Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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ue sich die Zeiten ändern! Ls ist noch
?nicht zehn Zahre her, daß mein ehrliches Haupt
^>als eine Llugstatt von Schulineistermucken ver-
ckacht wurde, da ich in einer Gesellschaft ein-
mal von der Unerfreulichkeit der Fremdwörter sprach,
die mir meinerseits wie Bchwärme dünnbeiniger Unieken
von allen Seiten her um die Ghren summten. Ach, ich
gab's aus, mich zu verteidigen, denn unter den Ulännlein
und Fräulein war Reines, das sich mir zur ^eite gestellt
hätte. Wie sich die Zeiten ändern! Ls sind bis auf wenige
dieselben Menschen, unter denen ein harmloses „kurios",
das gestern dem Zaun meiner Zähne entschlüpste,
unter zehnstimmigem kVeherus mir angekreidet
wurde mit 5 jchennigen deutscher Reichswährung
Bußgeld!

Beklage ich's, daß die Fremdwörtertötung Mode
geworden ist? Zm Gegenteil. Der alte F>atz, daß,
was i n die Ulode kommt, auch wieder aus der U7ode
komint, bleibt zwar bestehen, aber aus der Mode
heißt uoch nicht zum Tode. Die wirklich geistig
sreien L!eute wohuen aus ihren Höhen in tausend
weltabgelegene j?lätzchen eingesiedelt, die Mode ist
der große wind, der auch ihnen den Samenstaub
aus der Zahresernte in der breiten Tbene hinaus-
weht — uud was droben noch Lebenskrast hat, das
geht aus, uud was nur in den Feldern drunten bei
Dünger gedeiht, das verkümmert. Das Gute aus
der neueu Bewegung um's Lremdwort wird gerade
durch die Mode sich leichter ansiedeln aus den chöhen
im Lande der Geister, und was nichts taugt wird
droben eingehen, wenn der ZVodewind verweht ist.

Dars ich eine Geheimketzerei dem „Aunstwart"
in's Ohr slüstern, so bekenne ich, daß mir zum letzteren
die Beflissenheit zu gehören scheint, mit welcher man
immer und immer wieder den biamps gegen die Gäste
unserer F>prache mit der Vaterlandsliebe in Verbin-
dung bringt. Vaterlandsliebe dringt daraus, die
Güter des Vaterlandes, zu welchen die F-prache als
eines der wichtigsten, wenn nicht als das wichtigste
gehört, zu mehren und zu krästigen. Daß absr die
Bekämpsung der Fremdwörter unserer Sprache wirk-
lich zum Segen gereicht, eben das wird ja gerade
von den Gegnern der Bewegung bestritten.
Nach deren Meinung ist diese „sranzösische Rolonie"
für unser Deutsch wirklich eiue „B'lehrung des Neichs"
geworden, deren Mitglieder so wenig schädlich, so
wahrhast nützlich sür uns geworden sind, wie etwa
die Nütglieder der Berliner „sranzösischen Aolonie."
Zhnen zu Folge haudelt sich's also vei den Fremd-
wörtern um ein dankenswertes Gut auch sürs vater-
land. Diese Nleinung gilt es zu widerlegen: die
Vaterlandsliebe an und sür sich als einen selbstver-
ständlichen Grund sür die Ansichten der Fremdworts-
seinde hinzustellen, ift in der That Deutschtümelei,
nicht klare, zielbewußte Liebe zum Deutschtum. Denn
wenn die deutsche Sprache durch die Verabschiedung
der Fremdwörter wirklich Tinbuße erlitte an ihrer
Ausdruckssähigkeit — dann, ja, dann wäre gerade
das Lsereinholen dieser Fremdlinge in unsere Grenzen
eine patriotische That und nicht ihre Ausweisung.
Zst doch die Ausdruckssähigkeit der Sprache, mit der
in IVechselwirkung auch das Gedankenleben eines

Das Fremdvport.

Volks sich verseinert oder vergröbert, unbedingt das
kVichtigste. Rönnte unser Deutsch der Fremdwörter
zur Ausbilduug seiner Ausdruckssähigkeit wirklich nicht
entraten — so bliebe ihm nichts übrig, als die allmäh-
liche Lntwicklung zu einer AHischsprache. Und patristische
^chmerzen würden sich unsere Nachkommen über den
Besitz einer solchen wohl ebensowenig machen, wie
z. B. die Lngländer über ihre Uttschsprache heute.

Die Frage steht demnach so: verbessern die
Fremdwörter die Ausdruckssähigkeit des Deutscheu
oder schadeu sie ihr?

Durch die Sprache wird ein Bewußtseinsinhalt
vermittelt. Lin Bewußtseinsinhalt — vermittelt: nun
könntemandieSprache in eine wissenschastliche(„Denk-")
und eine künstlerische („j?hantasie-") Sprache einteilen,
je nachdem, ob es ihr aus das Lrstere oder das
Lvtztere ankommt. Belehre ich Zemanden, so ist es
unbedingt die Hauptsache, daß, was ich ihm vermitteln
will, nach Abschluß meiuer Belehrung in seinem Ropse
eben da ist. Daraus, daß ich begriffen, daßich
verstanden werde, kommt mir's an. Ganz anders,
als wenn ich mich der F-prache mit künstlerischer
Absicht bediene. Gerade im Trzeugen der vor-
stellungen, im lVie, liegt hier das lVesen und der
künstlerische Genuß im Nachschasfen jenes Bewußt-
seinsinhaltes seitens der durch den poeten angeregten
jDhantasie. „Tin Zeder lebt's, nicht Vielen ist's bekannt"
— aber ein kleines Beispiel wird es sosort klar
machen. Zch schreibe ein paar Stormsche verse her:

Schnell welkende winden!

Die Spur von ineinen Aindersüßen sucht ich
An eurein Zaun; doch konnt ich sie nicht finden.

Übersetzen wir das mit Aufgebot aller Nüchtern-
heit in rein verstandesgemäße j)rosa, so kommt etwa
dieses heraus: „Zch suchte an dem Zaun, an welchem
lVinden (schnell welkende j^flanzen) wachsen, die ^puren
von meinen Rindersüßen. Aber sie waren nicht mehr
bemerklich." woher kommt es, daß uns die Verse,
in denen „so wenig gesagt" ist, dennoch nicht nur
nicht lächerlich, sondern sogar, haben wir nur ein
wenig Phantasie im Leibe, als ein in seiner Rleinheit
geradezu köftliches Geschenk der j)oesie erscheinen?
Davon, daß wir während des Lesens zum wirklich
Ausgesprocheneu unsagbar mehr hinzuthun, welches
der Dichter durch das LVie seiner Darstellung in
uns nur angeregt hat. Denselben Bewußtseins-
inhalt kännen auch Tausend Andere besitzen, aber
nur der j?oet kann ihn in uns beliebig hervor-
rusen, kann ihn von sich aus uns übermitteln.
Setzt mir dagegen der Logiker auseinander, daß wenn
L—b und b^c, auch u—c sei, so empsange ich zu-
nächst keinen weiteren Bewußtseinsinhalt von ihm,
als den, welchen er ausspricht: hab ich den begriffen,
so ist der unmittelbare Zweck der „Denksprache" in
diesem Falle erfüllt. Also aus dem vermitteln liegt
bei der rein künstlerischen Sprache der Ton, aus dem
Vermittelten bei der rein wissenschastlichen. Zn kVirk-
lichkeit sind so verschiedene Gegensätze freilich selten:
9 9 von tOO Büchern oder Zeitungen, die gedruckt
werden, sind weder in reiner „Denk-", noch in reiner
„Phantasiesprache" geschrieben. Unserm Zwecke dient
die Auseinanderhaltung beider Begriffe deshalb nicht

sb

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