Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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weil die ja eine Lprache mit uns reden. Und so ein
protestantischer s)reuße ist uns doch lieber, als ein
katholischer und österreichischer Tscheche oder Slowak.
Denn er gehört zur Blutsverwandtschast!"

Inzwischen waren wir unter den Linden ange-
kornmen. Zuletzt war mir mein Freund schweigend
gesolgt. plätzlich blieb er stehen:

„Da ist der alte Fritz wieder!" rief er aus.
„Den erkannte ich gleich. wir haben noch ein Bild
von ihm, das mein Urgroßvater zur Zeit des sieben-
jährigen Urieges kaufte. Mein Großvater hat ihn
selbst gesehen, als er nach Böhmen hereinzog. Und
da ist Ziethen! Da stehen ja auch die Namen von
den anderen Generälen. Also so sah der Neiter-
general Seidlitz aus? Tin strammer Uerl! Das ist
ja wunderschön, das Denkmal. So etwas sollte man
zu uns nach Böhmen stellen, als Zeichen, daß wir
nach allen Rriegen doch deutsch geblieben sind und
daß kein Zwiespalt uns trennen kann von den anderen
Volksgenossen, daß wir uns an den deutschen Helden
so gut freuen, wie Zhr. Das verstehe ich, obgleich
ich nur ein dummer Bauer bin. Das sind Männer,
die oft vor Tausenden von Soldaten im Feuer standen,
die haben ihre richtigen Uleider und die stehen da,
wie zu der Zeit, als sie für ihr vaterland fochten.
Den alten Fritz haben sie größer gemacht, als die
Übrigen! Das ist gescheit. Lr war der Größte von
Allen. Lo sieht man ihn auch besser! Und hier,
unter den Linden, da ritt er hunderte von TUalen
einher! ,Und dort gegenüber der Uönigswache!
j?rächtig! Der alte Blücher mit dem Lchwert in der
tfand! der hat für seinen Rönig und seiri volk

wache gestanden! U)ir haben in U)ien auch feiue
Lselden: Den j?rinzen Lugen und den Lrzherzog Uarl
zu j)ferde vor der Burg. Und Zoseph II., den alten
volkskaiser, der gesagt hat: ,Zch bin stolz, ein Deutscher
zu sein!' Auch bei uns in Nordböhnren haben wir
dem Denkmäler gesetzt, wo sie unser Deutschtum be-
kämpfen wollen. Lr war ja einst bei uns nnd hat
sich nicht geschämt, den Mug des Lauern zu führen.
Damals, als der lebte, stand es noch besser um Mester-
reich und seine Deutschen. Auch der Blücher uud
der Rarl, das müssen ja noch Freunde gewesen sein.
Lehn Sie, ü^rr, das ist doch was anderes, diese
Soldaten und Ltaatsmänner. Lteht denn noch kein

Bismarck hisr? Das sind die Laute, die auf den
Ularkt gehören, nicht die Dichter. Die haben in
Stuben gehockt und an der Feder gekaut. Die haben
am Lchreibtisch sür die Ltube gearbeitet. Ltellt sie
in Luren Lchulen auf und in Luren Theatern, wo
die Ulenschen verkehren, welche ihre werke begreifen
können und genau kennen, schmückt ihre Gräber, ehrt
sie, so hoch ihr könnt. Aber stellt sie nicht auf den
Nkarkt, wo sie 'nicht hingehören, wo es ihnen selbst
nicht wohl zu Nlute gewesen wäre. Uns aber, dem
gemeineir volk, gebt nicht zu viel Ltandbilder; wenige
und leicht verständliche und nur solche von Ulännern,
die das Volk beherrschten mit der Nlacht ihrer Nede,
ihres Befehles, ihrer Lrscheinung: Die großen Rönige
und Naiser, die Feldherren und Ltaatsmänner, welchen
unsere Vorfahren oder wir selbst gern gehorcht haben!"
wir gingen wieder am j?alais des Naisers vorbei.
„Dem da," rief der böhmische Bauer und wies mit
weit ausgestreckten Armen auf das Fenster des Raisers,
„dem. da setzt ein Denkmal, größer als dem alten
Fritzen. Den kennt Zeder! Da braucht Zhr für uns
Ungebildete nicht erst darunter zu schreiben, wer er
ist. Dem eins und seinem Sohn, dem jungen Fritz
und dem Bismarck und dem Nloltke. Ltellt's auf den
größten Nlarkt, mitten unter die Ltände, wo das
Bolk sich drängt. Die Leute werden schon Zeit sinden,
vor ihnen stehen zu bleiben und fürs Vaterland zu
Gott zu beten, wenn's Not thut. Da braucht Zhr
keine vermenschlichungen und sonstigen gelehrten
Firlefanz. Die wird man noch nach tausend Zahren
verstehen, so lange und wo immer es noch Deutsche
giebt. Und tragt Luren Nünstlern auf, sie sollen sie
uns nicht schöner machen wollen, als sie uns unser
bjerrgott geschasfen hat. Daß man Nind und Nindes-
kindern sagen kann: Gerade so haben sie ausgesehen!
Und wahrhaftig! Die sind schön genug für unser
Bolk. Schöner wollen wir sie garnicht!" Lr war
tief ergriffen.

Der Lchutzmann, welcher vor dem s)alais auf-
und abgeht, wurde auf deu laut redenden, erregten
Bauer aufmerksam. Zch zog ihn mit sanfter Gewalt
weiter, um ihm Unannehmlichkeiten zu ersparen.

was so ein Bauer Alles in seinem Unverstande
zusammen zu reden oermag!

Cornelius Gurlitt.

-L-

Nundscliuu

Allgenleineres.

Kiese über die LnNvieklung des Oatur--

getÜblS im Ulittelalter und der Neuzeit. — Der
beste Beweis dafür, daß die Ulenschheit sich seit etwas
mehr als hundert Zahren innigerer, herzlicherer,
jedenfalls bewußterer Beziehungen zur landschaftlichen
Natur erfreut, als je zuvor, liegt in der langen Neihe
von Schriften, in denen sie, seit Nousseau, Goethe,
Burns u. s. w. sie auch von der langweilig lehrhaftenNatur-
betrachtung eines Thomson, Brockes und Lsaller be-
freit hatten, sich geschichtliche Rechenschaft darüber
abzulegen suchte, wie es gekommen, daß sie es im
2laufe der Zahrtauseude, vermeintlich im Gegensatze
zn den alten Griechen und Nömern, so herrlich weit

im Naturgefühl gebracht. Die Zahl dieser Schriften
in gelegentlichen Lrörterungen innerhalb anderer
Merke, in ganzen Aufsätzen, Büchern und besonders
in Schulprograminen ist seit Nants, Schillers, I^erders
und vor allen Dingen bfumboldts Bemerkungen über
den Gegenstand erstaunlich angewachsen und kaum
noch zu übersehen. Die meisten dieser Arbeiten be-
schäftigen sich nur mit den Äußerungen des Natur-
gefühls in der Dichtkunst, den Neisebeschreibungen und
anderen Schriften, lassen aber die Landschaftsmalerei,
auf die es hier eigentlich in erster Neihe ankommt,
außer Betracht. Nur der Nerfasser dieser Zeilen, der
gestehen muß, auch einmal ein Büchlein über das
billige Schulprogrammthema „das landschaftlicheNatur-
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