Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Aus der Kückerei.

Mas dünket Lueb um Deiue? Liu Bekennlnis
von Fanthippus. (Leipzig, Grunow.) — 5eine Ansichten
nber k)eine unb die kseine-verehrung in Deutschland — An-
sichten, die er in seiner jdolemik im „Aunstwart" der Natur
der Sache nach nnr kurz audeuten konnte — legt lLanthipxns
hier in breiter Lntwicklung nnd Begründung dar. „kseine
ist ein jdsahl in unserem Fleisch geworden. Es bedarf einer
Gperation. Die Gesahr der Blutvergiftung der deutfchen
Natur ist auf's bedrohlichste gesteigert." Mit einer rein
litterarischen würdigung kseines, wie folche übrigens fchon
Goedeke gegeben, glanbt der verfasser nicht genug gethan, ja,
er hält sie heute kaum mehr für möglich. „Wer deutfche
Art und Sitte liebt, darf sich nicht scheuen, wie doch viele
tüchtige Männer leider immer noch thun, die lVurzeln der
anders gearteten lfeineschen Denkweise bloßznlegen." Tan-
thipxus findet sie im Nationalen. Er sieht in kseine „was
ihn als eine wahre jdest des edlen, frommen Iudeutnms
erscheinen läßt": ,,das Prototyp des modernen, entarteten
Iudentums, das, zu unserer Schande muß es gesagt werden,
nirgcnds in der welt fröhlicher gedeiht, als in Deutschland."
Der lVunsch, einen südischen ,,^>endant-Goethe" zu schaffen,
scheint ihm der Grnnd für die künstlich und planmäßig ge-
nährte Überschätzung kseines. Als Notto vor dem ganzen
Buche steht der Rückertsche Ners:

„5iegt das Abenteuerliche
Über das Gebührliche,

Und das Ungeheuerliche
Über das Natürliche:

Dann wird Goethe nicht mehr fein,

Und wir andern gehn mit drein."

Gelegentliche Lrörterung über deutsche chxrachbildung u. A.
ergeben sich aus dem Zusammenhang. — Es wäre sehr über-
fiüsfige Arbeit, unfere Stellung zu Fanthippus Ansichten noch
einmal zu zeichnen, nachdem wir unsere Auffassung der
Lseine-Bewegung im td- bsefte d. Bl. eingehend dargelegt
haben.

Atbaks. Von Alexander Frhrn. von Warsberg.
Mit Aquarelldrucken, Uarte und Phototypien nach Griginalen
von LV bf. Fifcher. (wien, Larl Gerold's Sohn). — Der
Gedanke, die Insel des Ddysseus zmn Gegenstand einer leichten,
anmutigen Schilderung zu wählen, war ein ebenso guter, wie
seine Ausführung durch lVarsberg im Allgemeinen eine glück-
liche war. Im Allgemeinen — an einzelnen Stellen
hätten wir doch etwas mehr kernige Belehrung gewünfcht und
an anderen, daß der verfasser sich noch kräftiger bemühe, mit
darstellender Aunst eine wirkliche iunere Anfchauung zu geben.
Er „plaudert" für unfern Geschmack zu hausig und erinnert
dadurch dann und wann an jene Reiseschilderci, deren Gpfcr-
land für uns Deutsche zumeist Italien ist. Das gilt aber nur
von einigen Etellen, durchaus nicht vom ganzen Buch, in dem
der Verfasser den richtigen Ton denn doch weit häufiger trifft,
als den falschen. Denken wir noch an die begleitenden

Fischerschen Zeichnnngen und Aquarelle und vergessen wir
nicht den hohen Reiz, den für jeden Freund des Lsomer —
und das heißt doch wohl: für jeden Gebildeten — der Gegen-
stand des Buches besitzt, —und wir wissen, da die Zahl seiner
Freunde keine geringe fein kann.

Ästbetik der Tonkunst von R. wallafcheck. (Stutt-
gart, w. Rohlhammer). — „Lines der unfruchtbarsten und
unerquicklichsten Bücher, die auf musikalisch-ästhetischem je her-
ausgekommen sind" — fo nannte das vorliegende jüngst erst
keiu Geringerer als bsugo Riemann in seinen Vorträgen:
„wie hören wir Musik?" Das lautet ein wenig ftreng.
Allein dieses Urteil klingt schärfer und abweifender, als es
wohl gemeint ift — sieht der Verfasser in wallaschecks Buch
doch znnächst nur das ärgerliche Gegenstück nach Seite einer
absoluten Verehrung der Instrumental-Musik hin zu Ed.
Grells merkwürdigen verhimmelungen der vokalmusik als
solcher. Ls ist wahr, das Buch hat einen trockenen Zug an
sich durch feine ftreng-logifche, abstrakt-nüchterne, zum Teil
sogar juristisch-prosaische Beweisführung, wie nicht minder
dnrch feinen offenkundigen Mangel an praktifch-musikalifchem
Sinn und künstlerischem, kongenialen Verftändnis der Dinge,
um die es sich beim künstlerischen jdroduzieren in erster Linie
handelt. Allein eben diese Behandlungsart hat, wie ihre
Rehrseite, so ihren Vorzug, und diescn Vorzug erkennen wir
vor Allem in des werkes erstem, historisch-kritifchen Teile, in
welchem der Verfasser ohne Zweifel fein Beftes gegeben hat
und welcher unseres Lrachtens in feiner Art ein Unikum ge-
nannt zu werden verdient. Denn wenn nicht alle Zeichen
trügen, fo wird man auf ihn ftets zurückzugreifen haben,
wo es gilt, die historifche Entwicklung einer fo jungen wissen-
fchaft wie der Musikäfthetik an der bfand eines kundigen und
fcharfsinnigen Forschers des Näheren kennen zu lernen. Ganz
vortrefflich sind hier u. A. die Kapitel Lselmholtz, kfanslick,
kfegel, desgl. Lserbart, Aöstlin. Auch andere Abschnitte liest
man mit ebenso viel Interesse wie Belehrnng, wenn schon
da und dort immcr wieder der Irrtümer und anch der Fehl-
fchlüsse (trotz aller noch so exakten Logik l) gar viele mit unter-
laufen. Sobald wallascheck aber diese feine eigenste Domäne
verläßt und den Boden der fpezielleren Musikforfchung betritt,
lassen ihn zwar nicht sein Forschungsdrang und feine wahr-
hsitsliebe, wohl aber fein kritisches Urteil, sein praktisches
Verständnis und fein künftlerifches Lmpfinden im Stich; eigen-
artig und anregend auf jeder Seite, macht er gar oft doch fo
abentenerliche Sprünge, daß dem Uenner der Sache Angst und
Bange werden könnte, der kühne waghals — möchte sich am
Lnde noch den kfals brechen. Dann fesseln wieder die Ein-
teilung des Stoffes und die Uberschriften der einzelnen Uapitel
durch eine Griginalität, welche (nach dem worte Goethes
von den „breiten Bettelfupxen") ein „groß' publikum" für
sich verschmäht. Durchaus nicht lückenlos und jedenfalls nicht
unwiderlegbar, ift das Buch fonach trotzdem ein wertvoller
Beitrag zur Musikäfthetik. j?hilalethes.

L-eitungsschAu.

* bcdeutet: Kcsprecbung von Linzclwerkcn, f: btldlicbc Lrlüutcrung dcr Nuksutzc.

Dicblung. (Theodor Storm): M. N. N. 3N; Schlenther,
Nation H2. — (Freytag : kfessen, D. wochenblatt t5.) —
(Kleine Schriften zur Litteratur, aus dem Nachlaß jdlatens):
D. Dichtung 8. — (ksamerling): Scheichl, Dtsch. Volksz. 188 ff.
— (Gtto Lndwig als polit. Dichter): Grcnzb. 27. — (Novalis):
*w. G. w., Allg.-Z. B.—(Larmen Sylva): Schrattenthal,

D. Littbl. 16. — (Iordans ,,zwei wiegen"): *Göring,
N. u. S. 134:. — (Philixpine Lngelhard): Nathusius, Ronserv.

Monatsschrift, Iuli. — (Der xolnifche Faust): Vogel, Gegenw-
26. — (Dostojewkis „Lsahnrei") *Malkowsky, Lbenda. —
(Flaubert, Zola, Daudet u. Goneourt): Sacher - Masoch,
Mag. 28. — (Doczis „Letzte Liebe") *wichmann, Lbenda.
— (Tolstoi als Kriegsdarsteller): *Kämmel, Lbenda 29. —
(Daudets „V'imrnortel"): *Mauthner, Nation 42. — (Denk-
malsgedanken sRleist u. Alexisj): !). k)., Dtsches Tgbl. 316. —
(Zukunft der Lyrik): wollerner, N. poet. Bl. 1.— (Mörikes



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