Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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die Figuren immer die gleichen, anfs Bedenklichste mahnend
an enge Alchängigkeit nicht vom Modell, nein, von
der Gliederpuppe. Ich will von geistiger vertiesnng
gar nicht reden. wo aber finden wir auch nur
perspektivische Vertiesnng in diesen Bildern, wo jene
plastische Bäumlichkeit in vorder-, Mittel- und Lfinter-
grund, die bei Ludwig Richter ein jedes Blatt j)apier
zum Guckloch macht in eine kleine ideale Welt?
Linen Teil der Schuld hiervon trägt sreilich auch
j?letschs Unvermögen, gerade den Bedürsnissen des
k^olzschnitts mit dem Bleistift gerecht zu werden,
dein wiederum bei Nichter vollendete Sachkenntnis,
ja resormatorische Fördernng dieser Technik gegen-
überstelst. Wie die sichere Freiheit seiner Liniensührung
dem ängstlichen Sichbeschränken auch in dieser Lsinsicht
bei pletsch.

Wir wollen nicht mißverstanden werden. Weshalb
wir diese Zeilen schrieben, das sprachen wir deutlich
aus. Die Freude an pletschs Zeichnungen unseren
Kindern und uns verübeln zu wollen, liegt uns sern.
Denn diese Frende ist eine sehr berechtigte: es ist die
Freude an nnseren Rleinen selbst, an deren lustiges
Treiben wir behaglich erinnert werden, die Freude
an weib und Rind und Hans und cherd. Aber es

ist eine rein stoffliche, eine Freude rein am dargestell-
ten Gegenstand. Und mit wachsendem Verständ-
nis für den künstlerischen N)ert erkennen wir
allgemach, wie flach denn doch alles beobachtet, wie
sehr alles zurechtgestellt, wie wenig von innen heraus
belebt es ist. Und wir wenden nns zu denen,
die uns anch aus der Rinderwelt — mehr zu sagen
haben, z. B. zu deren wahrem Lserzenskündiger, eben
zu Lmdwig Richter. Für unsere Rleinen selber werden
stlletschs Bilderbücher gute Gaben bleiben, hundertmal
vorzuziehen zahlreicheir anderen, die ihre vorstellungen
reizen, statt sie zn stärken nnd ihren Geschmack früh-
zeitig verderben. Uns Gereifre versetzen sie doch nur
durch das Spiel der vorstellungen, die sich an sie
anknüpsen, durch das, wovon sie uns erzählen,
in Stimmnng, nicht durch sich selber. Melcher Tr-
wachsene ist so hartgeschmiedet, daß er nicht einmal
seine Freude — vielleicht eine recht stimmungsvolle
mit wehmut und Rührnng gemischte Frende — an
einer hübschgemachten Puppe oder an Bleisoldaten
enrpsände und angesichts des Uindes, das mit ihnen
spielt, sich zurückversetzte in „selige goldene Zeit"?
Preisen wir aber deshalb die st)uppen und Bleisol-
daten als Statuen? A.

Vom Tage

Eine interessante Bühne ist das ,,1Ü6g.tre ltdre"
in j)aris, das seit dem Leptember vorigen Iahres besteht,
von dem man aber bei uns noch wenig weiß. Es hat sich
die schwere Ausgabe gestellt, 5tücke auszusühren, die an an-
dern Bühnen nicht angenommen werden und doch die Aus-
führung verdienen. Nur durch Linladungen werden seine
jdlätze gesüllt: käusliche Billets giebt es nicht. Das Theater,
dessen Schauspieler meist junge Dilettanten sind, zog gegen
I Unnatur der Dramen und falsches jdathos der Mimen zu
Felde und erwarb sich schon manches verdienst. Iüngst sührte
es Tolstois „Mächte der Finsternis" aus, jenes Drama, bei
dessen erstem Lrscheinen in j)etersburg (vor anderthalb Zahren)
80 000 Exemplare der Buchausgabe in drei Tagen vergrisfen
waren. Nach seinem großen Lrsolge im „Illeütre lidre"
wird es auch über die Bretter anderer Bühnen gehen. — Da
wir gerade von „Spezial-Theatern" sprechen, fei auch der
Gründung zweier anderer, freilich fehr verfchiedenartiger, ge-
dacht: eines „jdompadour-Theaters", das sich in Ber-
sailles zur jdflege von Merken des vorigen Iahrhunderts
öffnen wird, und eines Gilbert-Theaters, das der Textdichter
der Sullivanschen Gperetten eigens sür deren Darstellung in
London austhun will.

-x- Der Umbau des Berliner Schauspielhauses wird
am f. Mai beginnen.

In j)rag wird die Vereinigung des deutschen und des
czechischen National-Theaters unter Angelo Neumanns
Direktion erwogen. Für uns aussallender Weise scheinen die
Tzechen der Idee weniger Geschmack abzugewinnen, als die
Deutschen.

-r- Die deutsche Gper in New-lstork ist nun doch ge-
schlossen worden.

x LrstauMbrungen: Bizets „Larmen", z. M- in
Madrid aufgesührt, fiel durch. Der selbst von Niemann ge-
rühmte „vortreffliche spanische Lokalton" wurde am wenigsten
anerkannt. — Gense-Zolls ,,Die Dreizehn", Gperette, am
Berliner Friedrich-Wilhelmstädtifchen Theater (^o. Febr.). —

Lecocqs ,,La Doliöre", koin. Gp., ward in paris besonders
wegen ihres schlechten Textes abgelehnt. Am gleichen Mangel,
wenn auch nicht an ihm allein, scheint Lalvesyres „Uu Daiue
äe Nouseronu" in der „großen Gper" gescheitert zu sein. —
Schönthan und Radelburgs ,,Die berühmte Frau", Lust-
spiel, im Berliner Deutschen Theater (^. Febr.). — Berdis
„Gthello", Gper, z. N. in Deutschland, im ksamburger
Stadttheater (^. Febr.).

Der deutschen Theater-Rapellen und der sehr be-
rechtigten wünsche ihrer Mitglieder nach einer Aufbesserung
ihrer Lage, nimmt sich ^>aul Marsop gelegentlich des abschlägigen
Bescheides an, den das Münchner Lsos-Grchester auf eine Ein-
gabe erhielt (M. N. N. 55). Zunächst spricht er von der
Ungerechtigkeit, die schon Rritik und jdublikum den Mitgliedern
der Vrchefter erweist, wenn man sich kaum um sie bekümmert,
während man Schauspielern und Sängern alle Ausmerksamkeit
zuwendet. ,,Man hat das Verständnis dasür, daß die Zuver-
lässigkeit der Kaxelle das A und G einer guten Gpernaus-
sührung ist" — und trotzdem, so seltsam das klingen möge,
sei der Grchestermusiker selbst der besten deutschen Bühnen
noch nicht ganz „emanzipiert". Man sehe in ihm nicht den
Rünstler, sondern — nun, den „Musikus", in ihm, der unge-
nannt bleibt, mit Arbeiten mehr und mehr überbürdet wird,
Tag sür Tag in bescheidener Lfingebung seine Berufspflichten
erfüllt und, während die Gagen der Sänger steigen und steigen,
sein kärgliches verdienst „nach altem Satz" empsängt. „Rann
man sich eines bittern Gesühls erwehren, wenn man bedenkt,
daß ein Rlavierakrobat nach der Mode, eine vom jdublikum
vergötterte Geigen-, Gesangs- oder j)osaunensee aus dem
Lande der Nigger und Rreolen, die mit sieben zusammenge-
sparten Ltückchen von Grt zu Drt reist, mit Gold und Lhren
überschüttet wird, während der bescheidene, aber durch und
durch künstlerisch geschulte Instrumentalist sroh sein muß, wenn
er zu dem gleichen ksungergehalt, wie ihn sein Vater und
Großvater bezog, noch dengeringsügigen Lrtrag einigerLektionen
legen kann?"

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