Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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D

3. Stück.

Lrscbeint

Iberausgeber:

FerdiNÄNd Avenarius.

Kcsrellpreis:
Vierteljährlich 2 r '-> lNark.

Zabrc,. I.

Wtldung

ährend meiner Dienstzeit lag ich einmal im
Lazarett. !Nein „L-tubenkamerad" war ein
„Dreisähriger," ein früherer Zimmermann.
Mir sioh die Langweile des Krankenhauses
vor den worten des „Faust". Lines Tages bat mich um
meinen Tröster der Andere. Nun hatte ich sreilich uur den
ersten Teil dort, nicht den zweiten. Trotzdem — der Faust
für einen Zimmergesellen? Zch suchte eine Ausflucht
und gab ihm das Buch uicht. Lin paar Tage später
sand ich ihn doch darüber gebückt, als ich vom Gar-
ten hereinkam. Nun er mich sah, sagte er hastig:
„Lie wollten mir eine Llasche wein schenken, wenn
2ie srüher chinaus^ kämen, als ich: bitte, schenken Lie
mir lieber das Buch da!" Und immer wieder las
mein TNanu uun im Laust. Begabt, doch nur mit den
notdürstigsten Lchulkenntuissen ausgerüstet, genoß er
die Dichtung doch und machte dann uud wann eine
Bemerkung darüber, die mich staunen ließ. Zch riet
ihm, er solle sich „das" auf dem Theater ansehen,
wenn er auch wieder „draußen" wäre. Da lächelte
er ungläubig. „Das kann man doch gar nicht sehen,"
meinte er.

Genesen, ging ich meinerseits ins ^chauspielhaus,
„Faust, der Tragödie zweiten Teil" aus der Bühne zu
bewundern. N)ie hüpste da eine pralle Schauspielerin
in ihren Trikots als Luphorion herum, wie wirkungs-
voll war es, wenn die Teufel im Aampf mit den
Lngeln Feuer bekamen, gleich schwedischen Ltreich-
hölzern an ihren Schachteln, wie erhebend, wenn das
bengalische Feuer aus den Seligen herumleuchtete!
Das war dann eine Begeisterung und ein Rlatschen!
Zn den Gängen sprach man von der „künstlerischen
That", die in der Ausführung des großen Nlysteriums
liege. Da war nun sreilich mein Zimmergesell mit
seinem: „das kann man doch nicht sehen" widerlegt.
Der glaubte das schon vom ersten Teil und hätte

doch hier selbst die abstrakten Gedankengänge des
zweiten mit oder ohne Operngucker besichtigen
können. Aber ich nehm' ihm den Zrrtum nicht übel,
denn er war ja nur ungebildet und dieses begeisterte
Faustpublikum war gebildet.

Nlein Slazarettkamerad ist mir noch oft vors innere
Auge getreten, wenn ich über Bildung sprechen hörte.

N)as ist denn Bildung? Nkan sollte denken, der
Name sagte das klar. Bildung ist Bilden oder Lr-
gebnis des Bildens. Auf Orgauismen angewandt:
Bildung ist Ausbildung derGrgane. Nlensch-
liche Bildung ist Lrziehung von Seele und Leib zu
größerer menschlicher Leistungssähigkeit. Den bilden
wir, dessen Auge wir schärser und schärfer zu sehen,
dessen Ghr wir seiner und seiner zu hören lehren,
dessen verstand wir immer tüchtiger machen zum
Denken, dessen Lmpfinden wir erziehen zu immer
wärmerem Umsassen, dessen s)hantasie wir stärken zu
reicherem innern ^chauen: dessen teben wir ooller
machen an selbsterzeugtem Gehalt.

Zn unsere Aultur hat sich ein anderer Begrifs
von Bildung eingeschlichen. Gb wir es zugeben oder
nicht: unserem Bewußtsein ist wissen und Bildung
ein und dasselbe geworden.

wer wäre nun der Thor, gegen die Mege des
wissens sprechen zu wollen, gegen das Lehren
und Lernen von Renntnissen! Kenntnisse können für
die wissenschaft einen Schatz aufstapeln, der in den
Handbüchern der Bibliotheken ruht: einen Schatz, von
dem der Gelehrte nimmt, wann er davon bedars.
U)issen muß beim Unterricht eines Zeden nützliche
Dinge ins Gedächtnis speichern, und ABT und Lin-
maleins sind schon für unsereAleinen eineguteSache, wie
Namen- oder Vokabeln-Renntnisse sür uns Große. Ganz
zu schweigen vom lVissen von den Gedanken der Nlänner
aus Vergangenheit uud Gegenwart, von den Ge-




ls

—L
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