Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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undscliau.


DLcbtung.

* Die 'Methnacbtsnovelle. - weihnachten

ist ein Fest der Liebe, der Freude, der Dankbarkeit.
Die Strahlen des Lhristbaums erleuchten und wärmen
die starren Menschenherzen und stimmen sie milder,
versöhnlicher, duldsamer und bescheidener. Za, selbst
jener Teil der Menschheit, dessen Bescheidenheit in
den Ansprüchen schon an und für sich mustergiltig
und ehrfurchterweekend ist, das jDublikum der illustrierten
Familienblätter, vermag zur weihnachtszeit diese
schönste aller Tugenden noch um einen Grad zu er-
höhen. Unter dem milden bjimmel der Thristfest-
stimmung wagt ein Mänzlein zu gedeihen, so schlicht
und einfältig, so beruhigend und versöhnend, daß selbst
der böse Gärtner Rritik bei seinem Anblick lächelnd
die schlimme Iät-Hacke beiseite stellt. Dies pflänzlein
ist jene alte Geschichte, welche doch jedes s)ahr nsu
gedruckt wird: die weihnachtsnovelle. Ich sage: die
weihnachtsnovelle. Denn es giebt im Grunde nur
eine. Und die handelt von einer oder mehreren
s)ersonen, denen es sehr schlecht geht; am heiligen
Lhristabend aber, unter dem brennenden Lichterbaum
wird alles wieder gut.

Nämlich: „Ts war wieder einmal weihnachten
geworden; es war sehr kalt, und der Schnee knirschte
unter den Lüßen der hastig Lseimeilenden, welche in
ihrer Festfreude nicht auf den kleinen, frierenden,
blonden Unaben achteten, der dort an jener Straßen-
ecke pflaumenmänner feilbot." Und dann kommt der
vornehme Lserr im pelz, und er giebt dem armen
blonden Rnaben den betreffenden blanken Thaler, der
arme blonde Unabe eilt beglückt in die ärmliche, aber
reinliche Dachstube, wo im chintergrunde der Fieber-
kranke liegt. Am Fenster sitzt die blasse, schöne
Schwester Llisabeth, arm, aber sauber und tugend-
haft — das Lbenbild des edlen aber nur allzu früh
verstorbenen vaters, dessen an der wand hängendes
Bildnis den einzigen Schmuck des Zimmers bildet—, am
Tische die weinende Wittwe und die fünfjährige Anna,
welche die Mutter mit schwierigen Bibelsprüchen tröstet.
Und dann geht die Thür auf, der bserr im jDelz erscheint,
im tichterglanz des sbereits angezündeten) Thristbaumes,
welchen der schwerbeladene Dienstmann kaum fort-
bringt. Die Not ist zu Tnde, der Herrimj?elz dürfte die
blafse Llisabeth heiraten, der Dienstmann wischt sich die
Thränen aus den Augen, und Alle singen: „ G du fröhliche,
o du selige". wenn nun in der betreffenden Ltadt
die Linrichtung besteht, daß um die entsprechende Zeit
die Glocken geläutet werden, so tritt selbstverständlich
dieser Fall jetzt ein.

Za, weihnachten ist ein Fest der Freude auch
für jene Schriftsteller, welche sich fonst im Laufe des
Zahres auf keine andere Geschichte besinnen. Lin
Fest der Freude und des Segens. Denn wie leicht
lasfen sich aus jener Novelle, welche in ihrer ein-
fachsten Form „Lin weihnachtsabend" heißt, „zwei
Weihnachtsabende" oder gar deren drei entwickeln,
und damit zwei beziehentlich drei chonorare! Der
Dichter nimmt zu diesem Zwecke eben die blasse
Llisabeth, die weinende Wittwe, den Herrn im jDelz,
oder den edlen vater, und bedient sich ihrer Vorge-
geschichten, eventuell auch des späteren Lebensverlaufs

der kleinen Anna. Nnd wie der wohlgezogene Gatte
an jedem neuen weihnachtsabeud dieselbe Festfreude
aufweist, ob er auch schon im Voraus weiß, daß
ihm diesmal die gleiche Nachtmütze bescheert wird, wie
früher: so genießt auch das jdublikum mit immer
gleicher reiner Rinderfreude das Festgeschenk, welches
das traute Familienblatt ihm immer wieder bescheert.

Das ist die weihnachtsnovelle. Bei Gott, Zhr
Lserren, glaubt Zhr, unsern Frauen und Rindern
frommten nur Zuckerdüten? TVas soll ihnen ewig
dieselbe süßliche Lalbaderei? Dunkel liegt, wie über
den langen Lvinternächten, auch über gar Nlanchem
im Leben unserer Zeit. Attt gleichen Schmerzen brennt
auch uns die innere IVunde, das Llend der Llenden,
gleich bedürftig des Trostes schauen auch wir zu den
Sternen auf, wie jene Nlenschen, denen die Lngel
das Nahen des Lrlösers verkündeten. Und Zhr denkt
mit Luren alten jduppen thätet Zhr was? j?redigt
nicht nur den Armen von wohlthaten, predigt auch
den Neichen von jDflichten! Nnd nicht nur zu
Rindern und Frauen, auch zu uns selber follt Zhr
zmn Feste der Menschenliebe reden, wenn Zhr feid,
wofür Zhr Luch ausgebt: Dichter. Sprächet Zhr
mit Feuerzungen zu unseren ^erzen, daß wir ein
wenig minder saumfelig würden, im Lindern der
Leiden unserer Rultur, die aufopfernder jdflege be-
dürfen zum ^eilen: dann hätten wir, was des er-
habensten Festes der Menschheit würdig wäre, dann
hätten wir edle weihnachtsdichtungen nicht blos für
Unreife, sondern auch für Neife und für den Nlan n.

^ermann Schütze.

^ von Lonrad Ferdinand /De^er, dem prosa-
erzähler, sprach A. Frey erst im vorigen Hefte des
„Runstwarts" — nun regt uns die dritte, vermehrte
Auflage seiner „Gedichte" an, auch zur Lyrik
dieses Dichters einige lvorte zu sagen. Ls geschieht
in der Fsoffnung, vielleicht dem oder jenem Leser den
Grund dieser oder jener dichterischen lvirkung, das
IV i e derselben ein wenig klarer bewußt zu machen.
Das was ist im Grund die j?ersönlichkeit des j?oeten,
die eben nur einmal da ist und wie die Blume über
dem bveine schwebt — diesen Lsomunculum sperrt
ohnehin keines Nritikers Netorte ein. Lin paar Blicke
in jenes wie verleidet aber dem Genießenden den
Genuß einer Dichtung so wenig, wie der Linblick ins
lvalten der Rräfte, die zur Urzeit Lchicht auf Lchicht
gehäuft oder durchbrochen, dem wanderer den Lchön-
heitsgenuß einer Felsenlandschaft verdirbt. ksandelt
sich's doch auch beim echten j?oeten um ein Natur-
fchaffen, nicht um ein erklügeltes bsantieren mit Nulissen
und wlaschinen, das man nicht sehen darf, soll die
wirkung bleiben.

Nleyer, der als Lpiker der wortkargsten Liner
ist, hat auch als Lyriker gar keine Redseligkeit.
Nlerkwürdig, mit wie wenigen worten der Nlann
auskommt. wer an unsere Nlodelyriker gewöhnt ist,
diese Geschickten, die aus einem Thalerwert poesie
dreihundert Gedichtpfennige liefern — jegliches Stück
blank, daß es beinah aussieht wie Ldelmetall —, der
wird bei Nleyer gar nicht finden, was er im Gold-
fchnittband zu suchen pflegt. wie hübsch ist's, nehm'
ich sonst einen her, daß ich darin gleich lesen kann,

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