Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 193
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart1/0199
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
uinsonst zückte sein Wilte den Stahl; das Nlädchen
flehte ihn an aus seinen wunderbaren Augen, und er
that, wie der Iäger mit denr Schneewittchen gethan:
er ließ es leben, „weil es so schön war".

Lin Prophet Samuel mag ihn dafür verdammen;
ich bin nicht Samuel. Larl Spitteler.

Mldende Ikünste.

Die Mustrationen unserer großen wocheiu
zeitungen bespricht I)oseph Bayer in der „Neuen
fr. -presse." „Die öeylographen unserer illustrierten
Zeitungen fixieren mit unermüdlicher Lilfertigkeit die
brühwarmen Lreignisse vom letzten Datuin. Ihre
nächste Aufgabe ist es, der sinnlichen Norstellungs-
trägheit der Zeitungsleser nachzuhelfen, nicht aber,
ihnen ein urkundliches Bild des Faktuins zu geben,
was in den meisten Fällen gar nicht geleiftet werden
kann. Gähnend, mit halb gesenkten Augenlidern, sehen
wir uns Nachmittags im Aafehause cheim Schwarzeiü
dasfenige in Zllustrationen durch, was wir kaum eine
Woche vorher zu bsause in Telegrammen oder Artikeln
beim Atorgenkafe gelesen; der Text wird in der Negel
ignoriert. Die ?5ylographie ist das wahre inter-
nationale Dolapük. Ls steckt oft ein glänzend fertiges
Talent in diesen Stegreifbildern, die von einer höchst ^
leistungsfähigen Technik der xylographischen Runstin- ^
dustrie ebenso bewunderungswürdig rasch ausgeführt
werden; nicht selten begegnen wir auch Zügen von
geiftreich frischer momentaner Auffassung — doch alle
diese artistische Lohnarbeit wird zumeist für müde, ab-
gespannte Augen ohne eigentliche Anschauungfreude
geliefert. N)ie manche schöneren Aräfte, die sich unter
anderen Umständen künstlerisch verselbständigen könnten,
werden in solchem Tagedienste aufgezehrt — daneben
gehen freilich andere, die das Geschäft ohne

Mpfer und inneren Zlbbruch betreiben. Und was hier-
bei das Bedenklichste ift: die Aunst, welchs die ehr-
lichste sein sollte, weil sie direkt der Natur verpffichtet
ist, sie lernt lügen, ja, sie muß im geschäftlichen Zn-
teresse ein bischen lügen. Auch auf dem Schauplatze
des Lreignisses kann der Reporter mit der Zeichen-
mappe, der vielberufene chpezial-Artisb, ohne eine ge-
wisse Anschauungsschablone nicht fertig werden; selbst
die ffinkste Sehkraft wäre dem wettlauf mit dem rein
Momentanen nicht gewachsen. Das Zllustrations-Ge-
wissen ist denn mit der Zeit ziemlich lax geworden.
Das große Neitergefecht, von welchem das letzte Tele-
gramm berichtete, muß möglichst rasch gebracht werden.
Warum nicht? Nach den gegebenen Terrainverhült-
nissen, nach der von den Nianövern her bekannten
Nampsweise der beiden Nriegsparteien dürfte das
ganz so beiläufig ausgesehen haben. Dieses cho bei-
läufig' ift das 5ujet der Zllustration. Ganz ebenso,
wenn es sich um das Bild einer Negatta, einer Zlln-
mination, eines pomphasten Lmpfanges allerhöchster
Gäste, eines Festbanketts zu irgend einer ^äkularfeier
u. s. w. handelt. Don jener Zllustration, die im ab-
hetzenden Dienste des sogenannten Trnstes der Zeit
steht, wendet man sich gerne zu einem neutralen Ge-
biete der Trholung hinüber" — als welches Bayer
„mit heiterem Danke" die Ntünchner „Lliegenden
Blätter" bezeichnet. (Lin gutes Beispiel zu Bayers
Ausführungen boten in jüngster Zeit zwei Darftell-
ungen des gleichen Gegenstandes, die trotz der tief-
ernsten veranlassung ein Liächeln abnötigten. Ts
sollte das Senken der kaiserlichen Fahne anf dem
j?alais nach dem Tode Wilhelms des Trften geschildert
werden. Zn der „Gartenlaube" geschah das ^enken
durch einen Lakaien, in „Über Land und Nleer"
durch einen Nürnn von der Garde du corps!)

1

vom

-sr- Die 5ch illerstiftung verzeichnet in ihrein 28. Iahres-
berichte einen ungewöhnlichen Zuffuß an Schenkungen, Ner-
inächtnissen und Sxenden. 5o konnte sie auch die Zahl Derer
erhöhen, welche die Ehre haben, von ihr unterstützt zu werden.

-x- Die Manessesche lfandschrift ist nun der bseidcl-
berger Nochschule übergeben

-x- In Sachen des „bseine-Denkinals" hat jdaul ffeyse
an den Redakteur des „Figaro" in New-b)ork einen Brief ge-
richtet, den die amerikanische Zeiffchrift in ihrer Nuimner voin
25. lNärz abdruckt. lvir unterbreiten ihn unfern Lesern kurzer
Nand als neues Naterial zur Beurteilung einer ffrage, die
auch den „Runstwart" beschäffigt hat und nochmals beschäftigen
muß: „Ihre Artikel über das Denkmal ffeinrich ffeine's, die
5ie mir mitzuteilen die Güte hatten, habe ich mit lebhaftem
Interesse und vollkommenster Beistiinnmng gelesen. Es war
mir hocherfreulich, während in Deutschland bei diesem Anlaß
die ganze lDut der antisemitischen jdartei, die unserm Iahr-
hundert zur Schmach gereicht, sich in zahllosen ksetzartikeln
entfesselte, unter den deutschen Landsleuten in Amerika den
Geist der Billigkeit und Gerechtigkeit zu lDorte kommen zu
hören, der die Schwächen und Gebrechen des Menschen von
der Bedeutung des Dichters zu trennen weiß. lVas ffeine —
vorwiegend in den Iahren unausgegohrener Iugend — an
zügellosen Äußerungen in Briefen und Schriften sich hat zu
Schulden kommen lassen, ist aus den entlegensten lDinkeln von

Tage.

seinen Gegnern zusammengekehrt nnd zur Anklage gegen ihn
verwendet worden. Seine politischen und religiösen Blasxhe-
mien, seine sittlichen Nerirrungen wird Niemand rechtfertigen
wollen, wenn auch für manches maßlose lVort in der tumul-
tuarischen Aufregung der vormärzlichen Zeit mildernde Um-
stände anzusühren wären, manche Änßernngen des ffasses
ihre Schärfe nur erhielten durch den Liebeszorn uud die leiden-
schaftliche Trauer über die kläglichen Zustände feines Vater-
landes. lVie aber auch vor einem völlig unbestechlichen Ge-
schwornengericht das llrteil über seinen Lharakter ausfalle:
nur die gehässigste Beschränktheit kann seine dichterische Be-
deutung bestreiten und sich dagegen auflehnen, daß sein Bild-
nis in seiner Vaterstadt aufgerichtet werde. In der That:
ein ffranzose, Engländer, Italiener oder Russe, der in den
Städten Deutschlands fo inanches Standbild von Männern
stndet, deren lVerke ihm kaum dem Namen nach bekannt sind,
mit Recht muß er erstaunt sein, die Züge des Lyrikers, der
der lVeltliteratur angehört und trotz der Schwierigkeit der
Aufgabe unzählige Uebersetzer gefunden hat, nirgend in Nar-
mor oder Lrz verewigt zu sehen, und auf die Frage nach dem
Grunde hören zu müssen: man habe diesem größten Talent
unter allen Nach-Goetheschen noch Iahrzehnte nach seincm
Tode gewisse Sünden und Ungezogenheitcn nicht verziehen
und die Acht über ihn nicht aufgehoben, wie auch Lngland
dem größten seiner neueren Dichter die gebührenden ösfentlichen
loading ...