Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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eigenste Aufgabe ersüllen erst dann, wenn die ^och-
schätzung der Auantität, des „wuItL", jener der Tua-
lität, des „ruultuiu", gewichen sein und der an und
sür sich ja sehr nützliche Geist der Runstsammlungen
nicht schon sür den Geist der Sammlung zur Runst
gehalten werden wird.

wir kommen nicht mit Heiloorschlägen für unsere
Rrankheit. Als Rinder unserer Zeit versprechen wir
uns von der rein örtlichen Behandlung des Übels
nichts; und die wirklich organische ^eilmethode, die
den Schaden an der Murzel angreift, ist für das
Iubiläumsfieber dieselbe, wie für die großen bsaupt-

gebrechen unserer Zeit. Line wahrhaftige „Rultur",
aus dem Znnern herausgewachsen im Gegensatze zu
unserer angebildeten, aufgehängten und äußerlich an-
gezogenen „Zivilisation" ist ja das Ziel, nach dem
alle Lhrlichen und Tüchtigen ringen, nach dem „das
Lserz der Zeit sich sehnt". !Vir nehmen aber das
Recht in Anspruch, einen Schaden als einen Schaden
zu bezeichnen, — und wäre es nur, damit nicht
in der Zukunft vom Geschlecht unserer Zeitgenossen
behauptet werden dürfte: Schäden, wie der bespro-
chene, schienen nicht einmal als Schäden empfun-
d e n worden zu sein. Nrtbur Letdl.

Dicbtung.

* Mttlbelm Lcberers gdoettk hat bekanntlich
Nichard !N. Aleyer aus dem Nachlasse und nach
Rollegienheften als ein Gntwurf gebliebenes werk
herausgegeben? wir haben keinen Grund zu be-
zweifeln, daß es keine Schrulle und kein plötzlicher
Linfall, sondern ein inneres Bedürfnis gewesen ist,
was ^cherer, den Germanisten, zu einem Gang in
das Gebiet der Ästhetik veranlaßte. Dem Litterar-
historiker, welchem neben der rein geschichtlichen Auf-
gabe auch diejenige obliegt, ein werturteil über ein
Runstwerk abzugeben, muß der wunsch nahe liegen,
sich Rlarheit über die Rriterien zu verschaffen, auf
deren Grundlage er einer Grscheinung einen Wert
zu- oder absprechen darf: d. h., er wird wie von
selbst zu den Aufgaben der Ästhetik hingeleitet. Daß
also Scherers Unternehmen von redlichem Lrkennt-
nisstreben und gutem willen getragen ist, können
wir annehmen; aber diese Ligenschaften verbürgen
noch keine wirkliche Leistung. Dies beweist in der
That seine s)oetik, in welcher wir nicht mehr als
einen Versuch, und zudem einen in den Trgebnissen
wenig glücklichen Versuch erblicken können. Sein
wert und seine wesentliche Bedeutung liegt darin,
daß Scherer hier für die neuerdings vordringende
Auffassungsweise der ästhetischen Untersuchung über-
zeugungsvoll eingetreten ist und dadurch eine gewiß
nicht zu unterschätzende Tinsicht in die Notwendigkeit
des neuen Standpunktes bewiesen hat. Tr befindet
sich in vollkommener Uebereinstimmung mit den Ver-
tretern des letzteren, deren kennzeichnendes Bestreben
es ist, auch in der Ästhetik im Tinklange mit der
allgemein sich geltend machenden Strebung der Geistes-
wissenschaften an Stelle einer unfruchtbaren meta-
physischen Spekulation die weit mühsamere aber
sicherere empirische Forschungsweise einzuführen. Bei
ben „Zdeologen" mag der Gedanke, daß nunmehr
auch das feinste Lrzeugnis des menschlichen Geistes,
die Dichtung, der „rohen" empirischen Untersuchung
anheimfällt, Lntsetzen erregen. Daß jedoch dieser
empirische weg auch in der Runstwissenschaft der
richtige ist, dafür bürgt eigentlich schon die nachdrück-
liche Wirkung der Theorien eines Aristoteles und
eines Lessing, die eben diesen weg gingen. Die
moderne Äfthetik giebt sich nicht mehr dem metaphy-
sischen vernünsteln aus bloßen Begriffen über

* Poetik von IVilhelm Scherer. Berlin, !Veid-
mannsche Bnchhandlung.

Illundscbuu.

Runst hin, sondern sie trachtet danach, in unmittel-
barer Anlehnung an die Thatsachen der Runst
und mit Lsilfe der ungeahnt veroollkommneten jDsycho-
logie die Gesetzmäßigkeit des künstlerischen Hchaffens
zu erforschen. Zn Bezug auf die jDoesie bestimmt
Scherer den richtigen Ausgangspunkt dahin: „Wir
müssen uns klar werden über die allgemeinen Be-
dingungen, unter denen die jDoesie steht, Bedingungen
ihres Ursprungs und ihres Lebens; ihre Abhängig-
keit von der Beschaffenheit der Geister, aus denen sie
fließt, und der Geister, in welche sie eingehen soll."
<Ls handelt sich also um die Beantwortung zweier
wichtiger aber schwieriger Fragen: t. lVelche inneren
Triebfedern veranlaßten und veranlassen noch die Tr-
zeugung dessen, was wir Dichtung nennen? 2. lVelche
geistigen Aräfte setzen dieselben in Thätigkeit? d. h.
worin besteht der dichterische vorgang? — kvir
müssen nun allerdings bekennen, daß Scherer eine
genügende Aufhellung dieser j?unkte in Folge einer
zu wenig umsichtigen psvchologischen Deutung völlig
mißlungen ist. lvenn er nachweisen zu können
glaubt, daß der einzige in der Ulenschennatur
liegende Grund, der einzige psychische Beweger,
welcher die Dichtung überhaupt heroorgebracht hat
und hervorbringt, das Vergnügen ist, so ist dies
unhaltbar einseitig. Lswr ^mßte an der chand der
allgemeinen Tntwickelungsgeschichte des menschlichen
Geistes enischieden tiefer geforscht werden; die Unter-
suchung mußte hier vor Allem zeigen, wie und unter
dem Tinsluß welcher Nlotive sich die Dichtung aus
dem Gesamtleben mehr und mehr als selbständige
geistige Bethätigung abscheidet. völlig irrtümlich ist
die Ansicht Scherers, daß der Nlythus aus der j?oesie
entsprungen sei (S. tt6 f.). Ts ist vielmehr das
gerade Gegenteil richtig. — Zur Beantwortung der
zweiten Frage hat Scherer nichts wesentlich Neues
herbeigeschafft. bvas er über den dichterischen Vor-
gang uns darlegt ist mehr die Beschreibung des
äußeren Verlaufs desselben; dagegen an die Ausdeckung
des innersten Getriebes des dichterischen Mechanismus,
wenn man so sagen darf, ist er nicht herangetreten.
Scherer war dazu offenbar viel zu wenig psycholog,
wie aus Allem erhellt — und der Nlangel an ge-
nügender j?sychologie, dieser unerläßlichen Vorbe-
dingung für jede Geisteswissenschaft, macht den Aüß-
erfolg seiner Bemühung einigermaßen verständlich.
Das seiner Nleinung nach Alles erklärende j?rinzip



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