Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Lrscbcint

Derausgeber:

zferdlnand Nvenarius.

Kcstcllpreis:
vierteljährlich 2 l'g Mark.

Zabra. l.

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iiöer alle Weöieie öes Mcöönen.

Ansere Isrünste

Lum Äberbltck.*

wir die Neihe der Aufsätze eröffnen,
an dieser Stelle wichtigen Zeit- und Streit-
^MHNsfragen unseres Runstlebens sich widmen sollen,
werfen wir einen schnellen Überblick über den
Stand der Rünste in der Gegenwart. <Lr foll nichts
weiter, als uns noch einmal des Weges bewußt werden
lassen, den wir gehen.

Vielleicht werden künftige Forscher bei der Renn-
zeichnung des Geistes, der in unserem Geschlechte
waltete, Lines als ein wichtiges hervorheben: die
fast unbeschränkte Lsochschätzung der verstandesbildung
auf Rosten der Bildung von Lmpfindung und j)han-
tasie. Und, entwickeln wir uns überhaupt einem har-
monischen Menschentume entgegen, so dürfte ihnen
nicht schwer werden, aus fener Thatsache allein zu
beweisen, daß sich die geistige Rultur unserer Zeit auf
einer reinen Lsöhe nicht befunden habe. Nach der
Lmpfindungsschwelgerei im Zeitalter der Sentimenta-
lität, nach der einseitigen j)flege äfthetischen Genießens,
die im Bewußtsein der großen Nlenge der Gebildeteren
ihr folgte, erscheint der heutige Rultus des Verstandes
und willens freilich fast wie die nachträgliche Stär-
kung eines vernachlässigten Mrgans. Auf der Lsöhe
der Nkenschheit aber schreitet ein Geschlecht erst
dann, wenn es die ebenmäßige Ausbildung all seiner
Rräfte erstrebt und erreicht hat.

Ls war eine Folge der Schwächung der phantasie
in der jüngeren vergangenheit, daß, was man an den
Runstwerken schätzte, mehr und mehr ein Äußerliches
ward. wir sprechen nicht von dem Hauptinteresse der
Nlassen, dem stofflichen, das ganz aus dem Bereich
des Rünstlerischen hinausfällt, nicht von der Teilnahme
für den Gegenstand der Darstellung, statt für die

* Der Nachdruck oon längeren wie kürzeren Ligenbei-
trägen des „Runstwarts" ist vom Verlage nur unter deut-
licher «Buellenangabe gestattet.

Darstellung selbst, nicht von der Freude am was,
statt am wie. wir sprechen davon, daß mehr und
mehr auch im rein künstlerischen Lmpfangen der nie-
dere Genuß den höheren verdrängt hatte. Das rein
sinnliche Gefallen des Ohres am wohltönenden Neime
oder am angenehmen Rlang, des Auges an der ge-
fälligen Linie oder reizenden Farbe hatte das Lmpfin-
den dafür abgestumpft, daß dieser Neim oder Ton,
diese Linie oder Farbe vielleicht sehr schlecht ihre
Ls a u p t aufgabe erfüllten: die nämlich, irgend einen
Bewußtseinsinhalt im Sehenden oder Lsörenden durch
Anregung seiner f)hantasie zu erwecken. Die Aeußerung ^
dieser Linnesart, gegen die sich nun eine Gegner-
schaft kräftiger und kräftiger erhebt, war für die Ge -
nießenden eine immer geringere wertschätzung der
Runst, — die man mehr und mehr nur als eine Art
von „vergnügung" wenn nicht zu bezeichnen, so doch
zu denken sich gewöhnte — und für die Schaffen-
den eine höhere und höhere wertschätzung und Her-
vorkehrung des dekorativen Llements.

Das zeigt am deutlichsten ein Blick auf das Ge-
biet des wiedererstandenen Runsthandwerks. wär'
unser fDhantasieleben kräftiger, es würde uns noch öfter
gelingen, das innere wesen irgend eines gewerblichen
Lrzeugnisses unserer Zeit in der Lrscheinung desselben
auszuprägen, als es in der That uns gelingt, und
seltener würden wir entweder zur Anleihe bei anderen
Zwecken dienenden Lrzeugnissen der Vergangenheit
oder zur rein äußerlichen und deshalb gleichfalls
nicht kennzeichnenden verzierung greifen. Bis vor
kurzem noch war ein Gerät, dessen Form in wahrheit
sein wesen, seine Gebrauchsbestimmung, unverkenn-
bar ausdrückte, auf manchen Gebieten des Runsthand-
werks die Ausnahme und nicht die Regel. Lrst in
den letzteren Zahren hat man sich darauf besonnen,
daß Stoff, Zweck und Form sich gegenseitig bedingen,

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H Ankündtgung über den „Ikunstwart" inttegend!

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