Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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zipienfrage streiten, ob es richtiger ist, Bretter und
Latten als solche zu zeigen, oder sie zu einer rein
dekorativen Scheinarchitektur zu benutzen, die mit der
weiße des B'tarmors und mit den Formen der Fürsten-
paläste der ^pätzeit prunkt. Zlllein wir haben in
den letzten zwanzig Iahren so armüdend viel Aus-
stellungs-, Schützen- und Turnhallen in senem bekann-
ten »kreuzfidelen« Schweizerhausstil gehabt, daß es
für unser Gesühl ebenso überraschend wie besriedigend
istz hier einmal einer ruhigen, ernsten, für das erste
Urteil monumental wirkenden Behandlung zu begegnen,
die aus all das kleine Detail verzichtet und ihre
wirkung in großen Atassen und schöner Gruppierung
sucht." „Suchen wir nach einem Bergleich, an den
uns diese weiße, vornehm heitere Architektur mit
(tzuadeiungen, starken Gcsimsen, großen Fenstern und
sdortalhalbkreisen, mit einem reichen Schmuck über-
lebensgroßer Fignren erinnert, so treten uns zunächst
die ^ommerrefidenzen der Fürfien des vorigen Iahr-
hunderts vor Augen. Und wenn die Mahl dieses
Vorbildes sür einen Ausstellungspalast ein durchaus
neuer Gedanke ist, so ist sie darum doch nicht weniger
glüeklich — denn es giebt kaum eine Bauform, die
in ihrem Aeußern so wie diese hier gewählte Groß-
räumigkeit mit Schlichtheit der Tinzelformen vereinigt.
Und diese Großräumigkeit sehen wir auss Glücklichste
auch im Innern gewahrt." „Die Behandlung der
Dekoration in Meiß, Gelb und Grün, die von einer
ganz ungewohnten, naiv-heiteren Mirkung ist, beglei-
tet uns dann durch alle anderen Teile der Ausstellung,
die allgemeinen Zwecken dienen und seiert ihren
Triumph in dem Restaurationssaale durch die chand
des f)rofessors Seitz. <Ls gehörte die ganze Gingabe
der Uäünchener Uünstlerschast an dies Unternehmen
dazu, daß ein vielbeschästigter Uünstler, der noch dazu
durch eine Staatsstellung als Uonservator des National-
museums in Anspruch genommen ist, wochenlang aus
dem schwankenden Gerüst gearbeitet hat, um diese
Decken, Douten und wände mit seinen geistreichen
Zmprovisationen zu schmücken. Ts ist etwas so ganz
Neues, in solchen, dem verübergehenden Dergnügen
eines Ausstellungspublikums gewidmeten Näumen die
khandschrift eines Uleisters zu sehen, und wieder in
einer so echt urwüchsigen und volkstümlichen U)eise,
daß wir uus nicht versagen können, hierbei noch kurz
zu verweilen. — kvas ck>eitz dargestellt hat, sind meist
die anspruchslosesten Dinge: unten eine Art Ballu-
strade, hinter welcher an schicklichen ckllellen landschaft-
liche Deduten, Grau in Grau gemalt, auftauchen.
An der Doute und Decke sind es die bekannten
Nahmen und Nartuschen des Nokoko, geistreich zu-
sammen gruppiert mit Taselgerät, Trink- und Tßbar-
keiten. Andere Rartuschen, die an den Mänden hier
und da verteilt sind, enthalten weinkarten und ähn-
liche Znschriften, die das konsumierende j?ublikuin

Vom

Über die S hake sp earc-Anstüh rung en in Dentsch-
land bringt das „Iahrbnch der deutschen Shakespearc-Gescll-
schast" nn 23. Bande Mitteilnngen. Es sind im Iahr 1887
25 lVerke des Dichters von t22 dentschen Schanspielgesell-

interessieren; die j?oesie der »altdeutschen« Rneipsprüche >
ist gänzlich vermieden. Das Lsolzwerk an Fenster
und Täselung ist grün angestrichen. Der helle, große,
kühle Lharakter eines Sommerrefektoriums in einer
der reichen Abteien der Zopszeit oder des Gartensaales
in einem sürstlichen Landsitz ist auf's glücklichste getroffen.
Man sragt sich solchen ungewohnten Dekorationseffek-
ten gegenüber unwillkürlich, wie das auf die produ-
zierenden Nünstler wirken, ob es »Schule machen« wird.
Nwister Seitz selber schien es nicht zu glauben, und
man muß ihm Necht geben, wie man sisht, wie dies
ganze Werk völlig Lingebung des Augenblicks, Zm-
provisation einer eminent geschickten Hand ist. wer
es nachmachen wollte, müßte eben wieder Seitz sein.
Trotzdem ist kaum daran zu zweifeln, daß diese frische,
liebenswürdige, naive Art sich Freunde erwerben und
Nachahmungen herbeisühren wird, die — es ist hier
nicht schwer, den j)ropheten zu spielen, zu Ansang sicher
daran scheitern werden, daß zuviel gemacht wird. Die
große weisheit, mit dem künstlerischen vermögen khaus
zu halten, nicht alles zu machen, was man kann und
was Tinem einsällt, ist die Grundlage der Nokoko-
Dekoration — wer diese weise Beschränkung so übt,
wie sie in diesen Arbeiten geübt ist, wird seines Reizes
aus den Beschauer sicher sein. wo sie fehlt, wird die
Folge phrasenhaster Schwulst, der nirgends weniger
zu ertragen, als beim Rokoko, und wenn er zur Lserr-
schast gelangen sollte, diesen Stil sehr bald in Miß-
kredit bringen wird". Lin Beispiel der letzten,
schlichten Art sieht Luthmer in dem neuen Münchner
„Lase Luitpold", das durch die Überfülle des Ge-
botenen sündige und den Naum nicht, gleich der
Seitzschen Dekoration, mit seiner Bestimmung in innere
ksiarmonie setze. — Auch die dokorierende Skulptur
in den Nunstausstellungsgebäuden sindet Luthmers
vollen Beisall. Ganz in der Art der alten Nleister
modellierten die Münchner ^tuckateure das zarte
Leisten- und graziöse Arabeskenwerk an der Decke
selbst, neben sich die Bleististskizze des Architekten, in
den Linzelnheiten durchaus den Lingebungen des
Llugenblicks folgend. „<Ls ist nicht zu glauben, welche
Frische und Ursprünglichkeit in diesem Grnament, diesen
sast sreischwebend gearbeiteten Blumen und Baum-
zweigen, diesen Rindergruppen und Vogelgestalten lebt.
Daß solche Meisterschast in der Dekoration nicht plötz-
lich erworben wird, daß sie das Lrgebnis angestreng-
ten Nebens ist, werden wir hier im Lande der »Aönigs-
schlösser« nicht vergessen, deren wert sür das Mün-
chener Nunstgewerbe nicht zu unterschätzen ist; allein
wir werden auch gezwungen, anzuerkennen, daß die
Rünstler Dassenige, was sie sür einen krankhast ge-
steigerten sürstlichen jch-unk zu gestalten gelernt haben,
mit seinem Derständnis aus das bescheiden ansprechende
Nlaß eines bürgerlichen Standpunktes zurückzuführen
wußten."

Tage.

schasten zusammen ?t?Mal ausgeführt worden; am häufigsteu
„Gthello" (90), „ksamlet" (80), „Rausmauu vou Venedig"
(8?), „Zähmnug eiuer Widerspeustigen" (67), „Romeo nnd
Inlie" (68', „tDintermärchen" „üulins Läsar" (39 Mal)

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