Jammes erinnern die zwei felig-fchattenßaften Pferde. An f)enri
Rouffeaus Pßanzenreinßeit die beiden Mäufe im Gras. Etliche Mofaikentwürfe haben


Paul Göfcß. Selbftbildnis.

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