Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Wiedergabe dürsen wir um so eher verzichten, als
sich der Standpnnkt der Linsender entweder mit dem
des einen oder dem des andern nnserer Lserren Mit-
arbeiter Bölsche nnd Sandvoß deckt. Line Znschrist,
die lebhast snr ^eine eintritt (ihr Versasser ist Herr
L. weber in München) sucht „die poetische Doppel-
gestalt Heines" dadurch zu erklären, daß „Heines
Frivolität nichts anders seß als eine unerwiederte Sitt-
lichkeit" wie man so ost vom Haß als der unerwiederten
Liebe sprechen dürse. Linen „vorschlag zur Güte"
teilt uns Lserr Schulz-Gurtius in Wiesbaden mit (den
er übrigens jüngst in der „Düsseldorfer Zeitung" be-
reits ösfentlich aussprach): man solle das Denkmal
schlechchin dem Sänger des „Bnches der Lieder" widmen
mit folgendem Spruch auf dem Sockel:

„Dem ewgen ,Buch der Lieder', damit Du stiegst hinan,

Gilt dieser Dank.

Dann wardst Du krank

Nnd stelst in Nacht uud N)ahn." 1l>.--!lb.

Lin lctztes wort zur „Dolksbühne."

Daß Bulchanpt seine Aussührungen gegen mich

gerichtet hätte, habe ich durchaus nicht geglanbt, und
er hat meinen worten Unrecht gethan, wenn er die-
selben sür eine „Lrwiderung" nahm. Gs kam mir
nur um der Sache selbst willen aus eine „Rlarstellung"
an. Über meinen tuther habe ich meine Ansicht
gesagt: daß er, wenn nicht außerkünstlerische Dinge
die Ausmerksamkeit ans ihn gelenkt hätten, noch eben-
so gut lebendig begraben wäre, wie meine andern
dem „tuxustheater" gewidmeten Dramen, bezweifle
ich keinen Augenblick. Iedenfalls würde es mich
interessieren, wie weit die auf Bulthaupts Schreib-
tische liegenden süns üutten-Festspiele denselben oder
einen andern kVeg eingeschlagen haben, wie ich.
Devrients tuther, dem ich von kherzen eine weite
Verbreitung wünsche, ist jedensalls durchaus sür das
tuxus- und Rulissentheater gedacht. Den Aampf
um das ständige Theater bin auch ich noch nicht
müde geworden; Bulthaupt weiß, daß ich erst voriges
Zahr ein neuer Drama „Aolumbus" sür dieses ver-
öffentlicht habe. wenn dasselbe nichts taugt, so legt
es doch sür meine Unbefangenheit Zeugnis ab.

Lsans Herrig.

Nus der Wücberei.

Die Dresdener Gemrilde--Gnllerie ist m der letztcn
Zeit der wissenschaftlichen Arbeit sewahl, wie dem Derständnis
der Laienwclt und dem künstlerischen Genuß durch einige vor-
treffliche jdublikationen in höherein Grade erschlossen worden,
als bisher — ja, es darf ausgcsprochen werden: erst jetzt über-
haupt in ihrer würdiger kVeise. Zunächst brachte im vorigen
Iahre die berühinte Braunsche Anstalt in Dornach ihre große
Ausgabe der Gallerie zuin Abschluß: ein gewaltiges werk
von sechshundert großen unveränderlichen Rohlephotographien,
die nach dein Braunschen versahren (ohne Retouche der jAatten)
die Farben im richtigen Tonwerte wiedergeben. Aann anch
das ganze werk bei seinem hohen Preise (sooo M.) nur
Wenigen anders, als durch die Saininlungen unserer Nuseen
und Aunst-, wie wissenschastlichen Anstalten zugänglich werden,
so strömt doch durch den verkaus der Tinzelblätter nun wieder
eine neue klare CZuelle edlen bildenden und bereichernden
Genusses ins volk. Anrze beschreibende und erläuternde Be-
sprechungen, die nicht ininder von genauester Sachkenntnis,
als von schriftstellerischer Begabung zeugen, gab der Direktor
der Gallerie, jdrosessor Rarl wocrinann, der Braunschen
jdublikation als einen eigenen Textband bei. Line Anzahl von
Äußerungen in dieser litterarischen Gabe ließen init doppelter
Spannung den neuen Aatalog erwarten, der als das Lr-
gebnis höchst eingehcnder jdrüsungen nun auch erschienen ist.
Ts ward schlechterdings Nichts auf Treu und Glauben hin-
genommen, Alles bis auf die tiessten Fundamente aus seine
ksaltbarkeit geprüst, ehe sich woermann zur kserausgabe dieser
Arbeit entschloß. Die in tausend werken und Aussätzen der
neneren Runstsorschung niedergelegten Arbeiten wurden
peinlich genau geprüst; erneute Studienreisen dnrch die deutschen,
österreichischen, italienischen und niederländischen Sammlungen
wurden zur vergleichung ihrer Bilder mit den Photographien
der Dresdener unternommen; durch mündlichen und schrist-
lichen verkehr die Meinungen bedeutender Renner eingeholt,
die gedruckt noch nicht vorlagen (der altdeutschen und srüh-
niederländischen werke wegen beries man L. Scheibler aus
Berlin sogar sür einige Zeit amtlich nach Dresden) und die
jdrovenienzangaben der Bilder genauen archivalischen Nach-
prüsungen unterzogen. Davon, daß alles Dieses mit höchster

Sorgsalt und Gewissenhastigkeit geschah, zeugt das vollendete
Buch. Sein ksauptwert aber liegt in der Rückhaltslosigkeit,
mit welcher woermann das, und das allein, zur Geltuug
kommen ließ, was nach dem gegenwärtigen Stande der wissen-
schast als wahrheit erscheint. So sorgsältig der versasser
jede jdolemik gegen seine vorgänger vermeidet, ja, deren
Thun und Lassen als die notwendige Folge des srüheren
Standes der Uunstwissenschaft, wo es nur irgend angeht, zu
entschuldigen sucht, ohne den Schein zu erwecken, daß er ent-
schuldigt — so wenig kann stch der Unbesangene der Linsicht
verschließen, daß die Dresdener Gallerie in der letzten Zeit vor
woermanns Tintritt — nun, sagen wir: sehr gemütlich
verwaltet wurde. Tine eingehende Trörterung darüber träte
aus dem Rahmen dieses Blattes heraus. Schließen wir mit
dem Wunsch, daß der Geist strenger Rritik, der das be-
sprochene werk durchweht, sich tiefer und tieser in Drcsden
einwurzeln möge. Nicht nur dem Schaffen der vergangenheit,
sondern auch dem der Gegenwart gegenüber.

Lur Genealogle der /Ikoral. Line Streitschrist von
Friedrich Nietzsche. Leipzig, T. G. Naumann. — Der ver-
sasser behandelt in diesem neuesten werke im Anschluß an
srühere Schristen (insbesondere an sein Buch „Ienseits von
Gut und Böse") die Frage: unter. welchen Bedingungen cr-
sand sich der Nensch die werturteile „Gut" und„ Böse"? nnd
welchen wert haben sie selbst? Die englischen jdsychologen
haben die kserkunst der Begriffe „Gut" und „Böse" solgender-
maßen erklärt: „Man hat ursprünglich unegoistische ksandlungen
von Seiten derer gelobt und gnt genannt, denen sie erwiesen
wurden, also denen sie nützlich waren; später hat man diesen
Ursprung des Lobes vergessen und die unegoistischen ksand-
lungen einfach, weil sie gewo h n h eitsmäßig immer als gut
gelobt wurden, auch als gut empsunden — wie als ob sie an
sich etwas Gutes wären." Diese herrschend gewordene Auf-
sassung sucht Nietzsche zu widerlegen, indem er die Gleichheit
von gut und nützlich bestreitet und geltend macht, daß das
Urteil „Gut" nicht von den Niedrigen herrühre, welchen
,,Güte" erwiesen wird, sondern von den vornehmen und
Mächtigen, welche sich selbst und ihr Thun im Gegensatz zu
allem Niedrigen und Gemeinen als gut, d. h. als höherwertig

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