Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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begeistert aus, indem er die Last der 2lnklagen, unter
der ein Schwächling erlegen wäre, lächelud zurecht
rückt auf seiuen Schultern: „Noch klopsen kserzen
genug, die einer höheren Sittlichkeit zustrebeu, uoch
flammen begeisterte Blicke, denen, gleich flimmernden
Goldstandarten aus hoheu Bergesziuuen, die Ideale
sittlicher Vervollkommnung entgegenleuchten, noch glüht

Metdnac

Suleriewcrke in Isrudierungen. Die Meisterwerke der
Galerie zu Lassel. 39 Rad. v. lV. Nnger, 2. Aufl.,
Tert v. Tiseninaun. M. 20. —Die Galerie zu Braun-
schweig in ihren Meisterwerken. Rad. v. !V. Unger, 2.
Ausl. M. — Die Städel'schc Galerie zu Franksurt
in ihren Mcisterwerken älterer Malerei. 32 Rad. v. Lißen-
hardt, Tert v. Valentin, N. 28.50 — Vie akadeinische
Galerie zu lvien in ihren Meisterwerken. 25 Rad. ver-
schiedener Aünstler, Tcxt van Lützow. N. 22. — (Sämtlich:
Leixzig, E. 2l. Seeinann). — lVessen Mittel nicht ausreichen
zuin Trwerb der großen sdhotographien- oder photogravüren-
werke, wie wir solche über vicle Galerien besitzen, der stndet
hier zu verhältuisinäßig sehr billigem Preise einen künstlerisch
wertvollen Trsatz. Vas lViederaufleben der herrlichen Techuik
der Radierung und ihre ausgedehnte pflegc in der Gcgenwart
gehören zuin Lrfreulichsten, was unser Runstleben aufweist.
bsaben wir doch keine zweite individuelle Vervielsältigungs-
art, deren Ansdrucksmittel so reiche wären, wie die der
Radierung, die init ihrer samintenen Tiefe nnd ihrer goldigen
khelle auch rein malerischen lVirkungen zu solgen vermag, wie
keine andere „Lchwarzkunst." ^reilich, eine individuelle
Technik bleibt sie eben; die sdersonlichkcit des Radierers muß
in der lViedergabe das Vorbild beeinflussen, wie der Alavier-
spieler das Tonwerk, und zu dem Gewinns an Lcbenssülle
wird sich eine leise Tinbuße an Genauigkeit gesellen. Von
allen uns bekannten Radierern hat keiner dies Anabänderliche
weniger sühlbar gemacht, als Unger. Ts ist staunenerregend,
wie inanierlos dieser Aünstler in den uns vorliegenden
bVerken sich zeigt, wie er in seiner Anpassung an jedes einzelne
Bild die Nadel immer wieder anders sührt, die eigene s)er-
sönlichkeit so vertiesend in die fremde, daß sein IVerk sast wie
ein lVerk dieser selbst berührt. Von den übrigen Radierern
dieser Publikationen (außer Eißenhardt: Baldinger, Fischer,
Forberg, Alans nnd Peisker) strebt die Mehrzahl mit Glück
dem gleichen Ziele zu. Gediegene Tinleitungen erhöhen mit
der Branchbarkeit der schönen Bände den Genuß.

OdotograpbLen- uird Deliogrnvüren-Merke aus dem
Verlag von Fr. bsansstängl in München. VVir nennen zuerst:
Deutsche Aunst und Aünstler der Gegenwart in
Bild und !Vort. M. 30. — Dreißig jdhotographien nach
Gemälden von dreißig verschiedenen zeitgenössischen Malern,
von Lchtcsten der Lchtcn, wie Meuzel und dlndreas Achen-
bach bis zu Alsred Seisert, der kein Aünstler würde, selbst
wenn er seinen altdeutschen Damen die Augen noch schwärzer
umränderte. Also gleichsam eine Bilderanthologie, und eine
b unte, wie just die Blumenlesen zu sein pflegen. Zu jedein
Bild zwei Leiten Tert von Ludwig Pietsch. Unsere Ansicht
über derartige Lammelwerke ist der landläustgen gerade ent-
gegengesetzt: sie sind nicht Lachen „sür's Volk", d. h. sie
solltcn Reinem in die Ljand gegeben werden, dessen Geschmack
nicht bereits gesestet ist, weil sie sonst zur Aritiklosigkeit
geradezu erziehen. Zür den Urteilssesten freilich sind sie als
leicht zugängliche Materialsammlungen von bVichtigkeit. Un-
gleich mehr zu Gcschenken geeignet scheinen uns die ,,Albums"
(je 30 und t5 M.) desselben verlags, die aus je zwöls Photo-
graxhien nach einem einzigen Meister bestehend, nicht zur
Zlüchtigkeit aussordern. Das vor uns liegende Gabriel Mar-
Album z. B. enthält die seelentiesen Blättcr des „Anatomen"
und der „Lrweckung von Iairi Töchterlein", deren hoheits-
volle Größe dem ungeübteren Linn ganz anders leicht ,,aus-
§ geht", wenn er, wie hier, durch eine verwandte Umgebung

und sprüht es allerorten von innigein verlangen nach
einem veredelten Rllenschentmn."

Möchten diese herrlichen Worte nicht ungehört
verhallen! Möchten sie eingetragen werden, als
leuchtende ^christ des Trostes ins Album, wo etwa
wieder einmal ein Rarl Böttcher ohne seine Zustim-
mung photographirt ward! Sch.

dtssebau.

„gestimmt" wird. Auch die größereu Linzelblätter desselben
Verlags bieten gute Geschenkwerke, besonders wo ein Zimmer-
schmuck erwünscht ist. Täuschen wir uns nach dem vorliegen-
dcn Blatte (Aiesels lflmu-lfluin) nicht, und dürsen wir von
diesem verallgcmeincrn, so sind sie sreilich ein bischen stark
retouchirt. Mehr (wieder nach unserem probeblatt — Siemi-
radskis „Lhristus bei Maria und Martha" — zu urteilen),
mehr, als die noch größeren jdhotogravürenblätter einiger
modernen Bilder. bvir wollen's uns übrigens nicht versagen, die-
jenigen der Vermögenden unserer Leser, denen es nicht wichtig
ist, ein schon vollendetes lverk zu schenken, auch an dieser
Stelle aus die „Meisterwerke des Rijksmuseum zu Amsterdam"
ausmerksam zu machen, ein lVerk, von dessen Lrscheinen wir
bereits im erstcn Stückc sxrachen, und das nach seiner Been-
digung s)rof. bvoermann im „Aunstwart" zu besprechen ge-
denkt, ein !Verk zu dauerndem Genuß, ein bsausschatz von
der nimmer rostenden Güte des echten Goldes.

Meistervverke der Nquarellmalerei. Lhromo-Zacsi-
miles von R. Steinbock. Berlin, R. Mitscher. Statt too M.
40 M. — Zehn Blatt nach A. Achenbach, Alt, Laxobianchi,
Diessenbach, Zontana, childebrandt, bsorschelt, Martens, Schick.
!Vir glaubten mit diesem !Verk unsern Lesern etwas Älteres
aber recht Gutes zum billigen „Gelegenheitskaus" empsehlen
zu können: nun cs uns vorliegt, sind wir enttäuscht. Daß
einige mittelmäßige Bilder wiedergegeben seien, erwarteten
wir zwar nach den Namen der Maler — nicht aber, daß sie
anch mittelmäßig wiedergegeben seien. Bei einigen scheint
uns auch das der Fall. Im Ganzen mutete uns die Lamm-
lung wie die Erinnerung an eine Aunstausfassung an, die
wert war, daß sie zu Grunde ging. Die beiden Blätter nach
Achenbach und Ljildebrandt scheinen zu sragen, wie sie in die
gemischte Geselljchast kommen. Lumma: !Vir können das
!Verk beim besten !Villen nicht empsehlen. Zu einer Lmpseh-
lung aber giebt uns diese Gelegenheit doch den Anlaß, oder
vielmehr zu einer Lrinnerung, da es einer Lmpsehlung
hier nicht bedars. !Vir gemahnen den Aauflustigen an jene
herrlichen Ausgaben von kstldebrandts Aquarellen, an denen
der Glsarbendruck vielleicht zum ersten Nale zeigte, was er kann
und wo er von Nutzen ist. Lie stehen im Vertrieb des gleichen
Berliner Verlags, wie diese „Meisterwerke."

Nus A. Dendscbel's Lkizzenbucb. Auswahl von
60 Blättern in Lichtdruck von Rommel in Stuttgart. Frank-
surt a. M., M. ksendschel. Zwei (selbstständige) Bände. Ie
M. 20. — Als die zarten und lustigen Zeichnungen Lsendschels
erschienen, gewannen sie einen seltenen Lrsolg. Ia, sie kainen
in die Mode, ein Vorgang, dcr nach dem alten Latze bedenk-
lich stimmt, daß, was i n die Mode kommt, auch aus der
Mode komme. Nun ist es nicht zu leugnen: was den Lachen
so schnell zur Beliebtheit verhalf, war bei den ernsteren da-
runter das, was dem jdublikum an Thumann so wohl gesällt:
die etwas äußerliche, ich möchte nicht sagen „Lchönheit", sondern
„ksübschheit" der Männlein, Fräulein und Aindlein. Und bei
den heiteren zum guten Teile die Freude nicht am Runstwerk,
sondern am Ltoff: an den lächerlichen Lituationen selber,
nicht an der Art ihrer!Viedergabe. Aber das wirkte doch nur m i t.
Und wenn man in der jüngsten Zeit häufiger absällig über
ksendschel urteilt, wenn man gar sagt, das Volk sreue sich
gar nicht über seine Aunst, sondern nur über die Lchuster-
jungen ck Lie., an die er sie erinnert, — so mahnt uns das
an den jdendel, der zuerst nach rechts, dann nach links geht,
bis er in der Mitte still steht. Denn kjendschels komische

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