Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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hat das Schicksal des weines noch nicht erfahren,
seme Surrogate sind harmlos unschädlich; aber eine
andere Gefahr ist vorhanden, die nämlich, daß seine
nerven- und phantasieerregende Rrast ein kleines,
schwächliches Geschlecht finde."

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Soweit Lserr Mayr. Ich bin überzeugt, damit
ist ein vielversprechender Ansang sür eine neue wle-
thode zur Lrklärung der Rultur- und Runsterschein-
ungen gemacht worden. Immerhin erst ein Anfang.
Der Gedanke ist noch zu einseitig behandelt, er bedarf
des weiteren Ausbaus, der konsequenten Durchführung,
der systematischen Vervollständigung. Zunächst be-
schränkt sich Mayr in der Lsauptsache aus den Raffee,
wennschon er dabei auch den Linsluß des Thees und
weins beachtet. Das genügt nicht. Nnsere Zeit-
schristen kommen echter wissenschast nicht entgegen.
Trotz meiner Nlarlegung von der wichtigkeit der
Sache erklärte der Redakteur d. B. kategorisch, so
viel j)latz wie ich wollte, gäbe er nicht. So bin ich
gezwungen, meinem besseren wollen entgegen mich
hier lediglich aus kurze Anregungen zu beschränken.

Da nenne ich zunächst den Tabak. welch eine
Fülle von neuen Gesichtspunkten sür die Beurteilung,
wertschätzung, für das verständnis unserer großen
Rlänner würde sich finden lassen, teilten wir z. B.
unsere j)hilosophen und Dichter in Naucher und
Nichtraucher ein! Nehmen wir den Naucher Doß
und den Nichtraucher Goethe und vergleichen wir
die „ Luise" des Linen mit „Lsermann und Doro-
thea" des Andern. Lserr j)rofessor Düntzer, die Sache
scheint mir des Schweißes der Ldlen wert! Blicken
wir auf den Nichtraucher Heine und den Raucher
Börne! Sollte sich aus diesem Zwiespalt der spätere
Gegensatz der Beiden erklären lassen? Und wie
mannigsaltig wird die Ausbeutung der Tabakfrage
sür den Rulturforscher der Zukunst werden, wenn er
die verschiedenartigen Abwandlungen im Gebrauche
des Tabaks — als Nauch-, Lchnups- und Nautabak

— in Betracht zieht! vergleichen wir den Naucher
Friedrich wilhelm I. und den Schnupfer Friedrich II.!
Naucher und Schnupfer, Nauchtabak und Schnupstabak

— was sagen hier dem ins wesen der Lrscheinungen
dringenden Denker diese zwei worte!

Tinige worte auch über den Branntwein.
Sein Linfluß auf Rultur und j?oesie ist ja oft be-

sprochen worden, aber doch ganz einseitig, nur auf
seine normale Gebrauchsweise hin. Nicht das Nor-
male bringt hier die größten wirkungen hervor,
sondern das Unnatürliche. viel größere Ausbeute,
als die vorhandenen, böte demgemäß die Untersuchung
etwa der Frage: „welcher Unterschied im dichterischen
Schaffen machte sicb geltend zwischen jenen kseroen
unserer Dichtkunst, welche den Branntwein seiner Be-
stimmung gemäß innerlich genossen und jenen, welche
ihn mißbräuchlicherweise in seiner Form als Franz-
branntwein ohne Salz zur Besärderung des Haar-
wuchses anwenden zu sollen glaubten, oder ihn auf
Landpartieen in die Stiesel gossen oder zu waden- und
Schenkeleinreibungen benutzten?"

Auch das Bitterwasser in seiner Bedeutung
für die Litteratur gäbe unzweifelhaft zu den lehr-
reichsten Untersuchen Anlaß, sowohl das echte, genannt
nach Hunyadi Ianos, dem Nriegshauptmann und
Bojaren, der sicherlich keinen Schlachtplan ersann,
ohne seinen Geist durch vorherigen Gebrauch des
Trankes befreit zu haben, als das künstliche und seine
Surrogate. Ls ist ja freilich weniger Genußmittel,
! als vielmehr ein weiser versöhnungstrank in Fällen
! gestörter körperlicher „Iharmonie", wie sich der ameri-
kanische Arzt Davis ausdrücken würde. Der Linfluß
dieses Getränkes, besonders durch seine seindliche
wirkung gegcn subjektiven Spiritismus, ist entschieden
unbestreitbar, wenn auch im einzelnen Falle schwieriger
festzustellen. Nikolai z. B. und Zustinus Uerner
würden sicherlich bei Gewöhnung an das genannte
Getränk aus anderen wegen den j)arnaß erklommen
haben.

Zch eile zum Lchlnß. Aber nicht, ohne noch ein-
mal meiner Ueberzeugung Ausdruck gegeben zu haben,
daß Nlayrs Forschungen eine wahrhaft wissenschast-
liche Betrachtungsweise der Nultur- und Litteraturge-
schichte zu sördern geeignet sind, wie wenige. Zu
diesen wenigen rechne ich die Lntdeckung Fr. Th.
vischers in Bezug aus den jchnüssel, dessen Bedeutung
er bereits für die j?fahlbautenzeit nachwies. wie
würde sich seine Denkerstirne erhellt haben, hätte ihm
ein sreundliches Geschick noch den Linblick in die Lnt-
deckung vergönnt, daß ganz wie der jDsnüssel die
Grippo-Neligion, so der Raffee diejenige wohammeds
gleichsam erschaffen hat!

Dermann Lcbütze.

Leltungsscbau.

* bedeutct: Kesprecbung von Linzclwerken, f: bildlicbe Lrlauterung der Nutsatze.

Nllgemeineres und verscbledenes. (Das Alter der Schaf-
senskraft, Versuch der Geistesstatistik): kjirsch, Schorers Fbl
25. — (Der internationale Schutz der Litteratur u. Kunst):
Gegenw. 25. — (Tanz u. Tanzlied b. d. Deutschen): Franke,
Mag. 26.— (ks. von Stein): Poske, Gcgenm. 2H. — (Lr-
ziehung zum Naturgenuß): Buchwald, Lbenda 25.
DlcbtUNg. (Goethelitteratur): * Litterar. Merkur 26, 27. —
(Goethe i. d. poln. Litt.): Vogel, Nation -(0.— (Gottsried
v. Straßburg als Dichter von „Tristan u. Isolde"): Golther,
Bayr. Bl. 7/8. — („Iunge Litt."): Goldbaum, Gegenw.
25f. — (Iüngstdeutsche Litt.): voxel, New-l)orker Bell. I.
2^. — (Schnbart): Lbner, Nag. 26. ^— (Ideal. u. natur.
Romane in Frankreich): * F. vogt, Frks. Z. (Das

sranzös. volkslied): Ll. v. Glümer, Mag. 27. — (Frenzel):

Alberti, lvesterm. Monatsh. 582. — (lseiberg): * Gsiander,
D. Littbl. t2; Löwenseld, Nord u. Süd t36. — (Anton
Sommer): Lehnert, Lpz. Z. (lviss. Beil.) 52. — (R. Leander):
ksartung, D. Dichtung 7. — (Zur Lharakteristik A. Grüns):
Lbenda s. — (Dantesorschung): Scartazzini, Allg. Z. t6H,
Beil. — (ksoraz in Sxanien): ksübner, Nord u. Süd (56.
— (Donnellys Shakespeare-Lhisfre): lsonthumb, Gegenw.
2^. — (Namensspielerei i. d. Goethephilologie): Düntzer,
Lbenda 25. — (Scherers sloetik): * Grenzb. 25.

Tbcuter. (lvie schreibt man eine Theaterkritik?): Riffert,
Lxz. Z. (lviss. Beil.) 5^. — (Das nenere spanische Drama):
Allg. Z. (65 ff., Beil.— (vom historischen Drama): Bayer,
D. Dichtung 7s. — (pariser Theatereindrücke II): Brahm,

o)

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