Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Seite: 356
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0382
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Mit 8 Abbildung / Von WILLI WOLFRADT

Oskar Coefter

Ob der Maler Oskar Coefter nun Expreffionift ift, das vermag ich nicht zu fagen.
Bei den meiften, die einem heutzutage begegnen, weiß man gleich, das find
Expreffioniften. Es fpringt einfach in die Äugen; aber wie oft bleibt es bei der
neumodifchen Attitüde, hinter der keine Leidenfcßaft ficßtbar wird. Die Formen find
fanatifcl) frifiert, die Palette fchreit zügellos, und im Grunde ift es dann doch nur eine
andere Art von Konzilianz. Coefter hat fich nicht hineinziehen laffen in das äußere
Geßabe der vielen Laiente, die aus den Eroberungen des modernen Genies Manier
fchlugen. Man wird ihn nur achten können dafür, daß er fich nicht mit einem leicht-
fertigen Ruck von der Tradition losgemacht, fondern ßch aus Eigenem entwickelt hat,
mag fich diefes auch feßr deutlich aus dem Erbgut früherer Generationen nähren. Fjat
fich Coefter auch nie als formfchöpferifche Potenz, als Erfcßließer neuer Vorftellungs-
bezirke gezeigt, ift fein Uleg auch der eines Sammelnden, fo trägt doch fein ganzes
Schaffen (und mehr als das fo vieler Neutöner) eigenes Geficßt, nicht etwa nur ver-
möge einer perfönlicßen Handfcßrift, die ja fchließlich jeder hat, fondern vermöge eines
eigenen Lemperaments.
Coefter hat einmal im Banne Böcklinfcßer Myftik geftanden, dann lockerte fich feine
Fjand und ging eher dem jüngeren Böcklin verwandte Pfade, feine paftofe Pinfel-
führung erinnert an kleine Stücke von Marees, fein Lempo an Delacroix, fein Sinn
für farbige Mythologie, für baeeßantifeße Epifode an Pouffin, feine fchaumige Anmut
an Fragonard, feine Palette an Ulatteau, fein landfcßaftlicßes Raumempfinden an Claude
Lorrain. Aber auch Cezannes flächige Melodik, Liebermanns 3ügigkeit, Kokofcßkas
Melancholie, Corots differenzierter Gefcßmack und noch fo viel man will, wären un-
fchwer an feinem UIerk aufzuzeigen. Und doch ift es in gar nichts epigonenhaft. Denn
alles ift gebrochen oder durchdunkelt von einer individuellen Stimmung, in die die
Vielheit fremder Elemente fich reftlos gelöft hat. Alles das ift wirklich in Coefter ein-
gegangen, fcheinbar mit einer Art Verzweiflung von ihm verzehrt worden. Dies tra-
ditionelle war fchließlich doch nur fein Material, nicht fein Ergebnis. Epigone ift, wer
fich felbft nicht findet. Coefter, der äußerlich betrachtet, oft in verfeßiedener Geftalt
aufgetreten ift, und dem fo leicht ein Dußend Größere nachzuweifen find, von denen
er (Uerte übernommen hat, ringt in allen feinen Bildern notvoll mit feinem bitteren,
einfamen, düfteren Selbft. Sie haben fchließlich alle feßon den ftoßweifen Atem, das
qualvolle Rubato, die ringende Ängft in fich, die feine leßten Klerke nun ganz un-
verhüllt ausprägen.
Diefe Angft funkelt feßon in jenen heiß ßüfternden Mythologien früherer Jahre auf,
fchwebt in dem raufcßßaften Leuchten jener feßeinbar robufteren Farbenfkala mit, um
fpäter immer größere Macht zu bekommen. Die Bildniffe zeigen bange Menfcßen, die
fiel) feßeu umwenden, erfeßüttert zurückßalten, angeßaltenen Atems in fieß ßineinlaufcßen;
die Hände wagen nicht zu faffen, der Blick geßt am Betrachter vorbei, bleich feßimmern
die Geficßter, verfeßwimmend faft mit krankem Glanz zwifeßen dunklem Gewand und
dunklem Hintergrund (Äbb. 1, 3). Diefe Menfcßen können dem Lag nicht ins Äuge feßen,
fie ßören die Qual, fie hängen beklommen zwifeßen den Stunden. Aber diefes gleicßfam
Verfcßeucßte, dies müde Fröfteln fprießt fich nicht rein mimifcß aus, es ift vor allem
die farbige Haltung, die diefen Ausdruck einer tiefen Verzagtheit bewirkt. Und fo ift
es bei jenen Landfcßaften, die troß all ißrer UJeiträumigkeit und Liefe eng und voll

356
loading ...