Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Baum, sondern ein Zweig des oeistigen Lebens der
Völker ist und aus der Triebkrast dieses größeren
Ganzen wieder ihren Anteil erhalten wird." kVir
dürfteu uns die Freude an der Gegenwart uicht ver-
kümmeru lassen, in welcher „der Strom, zu Meilen-
breite angewachsen, seine Wellen mit stolzeu Masten
dahinrollt". Göller spricht nuu von dem Aufschwung
unsrer gegenwärtigen Architektur durch die innuer
reichere Renutnis der alteu Bauweisen uud dereu
Verwertuug, durch die ueueu uud großeu 2lufgabeu,
die unsere Zeit auch der Architektur geschaffen, durch
die Tinführung ueuer Materiale, wie des Liseus.
„Aber so ungerecht es wäre, die Vorzüge der Gegeu-
wart zu verkennen, und so unuütz es wäre, sich aus
Furcht vor der Zukuuft ihrer uicht zu erfreuen, fo
bleibt doch immer der eiue große Maugel: wir
haben keinen eigeneu Mouumentalstil." was
wir thun, das „ist fa — wie wir uns trösteu — ,keiu
sklavisches Nachahmeus vielmehr ,eiu freies Verwerten';
wir chringen iu deu Geist des Baustils enü uud eut-
werfeu dauu in diesem Geist; aber gestehen wir es
nur, das freie Verwerten geliugt uns am besten, weuu
wir uns mit deu Schmuckformen recht eug au die
alteu Vorbilder auschließeu, wenn unser IVerk uicht
nur den Geist des alten Baustils, soudern auch
möglichst viel vou dessen Fleisch uud Blut iu sich
aufuimmt. Schlimm, daß wir das thuu, aber wenu
wir es uicht thun, uoch schlinnner! Zu der That
stehen dem feineren Gefühl unserer Tage diejeuigen
werke der modernen Architektur am höchsten, welche
bis zur Täuschuug, der alteu Zeit auzugehöreu,
eiueu bestimmten Zahrzehut mit seiner Stilschattieruug
treffeu, iudem sie möglichst viele uuterscheideude Stil-
merkmale möglichst konzeutriert uud ausschließlich au
sich tragen. TVo der Architekt Alles frei verwertet
oder uur die allgemeineu Züge entlehnt, die eiuigeu
Zahrhunderteu des Baustils zugleich angehören, oder
wo er chn Geist des Baustils' Dinge hiuzugiebt, die
dieser niemals besaß, da findeu wir IVasser in den
lVeiu geschüttet. Vermeugt er aber verschiedeue
Baustile, so versöhueu wir uus niemals mit seiuem
IVerk, obgleich wir au der Stilvermenguug der
uordischeu Neuaissauce uus herzlich erfreuen!" bVo-
hin alles das führen wird, scheint dem Verfasser „bei
aller Blüte der Gegenwart keine so fernliegende
Frage; denu der Bruuneu ist uicht uuerschöpflich;
bald werdeu wir auch das Nokoko mit all seineu
Variationeu herausgezogen haben, uud das psycho-
logische Gesetz der Lrmüduug wird dauu so weuig
ruhen, als nach dem ersteu Nokoko".

Ikrunstbandvverk.

» „Ilrunstgewerbe und Dundwerkerkrage" besprach
Theodor Müller (Soz. Zeitfrageu t t, Miuden,

Bruus) zur Begrüudung des Satzes: „Die foziale Be-
deutuug des Ruustgewerbes ist die, daß es uuter deu
jetzigeu Verhältuisseu allein uoch inr Ltande ist, eineu
gewerblicheu Attttelstaud (khaudwerkerstaud) zu schaffen
uud zu garautieren." lVer uicht uur das Liudriilgeu
der Maschine iu deu Rampf zwischen Zndustrie uud
Lsaudwerk betrachtet, soildern sich auch bewußt hält,
daß alles echt Rüustlerische im Ruusthaudwerk etwas

> durchaus Zu div i duelles ist, dürfte mit der zuuächst
verblüffendeu These vertrauter werden, ja, ihr viel-
leicht uoch vou audern Seiten her Uuterstützungs-
gründe zuführen wollen, als der verfasser mit seiuer

^ hauptsächlich volkswirtschaftlicheu Begrüuduug in dieser
Schrift gethau.

Die anregende Arbeit euthält übrigens auch reiu
küustlerische Trörterungen. Als keunzeichueud gebeu
wir „einige bVüusche" wieder, die Th. Nlüller, eiu
norddeutscher Rouseroativer, deu Runstschriftstelleru
aus Lserz legt, „uamentlich deu österreichischeu, als
den tüchtigsten". Der uorddeutsche Geschmack, „be-
souders im spartanischeu j)reußen," sei dem s)omp-
hafteu abhold. „Und da allem Gewerbe stets ver-
! küudigt wird, es müsse sich der Tigeuart der Ronsu-
menteu fügen, so sollteu auch unsre Schriftsteller nicht
immer uur das Großartige, Neiche oder gar das
Naffinierte ihren Betrachtuugen zu Gruude legeu. 5ie
verbaueu sich damit deu lVeg zu uusern Herzen,

! schüchteru uusre weuiger selbstbewußteu iteute eiu,
auch wenu sie reich siud, uud entfremdeu die Urteils-
fähigeu. Wenu wir zwischen Haus Makart uud Lud-
wig Nichter gestellt werdeu, schwankt uusre kVahl
keinen Augeublick. Dies bitteu wir, begreifen zu wollen
uud fich nicht durch die Dilettanten-Rritik der Tages-
blätter irre führen zu lasseu, die uur mit deu Stich-
worteu der Neklame arbeitet. IVill mau uus Ge-
schmack beibriugeu — und wir bitten sehr darum —
so kann es niemals ein exotisch prachtliebeuder seiu:
der gedeiht iu unserm Rlima uicht. Die Läebe zum
Runstgewerbe wird uur dauu bei uus wurzel schlageu,

! weun es lerut, unser bescheidenes Alltagslebeu zu
schmückeu . . . Mau rede uus also in der populär-
ästhetischen Litteratur uicht so ausschließlich davon, wie
mau s)aläste baut und eiurichtet, nur das edelste Nka-
terial um und au sich duldet, großartige s)arkanlagen
stilisiert u. dgl.; souderu man lehre uus die bürger-
liche kVohuuug, Laudhaus uud Stadthaus, geschiuack-
voll einfach uud solide bauen, schmückeu und mit dem
! eutsprecheudeu Geräte verseheu, wobei der silberue
Trbschatz uud der mäßig große Garteu uicht über-
gaugeu werdeu soll. Nkau vergesse auch uicht, wer
iu dem bsause wohueu soll, uud daß sich der Besitzer
uicht gern als das eiuzige stilwidrige Zuveutarstück

> anseheu läßt."

Vom

Zn j)rag ist am 5. d. !ll. das neue Deutsche Theater
eröffnet werden. Ain ersten Abend gab man die ,,Meister-
singer", am zweiten ,Minna von Barnhelm^ und ein Festspiel
von Alfred Rlaar: ,,Der Lmpfang". Diefer kam nun freilich
eigentlich einen Tag sxäter, als die Lmpfangnen — aber die
hochwohllöbliche Behörde hatte das aus Besorgnis vor Aus-
fchreitungen so angeordnet. Nach allen Berichten ist die Fest-

Tage.

stimmung eine hohe und begeisterte gewesen. „Reines lllcdi-
zäers Güte lächelte der deutschen Runst" an dieser Stätte,
die ffch das dcutsche Volk selbst errichtet hat. Nöge )ie mit
dem Deutschtum dessen Bestes schützen, seine echte Runstl

Das Borliner kjoftheater macht wieder viel von
^ sich reden. Im Dpernhause waren die ersten „Gesellschasts-
! abende^. Aber ach, schon am ersten zeigte sich, daß selbst der

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