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Pfälzer Bote für Stadt und Land — 1868

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Nr. 130-141 (3. November - 30. November)
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Samstag den 21. November



Die bürgerliche Standesbeamtung.
i.
Der Vorschlag „von der Tauber", „es sollen die Geistlichen
am Ende dieses Jahres die Führung der bürgerlichen Standes-
bücher niederlegen, wogegen die kirchliche Behörde nichts einzu-
wenden haben würde", dürfte wohl bei manchen Geistlichen das
Bedenken erregen, ob letztere Voraussetzung auch begründet sei, und
gedachtes Vergehen nicht als eine Auflehnung gegen kirchliche
Anordnung getadelt werden könne?
Es ist nicht bekannt geworden, daß bei Einführung des 6oäe
Mxoleon als badischen Landrechies die damalige katholische Kirchen-
behörde um ihre Zustimmung zur Verwendung der Geistlichen
und der Kirchenbücher für die Standesbeamtung angegangen wor-
den sei. Erst am 6. Dec. 1810 — also gerade ein Jahr nach
Einführung des Gesetzbuches — erschien eine desfallsige bischöfliche
Ordinariatsweisung; in derselben erklärt der geistliche Regierungs-
präsident von Wcssenberg — der stets gehorsame Diener der Staats-
gewalt in allem, was sie auf kirchlichem Gebiete anzuordnen für
aut fand —„ die Geistlichen dem Staate und der Kirche verant-
wortlich für Einhaltung der näher bestimmten Vorschriften der
Landesregierungen, in welcher Form die Pfarrbücher abge-
faßt werden sollen." Er nimmt also, so scheint's, die Beschlag-
nahme der Geistlichen und der Pfarrbücher durch den Staat als
vollendete Thatsache hin, ordnet aber, um doch einigermaßen den
Schein eines Miteigenthums vor der Welt zu retten, die Ein-
sichtsnahme dieser Bücher bei der Kirchenvisitation an: „damit die
eingeführte bessere Ordnung nirgends durch Nachlässigkeit Abbruch
erleide." Eine feine Schmeichelei für die Staatsregierung, die die
bessere Ordnung eingeführt, und ein grober Fußtritt für die
vorhergegangene kirchliche Unordnung. Sehr dienstfertig wird auch
noch der geistliche Decan bei der Kirchenvisitation zur Disposition
gestellt, um über „der eingesührten bessern Ordnung des Staates
in den Kirchenbüchern zu wachen", als ob nicht die „vorzügliche
Aufmerksamkeit der Landesregierungen auf diesen Gegenstand" und
die Strassätze des Landrechts und des Strafgesetzbuchs — was
alles der geistliche Regierungspräsident stillschweigend und mit Dank
für seine Geistlichkeit hinnimmt — der kirchlichen „Nachlässigkeit"
hinlänglich und übergenug vorgebaut gehabt, und die nachträglich
ungeordnete kirchliche Einsichtsnahme als eine nichtssagende, leere
Förmlichkeit hätten erscheinen lassen, wie sie es auch geblieben u.
wohl nirgends in Ausführung gekommen ist.
Da gerade von der Kirchenvisitation die Rede ist, so kann

ich nicht umhin ein desfallsiges Curiosum mitzutheilen, zum Be-
Belege der früheren Behauptung, es sei durch den ans dem Gebiete
der Standesbeamtung herrschenden Schreiberdespotismus das kirch-
liche Bewußtsein der Geistlichen corrumpirt worden.
Gelegentlich einer Psarrvisitation wurden dem Decan auch
die Pfarrbücher zur Durchsicht nach kirchlicher Vorschrift unter-
breitet. Nach Abschluß des Geschäftes verlangte der Pfarrer, daß
der Herr Decan auch „gelesen und richtig befunden" in die Pfarr-
bücher setzen möge. Der Decan, ein sonst kirchlich gesinnter und
wohl unterrichteter Mann, wies das Ansuchen mit Erstaunen ab:
in's Visitationsprotokoll wolle er den Befund aufnehmen, aber in
die Bücher dürfe er nichts schreiben, darüber habe das Amt allein
zu verfügen und könnte am Ende von diesem der Strich oer
Decanatsbemerkung befohlen werden!
Seit der Wessenbergischen Verordnung ist, soviel mir bekannt,
eine weitere Verfügung der Kirchenbehörde nicht mehr erschienen,
woraus die jeweilige Stellung der Kirchenbehörde gegenüber der
immer mehr überhand nehmenden Maßregelung der geistlichen
Standesbeamten durch die „Schreiber" ersichtlich wäre.
Um so klarer und entschiedener aber spcacy sich der Hochw.
Erzbischof Hermann im Jahr 1854 während des Kirchenstrsites
über diesen Gegenstand aus. Als die Staatsregierung den kirchen-
treuen Geistlichen die Temporalien sperrte, untersagte der Erz-
bischof den betreffenden Geistlichen unter kanonischem Gehorsam
die Führung der bürgerlichen Standesbücher und die Functionen
der bürgerlichen Standesbeamten: „indem er nicht einsehe,
wie man einem Geistlichen, dessen Temporalien man sperrt,
Arbeiten zumuthen kann, welche nicht einmal in den
eigentlichen Berufskreis eines Seelsorgers gehö-
ren, sondern nur aus besonderer Rücksicht gegen
die Staatsbehörde von der Kirche ihnen gestattet
worden ist." (Erzbischöfl. Erlaß an das Staatsministerium
vom 12. April 1854.) Deutlicher und unumwundener konnte nicht
ausgesprochen und bethätigt werden, daß der Staat auf die Kirchen-
bücher kein Recht, sondern nur eine gutthatsweise Benützung der-
selben bewilligt erhalten habe, daß die Standesschreiberei außer
dem Berufe des Seelsorgers liege, ihm deshalb nur gestattet
worden sei. Im „Gestatten" liegt aber keine Verpflichtung für
den Betreffenden, sondern nur die Erlaubniß von der Gestattung
nach Belieben Gebrauch zu machen oder nicht. Nach diesem Vor-
gang des Hochwürdigsten Oberhirten besteht also dermalen für
sämmtliche Geistliche der Erzdiöcese kein Befehl zur Führung der
bürgerlichen Standesbeamtung, und kann dieselbe von jedem Ein-

Jm Leben schweigen und sterbend vergeben.
Nach dem Spanischen des Fernan Caballero.
(Fortsetzung.)

„Stellen Sie es nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Es ist eine derjeni-
gen einfachen Wahrheiten, gegen die sich der Stolz des Menschen vergebens
aufühnt. Aber sagen Sie mir, — werden Sie das Haus beziehen ? Ich würde
mich freuen, wenn die Schatten dieser düsteren Wohnung durch eine so liebens-
würdige Familie vertrieben würden, wie die Ihrige ist."
„Nein, Sennora, ich werde es nicht beziehen. Obgleich ein Kind dieses
Jahrhunderts und frei von Aberglauben, kann ich mich doch gewisser Ein-
drücke nicht erwähren. Dieses Haus birgt in seinem Innern ein gräßliches
Geheimmß, und rechtliche Menschen müssen es deßhalb fliehen und mit seinem
Geheimnis; allem lassen, sowie alle Diejenigen stets allein bleiben, die ein be-
lastetes Gewissen haben." —
Ein freundliches Dorf, dem wir den Namen Val de Paz geben wollen,
liegt m einem Thale, am Fuße einer großen Gebirgskette. Eine warme Sonne
bescheint ferne üppigen Fructztselder und freundliche Bäche bespülen die Gürten,
m denen der Lltronenbaum sich wie ein Königsmantel mit Perlen schmückt,
der Granalbaum Mit Korallen und der Mandelbaum mit Rosenkränzen
Das Dorf ist von der übrigen Welt durch die Berge geschieden, die es
wie nestge Vorhänge umgeben, welche die Natur um ein Lieblinaskind gezogen
hat. In der Mitte desselben erhebt sich die ehrwürdige Kirche. Unter dem
Dache des Landmanns ruht, statt großer Ehren, der Pflug, das Sinnbild
der Arbeit, der uns täglich Brod gibt. Die Kinder lernen dort die heiligen
Gebote, küssen dem Pfarrer die Hand und bitten die Eltern um ttren Segen.
Patriarchalische Einfachheit der Sitten herrscht daselbst, denn der Neuerungs-
geist des letzlgen Jahrhunderts ist noch nicht bis dahin gedrungen.
Em schöner Frühtmgsabend war auf einen warmen Tag gefolgt Däm-
merung herrschte bereits im Thale und die Sonne vergoldete nur noch die
Bergspltzen. Man horte das Murmeln der Bäche, das Zirpen der Heimchen,

das sanfte Blöken der Schafe und den geräuschvollen Chor der Frösche. Die
arbeitsamen Bienen zogen sich in ihren Stock zurück, die Klage des einsamen
Nachtvogels begann duzch die Dämmerung zu schallen und der Landmann, der
nach schwerer Tagesarbeit heimkehrte, sang ein frohes Abendlied.
In dieses kleine, altspanische Dorf war, wie gesagt, der Geist des jetzigen
Jahrhunderts noch nicht eingedrungen. Man vernahm dort noch keine politi-
tischen Reden, keine patriotischen Gesänge, man wußte nichts von freiwilligen
Anwerbungen. Wie groß mußte also das Staunen der Bewohner sein, als
sie an jenem Abende plötzlich einen Haufen Menschen, theils Bewaffnete, theils
Bauern, mit dem wilden Geschrei: „Es lebe die Freiheit!" in das Dorf drin-
gen sahen. Man glaubte, es seien entsprungene Verbrecher, die sich in die
Berge flüchten wollten. Der Schrecken war allgemein, allein die Gemüther
beruhigten sich bald, als gleich darauf der ernste militärische Trommelichlag
erscholl und man eine Abtheilung Soldaten in gemessenem Schritte Nachfolgen
sah. Es ergab sich, daß, was schon ziemlich allgemein, nur nicht in Val de
Paz, bekannt gewesen war, eine Anzahl Aufrührer sich in den Gebirgen ver-
borgen hielt, welche jetzt von dieser aus Liniensoldaten und freiwilligen Natio-
nalgardisten bestehenden Abtheilung verfolgt werden sollten. Die Letzteren
waren es gewesen, welche bei ihrem Eintritt in das Dorf de» Schrecken ver-
breitet hatten.
Die Truppe sollte in Val de Paz bleiben, um von dort ihre Ausflüge
zu machen. Sie wurde von einem Lapitän commandirt, der sein Quartier bei
der Wittwe eines wohlhabenden und achtbaren Landmannes erhielt. Diese
Wittwe hatte einen Sohn, welcher die Beschäftigung seines Vaters nach den
von ihm und seinen Voreltern beobachteten Grundsätzen fortsetzte, und eine
fünfzehnjährige Tochter, welche die Sonne dieses bescheidenen und glücklichen
Haushaltes war.
Der Capitän, der sich Don Andrös Penalta nannte, war ein Mann von
stattlichem Aeußeren, aber von trübsinnigem Wesen, erzeugt durch Zurücksetzung
in seiner militärischen Laufbahn und durch unbefriedigten Ehrgeiz. Die fried-
liche Atmosphäre dieser stillen Häuslichkeit schien jedoch einen sehr wohlthätigen
Einfluß aui das Gemüth des in seinem Stolze gekränkten Mannes zu üben.
(Fortsetzung folgt.)
 
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