Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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moderne Bildung vorahnend zeichnen wollen. Man
verfolge nur einmal darauf hin das erste 2luftreten
des „trocknen Schleichers": fast jedes feiner worte
könnte, mit vollem Lrnst im Gesicht, unsere Lrau
„Bildung" selber sprechen, mit vollem Lrnst und mit
ebmsoviel Selbftbewußtsein — hätte sie nur Lipxe
und Zunge und wüßte sie nur nicht, daß Goeche hier
einmal satirisch gewesen. wir hören's ja von jeder
Zeitung beten, wie wir's so herrlich weit gebracht,
nicht in vielem, sondern in Allem. Und unsere Aus-
sassung der jDoesie! wer denkt bei dem großen
„Lrgetzen, sich in den Geist der Zeiten zu versetzen"
nicht unserer sogenannten hiftorischen Romane, wie sie
die Leihbibliotheken süllen:

„<Lin Aehrichtsaß und eiiw Numpelkammer,

Und höchstens eine bsaupt- und Staatsaktion
Uttt trefflichen pragmatischen waxiinen,
wie sie den j)uppen wohl im Wunde ziemen!"
welcherlei Dichtungen sind es, die unsere „Ge-
bildeten" noch genießen, noch genießen können?
Solche „die aus der Seele dringen?" Gder solche,
die entweder ein flüchtiges Spiel schaal oberflächlichen
witzes bieten, oder die wieder ein paar neue, schwer
lernbare Namen oder dergleichen eingeben, wie spillen
in Syrup? Unsere j)hantasie nimmt es ruhig hin,
die unwahrsten verzerrungen als Bilder der Gegen-
wart aus der Bühne zu sehen; aber unser Gedächt-
nis muß mit hundert Linzelnheiten aus Altägypten
belastet. werden. „Dichtungen", die „Uenntnisse ver-
breiten" sind uns verdienstliche werke, mögen ihre
chinesischen Schuhe der lahmen st)hantasie die Lüße auch
noch mehr verkrüppeln. Lrüher gaben sich solche
Bücher ehrlich als Didaktik, heut geben sie sich als
j)oesie und werden sür j?oesie gehalten. So sind wir
denn glücklich mit unserer Vorstellungskraft genug
herunter gekommen, um, sühlen wir wenigstens noch
den Drang zum Schönen in uns, mit wagner zu seuszen:

„Ach Gott, die Uunst ist lang
Und kurz ist unser Leben!"

Und wir kausen uns einen Düntzer'schen Goethe-
kommentar und lesen darin mit Andacht, Nagout
sei „ein aus mancherlei Teilen bestehendes Gericht",
und wenn der Altmeister sage: „Zn jeden Auark
gräbt er seine Nase," so sei das so zu verstehen, daß
er sie in jeden (Huark stecke. wo sollten wir auch
die Fülle der Gesichte herhaben, daraus von selber
zu kommen? Freilich, so muß uns die Uunst wohl
lang werden!

Zur vollen Bildung gehört auch eine andere
Bildung unseres Uörpers, als wir sie heut erhalten
— wir sprechen vielleicht ein andermal davon, wie
wichtig der tüchtige Leib auch sür ein tüchtig Ge-
nießen der Gaben der Uäusen ist. Gewännen wir
noch einmal an ^>telle der einseitigen Uenntnisein-
trichterung unserer Zeit eine den ganzen Nlenschen
stärkende und erhöhende echte Bildung, wir würden
ein glücklicheres Geschlecht erziehen. Lin Geschlecht,
das chaltung zu wahren wüßte dem ^asten der
Zeit gegenüber, und nicht mehr in seinem „Bildungs"-
Drang jedem neuen Gedanken, jeder Gntdeckung,
jeder Neuigkeit überhaupt nachliese, um sie zu
haschen und dann in den großen Renntniskasten
einzuschließen. Lin Geschlecht, das wieder Uluße
gewänne, die leuchtende Gotteswelt draußen und
die Wlenschenwelt in uns und mn uns in wonne
und wehmut zu genießen. Lin Geschlecht, das da-
durch auch ledig würde jenes schweren Albs unserer
Rultur, des weltschmerzes der„obern Zehntausend", der
mit dem weltschinerz echter Denker nichts gemein hat:
ein sreudigeres Geschlecht. Bilden wir also Nör-
per und Seele, statt sie allein zu süttern:

„wär nicht das Auge sonnenhast,

Die Sonne könnt' es nie erblicken!"

F. D.

Illundscbuu.

Dicbtung.

» /Ibux Illretzer: Die beiden Genossen, sozialer
Roinan. Zweite Austage. (Leipzig, Reißner). — Den Lrst-
lingswerken weniger 5christsteller Deutschlands haben schon bei
ihrem Lrscheinen so viele Ropse zugenickt, den Erstlingswerken
weniger gegenüber sogleich so viele sich geschüttelt, wie das
bei denen Max Rretzers geschah. Man nannte den kühnen
Schriftsteller den „deutschen Zola" in Bewunderung und in
Feindschast, man bezeichncte ihn als einen „Arbeiter, der
schreibt" in Anerkennung wie in Tadel, als einen „Sozialde-
mokraten" und als einen „Reaktionär", je nachdem, was man
selber war und welches Buch man gerade von ihm gelesen.

Aretzer ist eine jdersönlichkeit — wo in aller welt soll
ihn also der Rezensent hinstecken?

Aeinem seiner Bücher merkt man leichter an, daß es
aus einem innern Zwang heraus entstand, als diesein ersten,
den „beiden Genossen". Es ist, als wenn der Versasser Beo-
bachtungen und vorstellungen, die aus ihm lasteten, mühselig
von seiner bedrückten ^eele weggewälzt und mit diesem werk
gleichsam vor sich hingelegt habe. Mühselig, denn man merkt
dem Buche die Arb e it an. Das 5treben, ein bis ins Aleinste
hinein sich selbst begründendes Ganzes zu schaffen, ist in
seltenem Maße vorhanden; gar ost aber wird es, ein künst-
lerischer Fehler, auch dem Leser bemerkbar, der nur genießen,

nicht prüsen will. wir fühlen's immer: der versasser steht
noch mitten in der welt, von der er spricht, er steht noch
nicht darüber. Anders, als in spätern Romanen Aretzers,
anders besonders, als im gewaltigsten derselben, den „ver-
kommenen."

Dennoch ist auch diese ^chöpsung, welche den Schriftsteller
auf seiner vollen ksöhe noch nicht zeigt, unbedingt eine be-
deutende Trscheinung. bsart, rauh, schwer, ist sie doch vor
Allem zweierlei: wahr und sittlich. Dem, der an unsre
Zeitungs- und Modeerzählungen gewöhnt ist, in denen der
„Geist" der versasser im Balletpas einhertänzelt: wie ver-
trauenerweckend hallt ihm hier der wuchtige 5chritt eines
Mannes entgegen, der ihn aussordert, mit ihm zu gehen, ge-
raden D?egs aus sein Ziel! Dieser ksandwerker und sein
weib, dieser Agitator, der jene um Lsab und Gut, Lhre und
Leben bringt — mit welchem Lrnste sind sie dargestellt!
Nirgends ein Flunkern und 5chönsärben mit einer 5chönheit,
die von außen herbeigeholt werden muß: wo wir Schönheit
finden, wächst sie aus der Sache heraus. Nur eine einzige
Tpisodenreihe — die mit dem Lstmd, der allein den Glücks-
störer nicht lieb gewinnen kann — schmeckt mir persönlich in
solcher Umgebung etwas zu sehr nach Zucker: eine Tpisoden-
reihe, die übrigens an und für sich durchaus nichts Unwahr-
scheinliches bringt. U)er Aretzers späteren Schöpsungen ge-

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