Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Seite: 189
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Hermann Geibel. Panther.

Der Expreffionismus und das d>riftlid)e
M. y ft e r i u m von mela escherich
Was denn rechtfertigt mid), wenn nicht mein Merk?“ fagt Gerhart Fjauptmann
in feinem F)irtenlied.
Des Menfd)en Merk, die Kunft, fud)t wiederum den einfamen, übergrünten
Meg zu Gott . . .
Die neue Kunft.
Äuf fie richtet fid) der Glaube.
* *
*
Der Impreffionismus predigte keinen Glauben; nur ein vages Fjoffen.
Er konnte Meffiasfehnfüd)te ausdrücken, Spaltgefühle, kein Einswerden.
Die paar religiöfen Künftler der 3eit fdhwenkten von ihm ab, wie Fjans Choma oder
der ins Quattrocento flüchtende Previati oder der an die Nazarener anknüpfende Fugei
oder der fich an die Lutherzeit klammernde Gebhardt, — weil fid) die impreffioniftifche
Meltanfchauung mit ihren paffiven, zerfetzenden und ausweichenden Cendenzen dem
Pofitivismus religiöfer Überzeugung widerfetjt.
* *
*
Der Expreffionismus ift in feinem ganzen Mefen für die religiöfe Darftellung prä-
deftiniert. Durch die Ausheilungen wandelt wieder Chriftus.
Mie? Diefe Künftler, die von fid) und andern als Sozialiften, Bolfd)ewiften, Anar-
chien verdächtigt werden, holen fid) die Bibel und die Myftiker vor, verfenken fid),
neuer Andacht voll, in das alte Myfterium der Paffion?
Aber natürlich. Ob bibelgläubig oder nicht. Sie müffen wieder zu Chriftus. Meil
es kein anderes Motiv gibt. Meil unfere ganze Kultur chriftlid) ift. Mas denn fonft?

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