Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 41
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart1/0047
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
realistische, sondern das eminent „idealistische"
IVesen des Dramas von Shakespeare gekennzeichnet.
Denn das Spiegelbild ist ja eben nicht die wirklich-
keit selbst, sondern nur ein Neflex derselben. Line
dramatische Dichtung, und sei sie noch so sehr realistisch,
noch so sehr in s)rosa geschrieben, ist stets ein Bild
der wirklichkeit, geordnet nicht von der wirklicbkeit
selbst, sondern oon der ethischen person des Dichters.
Diese ethische Veranlagung des Dichters ist die ge-
heime Negel, welche die Bilder nach dem Leben, die
er zeichnet, uns ordnet. Und wie in dieser weise eine
Regel waltet, so prägt sich sormell diese Regel vor-
nehmlich und deutlich aus durch den regelmäßigen
Nhythmus, welcber dem verse zu Gruude liegt. Ganz
leise, ganz taktvoll soll im Drama eine solche rbythmische
Regel walten. Frage und Antwort der s)ersonen er-
gänzen sich durch die Ausfüllung des Rhythmus schlag-
krästiger, wie wir oben gezeigt, und wirken in Folge
dessen viel realistischer, viel überzeugender, als wo
in j^rosa kein Tonfall das Bindeglied abgiebt. Der
Dramatiker aber baut seinen Vers, als wolle er die
Sprache des wirklichen tebens reden aus der Grund-
lage des allgemeinen Rhythmus. Gr süllt keineswegs
melodisch den einzelnen Iambus sinngerecht aus, dies
würde ein Fehler sein, sondern er legt nur eine allge-
meine rhythmische Lmpfindung zu Grunde. Bald
nachdem eine Anzahl verse gesprochen worden sind,
schwingt das Mhr, das Gemüt des Zuschauers von
selbst in der besonderen rhythmischen Regel, also etwa
im sünffüßigen Iambus oder bei den ^paniern im
spanischen Trochäus. Und nun beginnt erst die
eigentliche verskunst. Mit der Thatsache rechnend,
daß im Ghr des Zuschauers leise und unbewußt die
fünffüßige Negel fortklingt (auch ohne ^kandieren) als
ein allgemeiner Lmpfindungsakkord, läßt er nun den
freieren Nhythmus der wirklichen Redeweise und ihrer
sinngerechten Betonung darüber hinwegspielen und
das größere oder plumpere Geschick, mit dem er das
vermag, die drastische Rraft, mit der er im oben klar-
gelegten Änne dem Schauspieler im Verse eine j) an -
tomime geistiger Art vorzeichnet aus dem wider-

spruch der regelmäßigen und der unregelmäßigen
Akzente, darnach beurteilt man den Meister der
Verskunst.

Man sieht, es ist eine schwere Runst, die nur die
schärfsten Geister wirklich verstehen lernen. Zhre
Absicht ist nur größere Deutlichkeit, Schlagkräftigkeit
und Anschaulichkeit, größere ^andlungskraft, größere
„Aktualität" ihrer Gedankeu dadurch zu erreichen. Die
ganze realistische Lleganz jener verse des Don Rarlos"
„Den Vortritt hat das Rönigreich. Sehr gerne
^teht Rarlos dem Rünister nach. <Lr spricht
Für Spanien — ich bin der Sohn des bsauses."
„„Der bserzog bleibt und der Znfant mag reden.""
ruht auf einem Widerspruch verschiedenartiger Rhythmik,
auf der Ausnützung des fünffüßigen Rlanges zu
geistigen Betonungszwecken. Rleisterhaft der falsche
Akzent auf „^panien"! Rian sieht Rarlos mit diesem
„^panien" förmlich die vorgezeichnete vornehme Ver-
beugung machen. Gs ist das elegante Verweilen auf
dem wort, das bsinausbetonen des wortes, welches
die geheime fünffüßige Negel an sich fordert, um
damit auch die geistige Betonung vorzuzeichnen.

Ls waren Gründe „realistischer" Art, welche
Schiller zum verse greifen ließen, wie alle wahren
Rleister der Verskunst seit alten Zeiten. — Statt
schlechte Verse zu machen, ist es freilick befser eine
gute prosa zu schreiben. Beides sind Runstformen,
j)rosa und Vers, keineswegs die Wirklichkeit, denn es
sind Gedankenformen. Näher aber der Deutlichkeit
des wirklichen tebens, als die prosa, steht der vers,
einen Reiz feinerer Natürlichkeit, als die j)rosa geben
kann, bringt der Meister der Verskunst hervor,
welcher jene Runstgeheimnisse beherrscht, über
die wir hier ein wenig aus der Schule geplaudert.
Line natürlichere Natürlichkeit, größere Deutlichkeit
lebt im Nhythmus, weil die wirklichkeit der Natur-
kräfte selbst rhythmisch arbeitet. Rein denkender
Schauspieler wird je den Vers verdammen. Reinem
Rwister der Runst ist der Vers eine Schranke, eine
Fessel. Der ist just nicht zur Runst geboren, dem
er eine Fessel ist. w. Rirchbach.


Nundsckau.

Nllgemelnes.

* Selbstanzeige: Äber etntge lprtnztptenkebler
der modernen Ästbettk. — Unter diesem Titel erschien
im Dktoberheft des vor. Iahres der „Zeitfchrift für jdhilofophie
und xhilosophische Aritik" eine Abhandlung vom Unterzeich-
neten, welche sich als eine „Selbstanzeige" feines im „Wissen
der Gegenwart" (Bd. UV. und UVI.) veröffentlichten neuen
Systems der Ästhetik des Schönen und derRunst ein-
führte und feitdem auch als eine besondere Broschüre erschienen
ist. Da nun thatfächlich der substanzielle Inhalt der „Äfthetik"
in jener „Selbstanzeige" gar nicht berübrt, fondern lediglich
einige prinzixienfragen erörtert sind, welche allerdings für die
Begründung des neuen Systems maßgebende Bedeutung bean-
sxruchen und es von allen bisherigen Syftemen, so different
ste unter einander sein mögen, in fundamentaler weife als
abweichend hinstellt, so fühlt sich der verfasser veranlaßt, die
Gründe dieser Abweichung dem Leferxublikum des „Aunst-
warts" kurz darzulegen. Und zwar aus einem zwiefachen
Notiv: einmal, weil diese Abweichung nicht nur die jdhilofophie
des Schönen, also die besondcre philosophische Disziplin der

Ästhetik, berührt, sondern weil sie die jdhilosophie hinsichtlich
eines fundamentalen Irrtums derselben überhaupt betrifft;
fodann weil bisher weder die allgemeine Zeitungspresse noch
die Fachjournale — fei es aus Mangel an verständnis oder
Bequemlichkeit, sei es aus anderen weniger entfchuldbaren
Ursachen — die hochwichtige wissenschaftliche Bedeutung jener
Frage in den Bereich ihrer Rritik zu ziehen, für nötig er-
achtet haben.

Lhe ich auf den erwähnten Grundirrtum der bisherigen
^)hilosophie, unter welchem vorzugsweise die fystematifche Be-
handlung der Ästhetik gelitten hat, näher eingehe, muß ich
zunächst hinsichtlich der letzteren NAssenfchaft darauf hinweisen,
daß eine strenge Grundlegung derselben in den bisherigen
Systemen errtweder überhauxt nicht, oder nur unter Beihilfe
eines logifchen Fehlers, nämlich eines pstitio principü, ver-
sucht worden ist. Letzteres geschieht u. a. von vischer, wenn
er, fein lVerk mit der vorläufigen Definition: „Die Ästhetik
ist die wissenfchaft des Schönen" einleitend, bemerkt, daß die
Frage: „N)as das Schöne und dessen wissenschaft fei, nur
in der Durchführung der letzteren gelehrt werden"
loading ...