Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik

und nad) in zahlreichen anderen Städten des
Reiches, vielleicht auch in Verbindung mit den
Denkmälerarchiven oder den kunftfuftorifchen
Inftituten der Univerfitäten, Filialen der Bild-
[teile eingerichtet werden. Huch in einigen
Städten des Huslandes, befonders in der Schweiz
und in den Niederlanden, würden folche Filialen
ficher dazu beitragen, dem deutfchen Namen
Ehre zu machen. Vor allem aber [oll die ftaat-
liche Bild[telle un[eren eigenenBedürfniffen Rech-
nung tragen, indem [ie für Erziehung und Unter-
richt, für den For[cher und den kun[tliebenden
Gebildeten das Material in leicht erreichbarer
Kleife zu[ammenträgt.
Die Luxusbefteuerung der
bildenden Künftler
3u die[em leidigen Chema erhalten wir aus
Kün[tlerkrei[en noch folgende 3u[cbrift:
Diefe Beteuerung ift der [chlimmfte, gefähr-
lichfte Luxus, mehr noch, [ie i[t eine kulturelle
Schmach!
Mit Gefühlen tief[ter Erbitterung, Crauer und
Befchämung muß es jeden feiner empfindenden,
für Kunft empfänglichen Menfchen erfüllen, daß
in der Deutfchen Republik der Künftler und [ein
Schaffen brutal und grobfchlächtig als Luxus
beftraft und zertreten werden [ollen.
in Deutfchland [ollen alfo fortan Schöpfer
höchfter kultureller Klerte und deren Klerke nicht
mehr als Glück und Notwendigkeit betrachtet
werden; Dürer, Chodowiecki, Menzel, Leibi ufw.,
[ie alle find laut Gefetj als Luxusfabrikanten zu
behandeln und zu beftrafen. Denn diefe Steuer
mit ihren grotesken Husführungsbeftimmungen
bedeutet eine Uodesftrafe für die deutfehe Kunft
und den deutfchen Künftler. Hn den Litfaß-
fäulen prangen bereits zur Freude der Mitwelt die
diesbezüglichen Befehle und Strafandrohungen.
3war das famofe „Lagerbuch“, diefe „Hus-
lieferungslifte der geiftigen Klerte“, darinnen
alles, was der Künftler „verbrochen“ hat, fein
fäuberlich zu Nui} und Frommen amtlicher Be-
fchnüffelung notiert fein follte, diefes Lagerbuch
hat nach langwierigen Verhandlungen der fo
kunftverftändige Gefe^geber fchweren Herzens
fallen laffen; aber von der kaufmännifchen Buch-
führung will er [ich nicht fo ohne weiteres trennen.
Sie [oll nur dann ev. dem Künftler gnädigft er-
laffen werden, wenn felbiger in einer diesbezüg-
lichen Eingabe ergebenft darum bittet und dar-
legt, daß er doch keinen „Betrieb“ habe und
nicht in der Lage fei, einen Buchhalter zu be-
fchäftigen. Das alles ift graufam, pedantifch
und wider die Natur des Künftlers, aber daran

ftirbt man fcbließlich nicht, wenn auch die Kunft
dabei in die Binfen geht. Manchem Künftler
wären kaufmännifche Kurfe vielleicht heilfam.
Kloran aber Kunft und Künftler unweigerlich
zugrunde gehen müffen, das ift diefe irrßnnige
Steuer, die, auch fteuertechnifch betrachtet, das
genaue Gegenteil von Gerechtigkeit ift, weil fie
nicht den Gewinn als folchen, fondern den Ge-
famtumfah, alfo auch denümfah mitSchaden,
in geradezu wucherifcher Kleife mit 15% be-
fteuert. Die Schieber haben wieder einmal große
3eit und die Sozialifierung des Kluchers hat
einen neuen Fortfehritt zu verzeichnen. Die
wilden Kunfthändler und Spekulanten, denen
Kunft wirklich nur Klare ift, verfpüren bei ihren
Riefengewinnen die Steuer gar nicht, aber der
[ich mühfam durchringende Künftler, der, zumal
je^t, mit großem Verluft, nur um fein und der
Seinen Dafein zu friften, verkaufen muß, er wird
durch diefen Steuervampyr völlig ausgefogen!
Einkommenfteuern wie jeder andere zu zahlen,
werden die Künftler felbftverftändlich [ich nicht
weigern; aber diefer Steuer gegenüber, die neben
der Einkommenfteuer auch noch die Unkoften
mit Befchlag belegt und womöglich mehr als
das gefamte Einkommen einfordert, fofern un-
glückfeligerweife der Umfatj mit geringem Preis-
auffchlag erfolgen mußte, diefer Steuer gegenüber
gibt es nur eins: Die gefamte Künftlerfcßaft muß
[ich wie ein Mann dagegen erheben und ver-
langen, daß der bildende Künftler, wie er es bis
zum 31. Dezember 1919 war, davon befreit und
fein Schaffen geachtet werde! Sache des Reichs-
tags und der leitenden Stellen wird es nunmehr
fein, zu beweifen, daß man nicht nur bei offi-
ziellen Gelegenheiten mit fchönen {Horten für
Förderung geiftiger und kultureller Güter ein-
tritt, fondern auch gefetjgeberifch fo handelt,
daß unfere Kultur nicht zum Gefpött der anderen
wird. Jacob Plessner.
Der fUeimarer Kunftkonflikt
Gropius, der Leiter des ftaatlichen Bauhaufes
in GQeimar, Organifator, Cemperament, Könner
und Kind der neuen 3eit hat es wahrlich in der
Goethefchen Mufenftadt, dem Dorado deutfeher
Geiftes-und Moralphilifter, nicht leicht: Seit Mo-
naten tobt ein kleinlich gehäffiger Kampf gegen
den Mann und fein Klerk in Kleimar; ein Streit,
der, angeblich um künftlerifche Prinzipien ge-
führt, jene üblen parteipolitifchen Formen an-
genommen hatte, die uns heute in der Kielt
mehr diskreditieren als alle Nöte unferes wirt-
fchaftlichen 3ufammenbruchs. Überzeugt, daß
Gropius der Mann ift, fein Klerk felbft zu ver-
teidigen, haben wir es bisher abfichtlich ver-

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