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Die Kunst-Halle — 9.1904

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Nummer 10
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Ebe, Gustav: Idee und Baustoff
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Brieger, Lothar: E.M. Lilien
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Die A u n st - H a l l e.

^7

Nr. sO

sie verzichtet in ihren besseren Leistungen ebenso wenig
aus Stilisirung wie die Japaner selbst. Die von der
Moderne mit Vorliebe zum Ausdruck des Spieles der
Kräfte verwendeten Linienzüge sind aber keine dauer-
hafte Erfolge versprechende Errungenschaft; sie streifen
zu nahe an das Gebiet des Symbolischen und sind in
dieser Hinsicht gegen den einfachen Realismus der Antike
und des Mittelalters im Nachtheil.
Die Architekturwerke sind indes nicht allein des
Selbstzweckes wegen da, wie die der Skulptur und
Malerei, sie sind als Naumschöpfungen bestimmt, die
Hülle für einen Inhalt zu bilden. Da sich für diese
Art der baulichen Bethätigung kaum ein anderes Vor-
bild in der Natur findet als die Höhle, so war der
Freibau ganz auf Erfindung angewiesen, die sich zu-
nächst nur in kunstloser Meise an der Holzhütte und
dem Zelt bewies, auf welche erst später der Steinbau
in Nachahmung dieser Vorbilder folgte. Aber deshalb
bleibt in einer Beziehung die Architektur unter dem
strengen Banne eines Naturgesetzes, der Schwerkraft,
was die Pflanzen, Thiere und Menschen in Folge der
ihnen innewohnenden Lebenskraft leisten, die Besiegung
der Schwere durch das wachsthum und die Bewegung,
das muß in der Architektur durch die Kunst der Kon-
struktion hervorgebracht werden. Allerdings nur schein-
bar, da das dem Anscheine nach Freischwebende, die
Sturze, Architrave, Flach- und Gewölbedecken doch
wieder der auf den: Grunde ruhenden Stütze bedürfen,
wie ja auch die Manzen ohne weiteres und selbst
Thiere und Menschen, abgesehen von ihrer Bewegungs-
freiheit. Und an diesem Punkte setzt in der Architektur
die Kunst ein; sie vermag eine in der Wirklichkeit nicht
vorhandene Freiheit in dem Bezug von Stütze und
Last vorzutäuschen, indem sie in jener die empor-
strebende Kraft, in dieser das Freischwebende zum Aus-
druck bringt. Allerdings mußte die raumbildende
Phantasie endlich an der Schwerkraft eine strenge
Schranke finden, obgleich der Menschengeist allen Witz
der Erfindung aufbot, um die Grenze möglichst zu er-
weitern. In diesen versuchen haben sich alle Stile er-
schöpft, und die wesentlichen Unterscheidungen der-
selben beruhen auf der Konstruktion der Decken und
der Art ihrer Abstützung durch Mauern, Pfeiler und
Säulen. Es ist kein neuer Stil denkbar, ohne Fort-
schritte auf diesem Gebiete.
Dem wähnen nach beherrscht die Phantasie ein
grenzenloses Reich von Formen und Gestalten, und
dennoch treffen wir in Wirklichkeit in den plastischen
Künsten, namentlich in der Architektur, nur eine ver-
hältnißmäßig geringe Zahl von Grundtypen, die sich
unter mancherlei Veränderungen wiederholen. Ls sind
die Bedingungen der Materie, welche den freien Flug
der Phantasie binden.
Aber welche Gestaltungen die Architektur auch im
Laufe der Jahrtausende hervorgebracht hat, immer
folgen sie demselben mächtigen Drange nach regel-
mäßiger Form, der die ganze Natur beherrscht, wie

im Krystall, der Pflanze und dem Thier wird auch in
den Baugliedern der Stoff idealisiirt, aus dein amorphen,
rohen Zustande befreit und zu abgeschlossener, indivi-
dueller Geltung gebracht.
Das in der Ornamentik geltende Gesetz der Be-
siegung des Stoffes muß sich ebenso in der Raum-
bildung wiederfinden. Die einfache Umschließung eines
Raumes mit wand und Decke kann selbst bei zweck-
mäßig durchdachter konstruktiver Anordnung noch nicht
als Kunstleistung gelten. Erst das abgewogene ver-
hältniß der Theile, dann der Ausdruck des freien
Spieles der Kräfte in den Gliederungen und, was
ebenso wichtig ist, des inneren Zweckes sind die noth-
wendigen Voraussetzungen für das Entstehen eines
Kunstwerkes, für das Hervorgehen des Stimmungs-
elementes, welches aus der Seele des schaffenden
Künstlers in die des Beschauers übertragen werden
soll. Die auf diese weise erreichte stilistische Vollendung
wird in den Formen mit den Zeiten wechseln und
jedesmal das Gepräge der betreffenden nationalen Stil-
xeriode tragen, sie wird so lange ein Höchstes bleiben,
bis ein anderer idealer Inhalt und konstruktiver Fort-
schritt einen neuen Typus verlangen. Jedoch wird
das einmal Geleistete insofern fortwirken, als es die
Grundlage für eine neue, stets über das Alte hinaus-
gehende Entwicklungsstufe bietet.
W
6. jvl. Lilien.
(Mit Illustration.)
^^i^or mir liegt ein starker Band, der eine Auswahl
der Werke des bekannten Zeichners und Buch-
Illustrators L. M. Lilien bietet. Das Vorwort
ist von dem jungen wiener Dichter Stephan Zweig in
schöner Sprache und voll jener tiefen Liebe geschrieben
worden, welche nur die innige Hingabe an den Gegen-
stand der Darstellung zu verleihen vermag. Keine
Lharakteristik des Künstlers wollen die welligen Seiten
bieten — das besorgen ja die Zeichnungen des Buches
besser, als es Worte vermöchten —, sondern nur ein
Porträt des Menschen, der solche Kunst zu schaffen ver-
mochte. Line traurige und doch erhebende Geschichte
vernehmen wir da von einem in Elend und Finsterniß
Geborenen, den seine heiße Sehnsucht nach Licht ein
verzweifeltes, aber Doch am Ende erfolgreiches Ringen er-
leben macht. Linen Roman. Irgend wo unten in Galizien,
in Drohobycz, wohnt ein armer jüdischer Drechsler-
meister, ernährt mit rastloser Arbeit sich und sein Weib,
weiß vom Lehen nichts, als daß es Kummer und Sorge
ist. Die Kultur ist nur in ihren ersten Anfängen hier-
hin vorgedrungen, die Kunst nicht mehr als ein leerer
Begriff, den Niemand versteht. Und da geschieht das
Wunderbare. Im Elend des Alltags erzeugen der
Drechsler und sein Weib ein Kind, einen gleichfalls
für das Elend bestimmten Sohn. Aber dieser Sohn
hat mit seinen Eltern wenig mehr gemein als deren Re-
ligion. Seine wiege umleuchtet die Kunst, aber jene
 
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