Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Nundscbau.

Allgemetnes.

-x- DUS SLNibol behandelt Fr. Th. vischer in einem
der „Philosophischen AussLtze", die Lduard Zeller zn seinein
sojähriaen Doktorjubilanin gewidinet worden und nun als
Band erschienen sind (Leipzig, Zues's verlag). vischer schließt
sich bei seiner Erörterung vielsach an Volkelt an. Beide be-
haupten, der Begriss des Symbols entscheide über Berechtigung
und Nichtberechtigung der ganzen sormalistischen oder bser-
bart'schen Ästhetik. Tiegt das Schöne ausschließlich in der
Form, dann kann das Symbol als solches, d. h. nach seiner
Bedeutsamkeit, nicht schön sein; Dann hört die ästhetische
Berechtigung alles Sinnbildlichen aus. Als diejenige Kunst,
bei welcher vom Symbolischen gar nicht abgesehen werden
kann, snhrt Vischer die Mimik oder Geberdenkunst an, wobei
er auf die treffliche Schrift von jdiderit hinweist. Die khaupt-
bedeutung des mimischen Aunstwerks liegt offenbar nicht in
der Schönheit der leiblichen Formen, Ltellungen und Be-
wegungen, sondern darin, daß letztere ein lebendiger, wesen-
haster, schöncr 2lusdruck eines schöncn Geisteslebens des
mimischen Aünstlers sind. Aber auch in der Theorie der
Dichtkunst, der Mnsik, der Malerei, der Rundbildckunst oder
sdlastik und der Baukunst ist der Begriff des Symbols nicht
zu entbehren. Den tiessten Grund sür die auch ästhetische
Berechtigung des Symbols, d. h. eines Anschaulichen, bez.
Natürlichen, welches auf ein Geistiges hindeutet, findet Vischer
in der ursprünglichen Tinheit von Natur und Geist oder im
Pantheismus. p. kh.

DLcdtnng.

Ä- Die LkeNung der zeitgenössiscben dentscben
Dicbtung im volksbewusstsein beleuchtet nach verschic-
denen Seiten hin mit zwei Arbeiten Gtto Lyon. Die eine
derselben (Z. s. d. deutschen Unterricht, t—5) sxricht entschlossen
sür die Linsührung des Schristtums der Gegenwart in den
Lchulunterricht und begründet ihre Forderung in weitsühren-
den Untersuchungen. N)ir zeichnen im Umriß den Inhalt des
zweiten Aussatzes (Tägl. Rundschau, 220 und 22;), weil er
auch die lhauxtergebnisse jenes ersten berührt. In ihm be-
klagt der Derfasser zunächst, daß unser Volk ,,den 5inn sür
die Dichtung seiner Zeit sast ganz verloren zu haben scheint".
Mit staatlichem und wirtschastlichenr Ausschwung sei stets ein
ksang zu niederen Genüssen verbunden — wir sühlen auch
jetzt, wie die geistigen Güter im U)erte sallen. ,,Und wie
leicht können sie so in Mißachtung geraten, daß dadurch der
ideale Linn des Dolkes sür immer verloren geht. Das wäre
aber gleichbedeutend mit dem Untergange," denn nicht nur die
Begeisterung sür Aunst, sondern auch der Linn sür Recht und
UZahrheit sänke damit. „Gewiß ist es unsere erste jdflicht,
unser Volk im besten Linne wafienfähig zu halten, gewiß
unsere zweite, es immer erwerbssähiger zn machen: aber wir
würden weder das Line noch das Andere aus die Dauer er-
reichen, wenn wir dabei die höchsten Güter des Volkes ver-
loren gehen ließen." Da eben sie nirgends lebendiger und
nachdrücklicher wirken, als in ihrer Dichtung, so ist's unum-
gängliche j)flicht der Nation, ihr Lchristtum ,,in sorgsame lsut
und jdflege zu nehmen". Doch xflegen wir nnr die Dichtung
der vergangenheit. warum? „Lchuld daran haben in
erster Linie die Dichter unserer Zeit selbst, aber bei weitem
sie nicht allein, sondern auch die litterarische Aritik, die
Lchule und die Regierung." Zn unserem dichterischen
Lchafien ist ein Arebsschaden der Dilcttantismus: im „Ltreben,
neu und geistreich zu sein, verläßt er die ewig giltigen Grund-
lagen der echtcn Aunst" und giebt Zerrbildcr. ,,Da er überall
keck sein kjauxt erhebt, so liegt die Gesahr nahe, daß der Un-
kundige in diesen rohen lVerken eines kunstlosen psuschcrtums
die eigenartige Gestalt unserer zeitgenössischen Litteratur er-
blickt, ein schwerer Zrrtum, der viele Gebildete zur Abkehr
von der gegenwärtigen Dichtung getrieben hat." Den Dilet-
tantismus zu töten, bezeichnet nun Lyon als die vornehmste

Aufgabe der Aritik. Lin großer Teil derselben diene nun
gerade der Tagesgröße von Dichterlingen. Lin anderer leide
an hohlem Lcholastizismus, am „Aberglauben an Aristoteles".
Lr ,,will nichts davon wissen, daß die Aunstwerke einer Aeit
auch nach gewissen Gesetzen dcr Lchönheit zu beurteilen sind,
die dieser Zeit selbst entnommen sind". Vor Allem sollte eine
gute Aritik ,,der sxrachlichen und künstlcrischen Form nnserer
Dichtwerke ihre Ausmerksamkeit zuwenden", bedenkend, daß
die gewaltige Lrhebung im Lchristtum des vorigen Iahrhun-
derts vom „Nachdcnken über die dichterische Form ihren Aus-
gang" nahm und serner, daß sich von hier aus der Dilet-
tantismus wirksa m bekämxsen lasse. Im Folgenden wendet
sich Lyon zur Lchuld der Schule, in der ,,zu viel gelehrt,
aber zu wenig angeregt und begeistert wird," die sich zu ein-
seitig in den Dienst der IVissenschast stellt, der es als höchste
Ausgabe vorschwebt, „kleine Gelehrte zu bilden". Nicht darin
findet er ihre 2lusgabe, sondcrn in der lebendigen Beziehung
zum Menschen der Gegenwart, ,,daß er besähigt werde, sich
einst im Leben sest gegen alle niedrigen und widrigen Ltrö-
mungen zu bchauptcn, seine Zeit zu verstehen, ihre Ausgaben
zu ersasfen und so cin gesundes nutzbringendcs Glied" zu
werden. Nun soll es „selbstverständlich iinmer eine der wich-
tigsten j)flichten der Lchule sein, in die lVerke unserer großen
Dichter und Denker einzusühren"; warne man aber vor den
„Tagesnovitäten" geradezu, „so begeht man dadurch nicht
nur ein Rnrecht an den jungen Geistern, sondern man ver-
sündigt sich an der Gesundheit und Arast des Volkes über-
hauxt. lVenn so der Iüngling systematisch zur Nlißachtung
der zeitgenössischen Dichtung verleitet wird, wic soll dann der
Mann Anteil nehmen können an dem, was seine Zeit dich-
terisch hervorbringt? Und wie sollen lVerke edlerer Richtung
sich neben den seichten Lrzeugnissen fingersertiger Dutzend-
schreiber behauptcn können, wenn nur eine ungebildete und
anteillose Menge das ständige Lesexublikum bildet? Lrst der
Anteil des ganzen Volkes läßt IVerke von unsterblichem lVerte
entstehen. llnd in der Lchule besitzen wir ein Mittel, wie
kein anderes, um nachhaltig aus das ganze Volk zu wirken.
Benutzen wir dieses Mittel! IVie anders würde es um unsere
Dichtung stehen, wenn wir von Aind aus in dem Gedanken
erzogen würden, daß die j)flege der zeitgenössischen Dichtung
eine heilige Ausgabe sei, an der Ieder mitarbeiten müssel"
Nun bekämpst Lyon die Besorgnis, lVertloses in der Schule
emxsohlen zu sehen, weil ein endgiltiges llrteil nicht schon bei
Lebzeiten des Dichters reife. „lsier ist der jdunkt, wo die
Lchule der lvissenschast gegenüber ihre Lelbständigkeit behaup-
ten muß. lVenn die lVissenschast die Litteraturgeschichte ge-
wöhnlich mit Goethes Tode abschließt, so hat sie dazu ein
wohlbegründetes Recht; die Lchule aber hat die jdflicht, dem
Lchüler cinen gcwissen Maßstab mit in's Leben hinauszugebcn"
(den, ist wohl hier zu ergänzen, eben wegen der Veränderung
der Ieiten selbst die klassische Dichtung nicht immer gewähren
kann). Auch vom „Ieitmangel" will der Versasser nichts
wissen. „lllan braucht nur den nutzlosen Notizenkrain und
Gedächtnisballast hinauszuwerscn, mit dcm heute noch in vielen
Schnlen gerade der litteraturgeschichtliche llnterricht beladen
ist." Zum Lchluß besxricht der Verfasscr die Lchuld der Re-
gierun gen an jenen llebelständen. „Loll dem Dichter nicht
wie anderen Lterblichen auch endlich einmal von dem Ltaate
die Anerkennung zu Teil werden, daß auch er ein nützliches
Glied der menschlichen Gcsellschast ist? Banmeistcr, Bildhaucr
und Maler werden bedacht. lsat man jemals davon gehört,
daß ein Dichter einen Ltaatsaustrag erhalten hätte?" Als
ein Mindestes sordert Lyon die Gründung einer National-
bibliothek. Von ihr sollten hervorragende lVerkc anerkann-
ter und emporringender lebender Dichter an Zweigstellen
verteilt werden, die sie zwar nicht verliehen, aber an Grt und
Ltelle dem Volke zugänglich machten. Die denkbar sreieste
Verwaltung könnte zum guten Teil in die lsände wiedcr von
Dichtern gelegt wcrden. „llnd diese Stellen müßten so aus-
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