Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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lich wird und muß die Sache der künstlerischeu wahr-
heit den Sieg davontragen über die glatte Schablone.
Schon verkünden auch bei uns kleine äußerliche Merk-
male die herannahende Umwälzung. Die äußere Ge-
staltung des scenischen Bildes hat sich vom Grund
aus geändert, an die Stelle rein phantastischer, kostüm-

licher wie dekorativer Ausstattung ist eine realistische
getreten. Möchte es nicht zu lange dauern, bis in
diesen echten, modernes Leben atmenden Näumen
wirkliche Menschen von Lleisch, Blut und festem Unochen-
bau in lebensvoller, leidenschaftlicher ^andlung sich
bewegen! /Ikaxtmlllan Darden.


Nundscbau.

Dicbtung.

* Zobrmnes Trojan. Ioh. Trojan hat die
Höhe des Lebens, das fünfzigste s)ahr nahezu erreicht.
Line wortkarge, innerliche, niederdeutsche Natur —
Danzig ist sein Geburtsort — gemahnt er an Theodor
Storm und die tüchtige, empfindungsstarke, nordfriesische
Art. Man weiß, daß er der stets kunstbewußte Leiter
des „Rladderadatsches" ist, doch geht er in dieser
Thätigkeit zum Lseil seiner Runst nicht auf. wer läse
nicht mit stets neuem Bergnügen die köstlichen kleinen
j)rosaskizzen, die unter andern das Sonntagsblatt der
„Nationalzeitung" zu bringen pflegt und wie sie ver-
einigt in dem Buche „Von Strand uud Heide" (Nlin-
den, Bruns) vorliegen.

Als Dichter hat er sich langsam, Schritt sür Schritt,
Anerkennung und bewundernde Liebe gewonnen, heute
hat er eine bei dem bekannten Mißtrauen und Übel-
wollen unserer hypertrophierten Bildung geradezu er-
staunliche Gemeinde andächtiger Freunde hinter sich.

Nnd es lohnt in der That, eine so reine, bei aller
Schärse des witzes weiche, höchst liebenswürdige, der
schönsten Humanität rastlos zugewandte Dichternatur
kennen zu lernen. 1885 gab er eine Sammlung „Ge-
dichte" heraus, zu denen jetzt ein andrer Band, „von
drinnen und draußen" sich sügt.

Scheinbar ist Trojans Dichterbereich, die welt
seiner dichterischen Stoffe und Anschauungen, ein enger
aber welch ein treu gepflegter Frucht- und Blumen-
garten ist dieser enge Bezirk! Lsier gilt auch wohl
Goethes wort:

Größ're kann man banen,

Mehr komint nicht heraus.

Der echte Dichter ist immer ein srommer, edler
Ntensch, eine pietätoolle Seele, gottergeben, dem ge-
meinen Ichtum abgewandt, die große Natur innig
liebend, das widerwärtige und störende im Treiben
der Nlenschen durch das Medium des Lsmnors
brochen erblickend, sich selbst und dadurch die Andern fort
und sort bildend und bereichernd.

wir finden diese Glemente der Dichternatur in
Trojan auss schönste vereinigt. Ohne je ausdringlich
lehrhast zu werden, ja als den gesährlichsten und
hassenswürdigsten Schädling unserer deutschen Art das
jDhilistertum anerkennend, die „jDiepenbrinks", ist er
einer unserer ersten pädagogischenDichter. Das
mäge man nicht mißverstehen. Ls handelt sich nicht
um Schulbücher.

<Lin Beispiel mag es deutlicher sagen, das Ge-
dichtchen „Sperlingsbrauch":

Aufs Fensterbret hin streut' ich Brocken
Um arme vögel anzulocken.

Nicht lange dauert' es, da kam
Lin Sperling, der ein Rrumchen nahm

Und flog davon. warum nicht blieb
Lr da nnd aß, so viel ihm lieb?
warum nicht nahm er, was ich streute
Für sich gleich in Lmxsang als Beute?

Lr flog davon — Bald kam er wieder
Und brachte mit drei Sperlingsbrüder
Und speist mit ihnen seelensroh.
wer von uns Menschen macht es so?

So wird der Leser vielsach uud immer in dieser
heiter mildeu weise ethische Impulse empsangen. Als
unsere Truppen siegreich in das Franzosenland vor-
drangen, mahnt sie der Dichter:

Sieht auch kein richtend Auge zu,

Nicht bleibt verborgen was geschieht.

Der ksimmel wölbt sich über dir,

Der auch aus deine ^eimat sieht.

Denk deiner Lieben in der Fern,

Die inahnen dich an Lhr und Pflicht;

Sie falten ksänd und ksändchen vor:

G thu nichts Böses, thu es nicht!

Rein Fortschrittler und kein Sozial-Demokrat, tief
angewidert von dem unser reineres volksgemüt ver-
pöbelnden j)arteitreiben („Das vaterland, nicht die
jDartei!"), hat er doch das Herz auch sür den armen
Ntann aus dem rechten Fleck und ganz im Sinne des
alten Spruches

Die Armen helfen all,

Daß der Reiche nicht sall,

erklingt die weise Nlahnung:

Die Rrone, die aus Ramps und Blut
wird heimgeführt als goldne Beute:

Mb sie auf Fürstenhänden ruht,

Sie ist Geschenk der armen Leute.

Ia, als das harte Sozialistengesetz 1878 erlassen
ward, das, wie Nlanchem schien, mehr als streng er-
sordert gewesen wäre, den gewaltigen Arm des Staates
zu Gunsten der Besitzenden einsetzte, da wendet sich
seine ernste Nlahnung an diese:

Auch ihnen selbst wird auserlegt durch dies Gesetz:
Abwerfen mögen Alles sie, was nicht gerecht:

Liebloses wesen und Lrbarmungslosigkeit,

Die blind sür sremdes Leiden machen das Gesicht —

Die Lust an dem Gemeinen und Lrbärmlichen,

Die blind den Geist für Alles macht, was wahr und schön —
Den Lsochmut, der, vergnügend sich mit nicht'gem Tand,
Nicht die Gesahr hört, die schon an die Thüre pocht —
Geldgier vor Allem, welche Städten nicht allein,

Nein, großen Staaten auch bereitet Untergang.

Ist es nicht als höre man Sophokles reden? Liu
Mann dieses hohen sozialen Lthos dars sich die echte
Freisinuigkeit wahren, die deu Gegner gerecht und
ritterlich edel zu ehren weiß, habe er Iohann Iacoby
oder von Nlallinckrodt geheißen. Der schöne Spruch
auf letzteren schließt:

wir aber wünschen uns und nnsrer Sache —

Daß Rnhe uns nicht lässig mache -
wachsame Feinde, diesem gleich.


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