Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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pfindung weiter aus, sodaß einige hunderttausend
Menschenkinder dem Musikdilettantismus beherzt ent-
sagen; dann haben wir gewonnen. wenn erst die
Menschen die Musik wieder so lieben, wie unsre Vor-
fahren, still, prunklos, im Lsause, statt in gepuhten
btonzerten, wenn sie sie so lieben, daß sie wieder zu-
hören können, empfangen, anstatt darüber zu

schwatzen, dann werden gute Konzerte auch wieder gut
bestehen können und das heutige blnwesen wird man
dann kaum mehr begreifen. Menschen, welche denken,
Menschen, welche Bücher lesen, werden besser hören,
als die neue Generation, die vor lauter Ronzerten
keine Zeit mehr hat für Musik, Runst und j)oesie.

Ludwtg Dartmanu.

Nundscbau.

Dicbtnng.

n Dcurik Abseu. Aus einem norwegischen Apo-
thekerlehrling entwickelt sich ein j?oet. Der Akann
schreibt Stücke von fener Art der Schönheit, die man
seit lange kennen und genießen gelernt hat, mit einem
Gedankengehalt, wie er, sozusagen, in den besten
Familien erlaubt ist, wurzelnd durchaus im bserge-
brachten, anregend zu keinerlei Gefühlen, die man
nicht getrost in Gegenwart der Dienerschaft mit Frau
und Tochter besprecheu kann. Lr wird also viel ge-
lobt und braucht eigentlich nur älter zu werden, um
seinem Buhm Zahresring auf Iahresring anwachsen
zu lassen. Doch ist er der Meinung, daß die Dichtung
gelegentlich wichtigeres zu thun habe, als ihre grünen
Anlagen auf die Gemeinplätze zu pflanzen, auf denen
jeglichen gulen philisters Seele sich alltäglich mit
einigen schönen worten ergeht. Gs kommt ihm bei,
die Leute, die ihn beklatschen, einmal auf ^erz und
Nieren zu prüfen und siehe, das Lrgebnis ist eine
Satire, in der er z. B. die landesüblichen schönen
Sätze von Liebe und Ghe neben die landesübliche
praktische Anwendung dieser beiden Dinge zu stellen
sich erlaubt. Große Gntrüstung und Tmpörung.

„verirrung!", „Undank!", „Unsittlichkeit!" u. s. w.

Gut. Aber die Derdammung hat nur die Folge, daß
der Derdammte tiefer und tiefer von der Hohlheit
seiner verdaminer sich überzeugt, daß er stutzig wird
gegenüber seiner eigenen früheren Runstübung, daß
er den Drang nach Bethätigung dessen, was er er-
kannt, kräftiger in sich fühlt und nach kühnem Bruch
mit seiner eigenen Vergangenheit vom Auch-Dichter
sich ganz und gar zum Selbst-Dichter befreit. ver-
steht sich, daß er nun aus der guten Gesellschaft lor-
beerberechtigter Dramatiker ausgestoßen wird, in der
er bisher wohl gelitten war. Aber mit der Zeit
findet er Ginzelne, dann einzelne kleine Rreise, dann
große Rreise von Nlännern, die meinen, er sei doch
etwas wert. „was ihr niemals überschätzt, habt ihr
nie begriffen" — auch er wird begriffen und also
überschätzt. Man beginnt Alles an ihm zu loben,
beginnt ihn hinzustellen als den neuen Messias der Runst.

Unserer Ueberzeugung nach ist Lsenrik Zbsen dieser
neue U'lessias noch nicht, wohl aber ist er einer der
Propheten des kommenden Lseils für unsere Runst.

5eine ungeheure Bedeutung beruht darauf, daß er
wie kein zweiter Dramatiker mit klarer Absicht und
unermüdlicher Ausdauer den cherren und Damen im
parkett zu sagen sich erlaubte: „Line Rleinigkeit, ver-
ehrte Zuschauer! Sie haben an dieser Stelle so oft
geklatscht und sind gerührt gewesen, wenn Äe hier
auf den Brettern Nächstenliebe, Opferfreudigkeit, Seelen-
größe u. s. w. feiern sahen, nun scheint mir's, mit

Verlaub, als ob Sie einen Unterschied festhielten
zwischen der welt hier oben diesseits des ^ousfleur-
kastens und der welt des f)arketts, in der Sie selber
sitzen: ich meine, es scheint mir, daß Sie das, was gut
und edel in der poetischen welt erscheint, nicht auch
für gut und edel in der wirklichkeits-welt anerkenneu
könnten — denn sonst würden Sie ihm doch auch in
dieser etwas mehr Geltung einräumen. Gestatten Sie
mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Zhre
Gefühle und Gedanken in einem anderen Naume zu
leben scheinen, als Zhre Thaten? Daß ich den Unter-
schied zwischen Theorie und praxis in Zhrem Leben
in einigen Schaustücken Zhnen darlege? vielleicht
findet sich dann doch einer oder der andere unter
Zhnen, meine Derehrten, der die verlogenheit seines
Lebens einsieht." Aber Zbsens Schaustücke zeigen noch
gar zu viel von der Absicht, die verstimmt. Der
Nlessias der Runst wird keine Absicht mehr zeigen.
Zhm wird bereits in die Wiege gelegt worden sein,
was Zbsen erst erwerben, erkämpfen, mit Nlühsal
und Bitternis, unter Tötung dessen, was ihm gegeben
war, langsäm in sich heraufnähren mußte. Der
Nlessias der Runst wird nicht wie ein Tendenzdichter aus-
sehen, sondern einfach wie „der Dichter" schlechthin: er
wird nicht nur predigen, wie Zbsen, den doch nur die
verstehen, die verwandte Gefühle und Gedanken bereits
mitbringen, sondern unwiderstehlich Alle überzeugen,
die ihn sprechen hören. Denn seine Dichtung wird
klar, wie die Sonne, sein.

Zbsens Dichtung ist das nicht. Dieser Nkann,
dem wahrheit, wahrheit um feden j?reis, das Höchste
ist auf der ganzen Gotteswelt, als Rünstler vermag
er nicht immer wahr zu sein, wahr, das heißt hier:
rein gegenständlich, rein objektiv. U?ahr erscheinen
uns die Gedanken, die Zbsen bewegen, meisterhaft be-
obachtet und vollendet wahr wiedergegeben erscheinen
uns die Nlenschen, die er uns vorführt: aber unwahr
erscheinen uns sehr oft eben diese Gedanken in eben
diesen Nlenschen, und unwahr erscheint uns auch oft
genug die Lntwickelung, die Zbsen seine Nlenschen
nehmen läßt. Ls sind nicht nur unsere eigenen Be-
obachtungen, die wir hier aussprechen: ein jugendlich
warmer verehrer des großen Norwegers, Lsermann
Bahr, hat die Bedenken gegen Zbsens künstlerische
Rraft erst kürzlich in gleichem Änne niedergeschrieben.
Lr spricht von der Nache, die der Gedanke an Zbsen
nimmt für seine Bedrückung durch die behäbig beim
Beiwerk verweilende naturaliftische Form, spricht von
den „Rukukseiern", die der Dichter seinen Gestalten
ins Gehirn legt, von den Unklarheiten seiner Gxposi-
tionen und der Lntwickelung vieler seiner Dramen,
so - meisterhaft viele Linzelzüge, so herrlich klar gesehen
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