Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Büdjerfammelwefen — Neue Bücher und 3eitfd>riftcn

hundert in der Schrift eines berühmten franzö-
|ifd)en Gelehrten gefunden hat. Henri Eftienne,
vielleicht das bedeutendfte Mitglied jener einft
fo viel genannten Buchdruckerfamilie, hat näm-
lich im Jahre 1574 der Frankfurter Meffe eine
Lobfchrift gewidmet, die gerade aus fold) be-
rufenem Munde als hiftorifches Denkmal zu
allen 3eiten, befonders auch im Ausland, ge-
würdigt worden ift. Im Aufträge der ftädtifchen
hiftorifchen Kommiffion hat Dr. J. 3iehen diefe
Schrift mit einem kurz orientierenden Vorwort
und einigen hübfchen Abbildungen zum erften-
mal in deutfdjer Überfettung herausgegeben und
es fo auch weiteren Kreifen ermöglicht, von dem
Inhalt diefer intereffanten Lobfchrift eine Vor-
ftellung zu gewinnen.1
Henri Eftienne hat pich in den fechziger Jahren
des 16. Jahrhunderts infolge feiner Freundfchaft
mit ülrich Fugger viel in Deutfchland aufge-
halten und anfcheinend mehrmals die Frank-
furter Meffe aus gefchäftlichen Gründen bejucht.
Cüir erfahren aus feiner Schrift, daß befonders
die Büchermeffe nicht nur in Deutfchland, fon-
dern auch in ganz Europa eine einzigartige Rolle
gefpielt hat; denn ihre Anziehungskraft beftand
nicht allein in der Menge und Qualität der dort
zum Verkauf ausgeftellten Bücher, fondern vor
allem auch in dem Befuch der bekannteren
deutfchen und ausländifchen Gelehrten. COenn
ich im folgenden einige Säge aus der Schrift
anführe, fo mögen fie nicht nur als Beleg für
diefe Angaben, fondern insbefondere auch als
Probe des feltfamen, gewundenen, ganz an klaf-
fifchen Vorbildern gebildeten Stils des berühmten
Autors dienen.
„hier kann man gar manche der Lehrer in
den Buchhändlerläden felbft nicht weniger ernft
philofophieren hören, als es einft in den Räumen
des athenifchen Lyzeums von Männern wie
Sokrates und wie Plato gefdjehen ift. Und nicht
nur Philofophen fchicken jene berühmten Aka-
demien, die Güiener, ttlittenberger, Leipziger,
Heidelberger, Straßburger, und, von auswärtigen,
die zu Loewen, Padua, Oxford und Cambridge —
fie und fchier zahllos andere fchicken, fage ich,
nicht nur Philofophen her, fondern auch mehr
als einen Kenner der Dicht- oder Redekunft, der
Gefchichte, der mathematifchen Kliffenfchaften,
ja fogar manche Männer, die auf allen diefen
Gebieten zufammen fadjverftändig find — . . .“
Sehr fein verbindet Fjenri Eftienne mit diefer
Schilderung des lebendigen geiftigen Lebens,
das damals in Deutfchland blühte, einettlürdigung
1 Der Frankfurter Markt oder die Frankfurter Meffe
v. Fjenricus Stephanus. Im Äuftrag .. . l)rsg. v. Dr. Julius
3iet)en. Frankfurt a. M., Diefterweg 1919.

deffen, was Deutfchland in vergangenen feiten
der ttlelt durch die Erfindung der Buchdrucker-
kunft gefdjenkt hat. Auch in diefer Hinficht
kann alfo die Schrift als Quelle dafür angefehen
werden, wie allgemein und unbeftritten in jener
3eit Mainz als üliege der Buchdruckerkunft galt.
Auch fonft bietet die Schrift mancherlei, das
auch heute noch von Intereffe ift, fo daß pich
die Frankfurter Kommiffion mit der Herausgabe
und Verdeutfchung ein Verdienft erworben hat.
Ich bedaure nur, daß dem Vorwort genaue
bibliographifche Angaben über den Originaldruck
fehlen, fie wären bei einem fo feltenen Druck-
erzeugnis ficher von Intereffe gewefen. Ich gebe
deshalb hier den Eitel des Eraktats nach Brunets
Manuel E. 2, Kol. 1082: „Francofordiense empo-
rium, sive Francofordienses nundinae: quam
varia mercium genera in hoc emporio prostent,
pagina septima indicabit. Anno 1574 excudebat
Henr. Stephanus, 8°.“ — Abgebildet ift das Eitel-
blatt in der fchönen Ausgabe, die J. 6Ü. Ehompfon
1911 als Veröffentlichung des Caxton Clubs her-
ausgegeben hat. Diefe Ausgabe bringt auch
neben einem reichen Abbildungsmaterial, den,
wie man aus der Überfegungsprobe fleht, nur
fdffecht zu entbehrenden lateinifchen Eext. v. R.
Neue Bücher und 3eitfd)riften
Vom Städtebau
Der Städtebau als künftlerifches, wiffenfehaft-
liches und volkswirtschaftliches Problem ift eine
deutfcheGeiftesfchöpfung des altersreifen ^.Jahr-
hunderts. Von formaliftifchen Einzelheiten aus-
gehend: gerader oder krummer Straße, fym-
metrifcher oder malerifcßer Bauweife, monu-
mental betonter oder freigelaffener Plagmitte,
hat Camillo Sitte einft mit feinem berühmten
Buch von 1889 diefe neue Disziplin gefchaffen,
der fich bald eine große Anzahl von Praktikern
und Eheoretikern anfdffoß. Seit 1903 erfchien
unter feiner Führung im Berliner Verlag Ernft
ttlasmuth die Monatsfchrift für die künftlerißhe
Ausgeftaltung der Städte nach ihren wirtschaft-
lichen, gefundheitlichen und fozialen Grund-
fägen, „Der Städtebau“, an der fich Tämtliche,
den 3eitwillen erkennenden, baulich feßöpfe-
rifchen Kräfte beteiligten. Eine wefentlicße Re-
aktion auf Sittes vor allem malerifch und reali-
ftifch empfundene Auffaffung des Städtebaus
[teilen die 1908 u. ff. erfdßienenen kunftgefchicht-
iichen ünterfudjungen von A. E. Brinckmann
dar (feine „Deutfctje Stadtbaukunft der Ver-
gangenheit“ erlebt gerade heute ihre zweite,
verbefferte Auflage), die dem großräumig Mo-
numentalen, überhaupt der ftrengen Ardjitektur-
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