Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Behandlung, die man fcßonfam als „Einbalfamierung“ bezeicßnete und die nur die
fefteften üeile übrig ließ, in einer Kifte nach Schweden gebracht worden, wo ße am
4. Juli 1374 anlangte. Für gewöhnlich ift die Kifte in einem Klofterraume aufgeftellt,
der als sanctum sanctorum bezeichnet wird und am Gewölbe wie an den (Händen
wertvolle Bemalung, wefentlich der hanfeatifchen fpätgotifchen Art, zeigt. Es gibt keine
Rückficht, nach der nun der Haften, über deffen Herkunft und Echtheit es geteilte Mei-
nungen gab, nicht aufs forgfamfte unterfucht worden wäre. Die Forfcßung geht ge-
wiffermaßen vor unfern Äugen vor fiel). Das Mikrofkop hat erwiefen, daß fie in der
Cat aus italienifcßem Fjolz ift. Die Befcßläge find derb; ihrer würden fid) die kunft-
reichen Schmiede unferer nordifchen Länder wohl gefd)ämt haben. Das koftbare Heilig-
tum fteht auf künftlerifd) geftaltetem Qnterbau. Die Altäre und Scßnißwerke der Äus-
ftellung find von namhafter Mannigfaltigkeit. Das befte und wertvollfte ift aber überall
lübifd); fo gleich der Hauptaltar, 1459 aufgeftellt, verfertigt von Hans Hoffe und Jot).
Stenradß. Dod) wiffen wir auch, wie im Klofter felbft reiche Kunfttätigkeit geübt
worden ift und ße hat gute Spuren hinterlaßen. Namentlich aber hat ßcl) weibliche
Kunftfertigkeit bewährt und der Nachwelt einen wunderbaren Scl)aß von HIeberei und
Stickerei überliefert. In fehr eingehender Behandlung erhalten wir ferner alles vor-
geführt, was an gefeßriebenen und gedruckten Büchern und Blättern ßd) irgendwie auf
die Heilige bezieht oder ihre Offenbarungen und Ordnungen überliefert. Kurz, es ift
keine Rückfid)t denkbar, in der diefe merkwürdige Äusftellung nicht lückenlofe Voll-
ftändigkeit bezweckte und foweit wir urteilen können, auch erzielt hatte und das HIerk
felbft gibt dazu die wißen fcßaftlicße Ausbeutung und die literarifd)en Anknüpfungen.
Nur daß man eben das Klc fter felbft nicht nach Stockholm hat bringen können.
Unter den gegebenen ömftänden fehlte es natürlich riid)t an manchem Kleinlichen
bis zu den Näh- und Häkelnadeln der Nonnen, und an manchem, was man lediglich
als Kuriofum anfehen möchte; dod) würde man fid) täufchen, zu glauben, der Charakter
entbehre der Großartigkeit und einer umfaffenderen Bedeutung. Namentlich ift einer-
feits jener Schaß an Cüerken der weiblichen Handfertigkeit ßccßft bedeutend, und ander-
feits ift es der reiche Vorrat der Scßnißwerke. Vier Altarfcßreine und Cafeln, elf
Scßnißwerke aus der öüadftener Kirche, 24 Scßnißbilder der heiligen Birgitte felbft
treten überragend hervor. Dazu Ölmalereien, Darftellungen von der heiligen Katharina,
Reliquienfcßreine, Pilgerzeichen und anderes meßr. Im ganzen füßrt die Befcßreibung
210 Nummern und ein paar Kleinigkeiten auf. Die Äusftellung war alfo aucß ferne
von der erdrückenden Mannigfaltigkeit, unter der die Befucßer fo vieler ähnlicher Ver-
anftaltungen leiden. Im allgemeinen, und namentlich für den Lübecker, mußte der
Eindruck der fein, daß man fid) im deulfcßen Kunftgebiet befand, denn überall waren
da Fäden der lübifcßen Kunft bemerkbar. Nicht bloß jene heilige Muttergottes ift ein
Glanzftück ißres Kieifes, aucß ein heiliger Hieronymus verdient gleiche Beachtung und
die ßöcßfte Klertfcßäßung. Der perfönlicße Eindruck dießs tief vergrämten Denker-
gefießtes, das Bernd Notke um 1480 gefeßaffen haben wird, ift überwältigend und
unvergeßlich.
So ift diefe Äusftellung und ißr in diefem üderke niedergelegter dauernder Nieder-
fcßlag ein Ereignis aucß für uns und eröffnet ßeilfame Äusficßt in eine 3ukunft, in
der, nacß manchen ähnlichen ünterneßmungen, der Gefamtblick über das ungeheure
Reicß der lübifcßen Kunfttätigkeit und aller der damit zufammenßängenden Richtungen
in ßeute nur zu aßmnder Größe, Liefe und Hleite ermöglicht fein wird.

Der Cicerone, XII. Jal)rg., peft 24

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