Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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» Ls sche'mt, als sollte anch Miinchen iieben der Knnst-
ansstellnna eine Art van „5alan aer Zurnckgewicsencn^ er-
halten. Die Bcschickung war so graß, daß das Schicdsgericht
verhältnisinäßig viele Bilder, nnd darunter chlche van cincm
kiinstlerischen Mcrte, den cs nicht bcstritt, lediglich aus Ranm-
mangel abweisen mnßte. Nnn planen einige namhafte
Künstlcr eine Beben-Ansstcllnng, die nicht als Gcgensatz,
sandcrn als Lrgänznng des graßen ksanxtunternchmens be-
trachtet werden soll.

Ä- Ban dcr Niinchner nnstgewerb c-A nsstc llun g
qchen bereits die ersten Berichte ein, kännen aber sreilich noch
wenig feststellcn, da ja die Ausstellnng sclber zwar eröffnet,
aber nach lange nicht scrtig ist. Groß sall der Boden sein,
den die nene 5tröinnng des aufgesrischten Rokakos gewonnen
hat (anch das Ausstcllnngsgebäudc ist im Zaxs crrichtet), ab-
gleich sie doch (Galt sei Dank) nach lange nicht Alles iiber-
flntet. Die cinzelnen dentschen 5täinme sind getrennt — sie
sallen ihre 5tamineseigentiiinlichkciten crstannlich gnt in ihrcn
Darbietnngen sxiegeln. Lin Berglcich nüt der Ausstellnng
van )876 scheint allerdings eincn inächtigen Ansschwnng dcs
deutschen Aunstgcwerbcs iin letzten Iahrzehnt zn ergeben:
quantitativ aber einen größeren, als qnalitativ. „kvährend

2 prec

Cvtntcr sacblicber vcrantwoi

inan friiher," mcint j?echt, „insbesandcrc den Miinchnern den
Barwurf machcn kannte, daß sie eigentlich blas Mnster fertig.
ten, dcrcn Vervielsältignng aber nnterließcn, so überwiegt jetzt
das Ljandwcrk entschiedcn die Runst. ?er verbranch und die
Frende an knnstgewerblichcn Lrzeugnisscn hat sich affenbar
ausfallend gestcigert mit dem zunehmcnden kvohlstand, aber
wie dieser wcdcr dcn englischen, nach sranzösischen erreicht, so
hält sich auch unscr kunstgewerbliches Schaffen nach in einer
inchr ader wenigcr beschcidenen, biswcilen anch inehr xratzigen,
als eleganten Mitte." !vir wiederhalcn es: van einem end-
giltigen Urteil kann noch nicht die Rede sein.

-x- Die mnsikalischc Abteilung dcr Ausstellung in
Bologna bietet (leider nicht übersichtlich zusammengestellt)
cine rciche Bcispielsammlung zur Geschichte dcr Instrnmcnte
von alten Zeiten bis zu den neuesten Lrfindungen der Gegen-
wart und eine große Anzahl van Originalhandschristen be-
riihmter Aampasitianen und van sanstigen „Musik-Rcliquien."
Die Abteilung siir bildcnde Annst zeigt eine Nenernng: die
kvcrke sind nach den einzelnen Gauen Italiens angeardnet.
Die Gewerbehalle soll wenig Neues bieten.

Gestorben: AarlRiedel, der gefeierte Dirigent, sdräsi-
dent d. A.-D. Musikvercins geb. 1827, gest. zu Leipzig d. ä. Iuni.

I)SNAl.

tung der Dcrren Linscndcr.)

Zu 5>achen: khenrrk Zbseri.

Ls aiebt einc ivatzrcheit des Lrkcnnens und eine Matzr-
tzeit des wollcns, jene bezieht sich anf das, was ist, diese
anf das, was sein soll: sie ist die sittliche wahrcheit, das
Gute, das wir dnrch unser bsandeln verwirklichen
sollen. kvir würden von der sittlichen kvahrheit
offenbar kein Ivissen haben, wenn wir nns von Natur
sittlich, d. h. mit nnseren lhandlnngen notwendig znin
Nechten strebend, verchielten. Nur weil die R'lenschcn
insgemein snndhast sind, wissen sie von einer sittlichen
Wahlcheit.

Das Unverletzliche, bseilige, das, nm dessentwillcn
wir recht handeln sollen, ist die Menschheit*; und
Alles, von dem wir wissen odcr glauben, daß cs der
Grund sci unseres Daseins, und Alles von dem wir
erfahren, daß es dem wolffe der Rienschheit nnd
ihrem Bestande sörderlich sei, ist heilig. Die sittliche
wahrcheit ist der Znbegriff des Ncchten. Und Lünde
begeht, wer dieser wahrcheit zuwiderhandelt.

Nun ist der Wensch sündhast. Aber ob er schon
sündigt, so brancht er darnm die Lhrfnrcht vor dem
bseiligen nicht anßer Acht zn setzen. Der Ubensch ist
nicht satanisch. Lr billigt die Sünde nicht. vielmehr
— das ist entscheidend: der wensch ist ein solches
Geschöpf, das, ob es schon sündigt, doch nicht will,
daß 5-ünde bcstehe. Das Böse lockt ihn zn verfüh-
rerisch, er widersteht nicht, die böse That gcschieht;
aber die 5>ünde soll nicht Statt haben unter dem
Licht, und er geht und vcrbirgt sein verbrochenes.
Ls lebt Ltwas in ihm, was sich gegcn das Böse em-
pört. Es brancht nichts gedankenmäßig Gewußtes
zn sein, es liegt ihm im Blute und überkommt ihn
mit richtender Gewalt, wenn er dagegen verstößt: das
ist die Scham.

* Im weiteften Sinne zwar: die Gcsamtheit des Lebendigen;
nur dcr größeren Ucbersichtlichkeit und hier gcbatener Aürze
wegen beschränken wir uns auf das engere Gebict. D. vers.

Das Schamgesühl ist es, was dem Uäenschen ver-
bietet, seine Unzucht jedermann zn bekennen. (Ob es
ihm sreilich damit nicht schon j?s!icht ist, seine S>ünde
jedermann zn verschweigen). Und das verschweigen
einer Sünde ans Schamgesühl hat nimmermehr
an sich schon den Tharakter einer Lüge.

Der Uiensch sündigt, aber er will nicht, daß S>ünde
bestehe. Diese Natnr des Uienschen verkennt Zbsen.
Lr sieht die Uwnschen uneins mit ihren Zdealen, eben
den Begriffen, die sie vom Nechten haben; cr sieht
sie sich öffentlich zum Gnten bekennen, insgeheim aber
sündigen; und also zieht er den Schluß: die U'lensch-
heit sei lügenhast. wie wir gesehen haben: den
salschen Schlnß.

Aus der salschen voranssetznng der Lüge aber
entspringt ein neuer j)rrtnm, denn der lügenhasten
welt gegenüber tritt Zbsen auf nnd sordert: wahr-
heit, die wahrheit des wirklichen Thatbestandes. Und
nnn mache man sich klar: die welt verschweigt ihre
Smnde aus Schamgesühl, cs kommt Giner, der sie nm
deßwillen lügenhaft schilt; er sordert wahrheit; was
sordert er also? Die Schamlosigkeit!

cho nackt ausgesprochen wird Zbsen dieses wort
nicht wahr haben wollen. Gr wird sich an die Brust
schlagen: ich bin nicht ein solcher! Und: sehr richlig!
erwidern wir; wir sagen auch nicht, Herr Zbsen sei
schamlos, sondern seine wahrheit bedsute das.

„Ich hätte Alvings Leben niemals verheimlichen
sollen" sagt in den „Gespenstern" die verwittwete
Rammerrätin Alving, welche die Zeit ihrer <Lhe über
als schamhaste Frau bemüht gewesen, die Schande
ihres Gemahls zu verschleiern. was konnte sie plötz-
lich zu ihrer Sinnesänderung vermögen? Lin Grund
ist der: Oswald, ihr Sohn, hat eine wärinere Neig-
ung sür Negina Lngstrand gesaßt, ohne Vorwissen,
daß diese, ein uneheliches Uind Alvings, seine Schwester
sei. Fran Alving dnrfte sich also sagen können:
hätteff Du Deinem Sohne von srüharff kein k^ehl

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