Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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L-ose Klätter

Der Hratkee und die Dicbtkunst.

Zch habe es ja immer gesagt: Das Rennzeichen
der Rultur- und Runstgeschichte von heute ist die
Obersiächlichkeit. wer geht denn echt naturrvissen-
schaftlich zu werke? „^umanismus", „Nenaissanee",
„Sturm und Drang", „Romantik", „Realismus,
„s)dealismus" u. s. w. — was sollen uns solche
Phrasen im Iahrhundert Büchners, Moleschotts und
Rarl Vogts? Rlingen diese wesenlos abstrakten Be-
zeichnungen, die so ganz und gar nichts charakteristisch
irdisch ^toffliches in sich tragen, klingen sie nicht wie
ein Ausfluß der fixen Idee, als ließen sich die Rultur-
erscheinungen loslösen von wolekülen und Atomen?
warum sprechen wir denn sehr richtig vorr einer
^teinzeit, einer Bronzezeit u. s. w. ? weil sene Stoffe
den Zeitaltern ihren Lharakter aufdrückten! Und
später soll dies anders geworden sein? welch ein
Zrrtum! Die charakteristischen, maßgebenden StoffF
nur änderten sich — die Thatsache blieb. weil
nun aber diese charakterisierenden ^toffe (diese Leit-
Stoffe der Rulturperioden, entsprechend den Leit-
Fossilien der Lrdperioden) dem s^rinzip der Lntwickel-
ung geinäß eine wandlung in den Aggregatzuständen
zu durchlaufen hatten aus dem Festen ins Tropfbar-
flüssige, sa, ins Gasförmige — deshalb verursachte
die fortlaufende Untersuchung der Beziehungen des
maßgebenden ^toffes zum Rulturleben der einzelnen
Zahrhunderte „selbstredend" erhöhte Schwierigkeiten;
daß man aber in der Folge überhaupt es aufgab,
jene Beziehungen aufzusuchen, ja, daß man sie endlich
gar läugnete und geflissentlich totschwieg — das be-
deutete einen beklagenswerten Rückgang beziehentlich
der Rlethode einer wahren, echt naturwissenschaftlichen
Rulturforschung.

wohl soll es nicht bestritten werden: Nicht immer !
ist es leicht, jene Beziehung tropfbar- und gasförmig-
fiüssiger ^toffe zum Runst- und Rulturleben aufzu-
suchen, jene maßgebenden Tinwirkungen der geistge-
wordenen Materie auf den waterie gewordenen Geist,
nämlich auf die Nervenmasse, insbesondere den vuAvs
und 8^mpuibiou8; doch — soll die Schwierigkeit der
Aufgabe den Forscher schrecken?

Nlit Freuden zu begrüßen ist es daher, daß in
allerjüngster Zeit nach der bezeichneten Nichtung ein ^
Lortschritt gemacht wurde. Zch habe einen Aufsatz i
im Auge, den Rexmund wlaxr veröffentlichte.

-i- -i-

Tr heißt: „Der Raffee und die Dichtkunst."*

Der geschätzte verfasser bezieht sich im Tingange
auf das materialistische wort: „Der Rlensch ist, was er
ißt" und bemerkt: „Wenn man von dem Gedanken
ausgeht, daß, wie die substantiös feste Nahrung im
Rlenschen das Feste, den körperlichen Grganismus
schaffe und erhalte, so die flüssige, geistige (spirituösei
Nahrung auf das Geistige wirke, so erscheint obiges ,
Diktum als ein Zanuskopf, dessen andere Lsälfte
heißt: „Der Rlensch ist auch, was er trinkt."

Und nun führt der kenntnisreiche Gelehrte aus,
wie der Raffee, zunächst als Bohne genossen, auf die

* Echo, Nr. 292, imter „Gissenfchaftliches".

phantasie der Araber gewirkt, wie er sie zu ihren
feurigen Rampfgesängen und ihren glühenden Liebes-
liedern angespornt habe. Rüt Rlohammed, so lernen
wir, trat dieser Linfluß in ein zweites Stadium.
„Rlohammed war jedenfalls der Trste, der schwarzen
Raffee in großen Dosen trank. Seine erhitzte phan-
tasie, seine visionen und Verzückungen, seine Rrämpfe
und epileptischen Anfälle finden in obiger Annahme
ihre natürliche Trklärung. Und der Thatendrang,
der die Araber ergriff und zur Gründung ihrer welt-
religion und ihres weltreiches führte, empfing seinen
Zmpuls von jener kleinen, braunen Bohne, die die
sieben ^immel mit allen ihren Herrlichkeiten in wo-
hammeds paradiese hervorgezaubert hatte." „Raffee
und Thee haben sich die welt erobert. Aber wenn
Zean s)aul sagt, der Raffee mache feurige Araber,
Thee zeremonielle Thinesen, so ist die wirkung des
ersteren im Abendlande, im kälteren Norden, eine
der klimatischen Beschaffenheit dieses weltteils ent-
sprende" . . . Am Gofe Ludwigs XIV. „gab es
freilich keinen Stoff für feurige Araber, da konnte
keine reiche, schöne j?hantasiewelt erblühen, denn der
französische Geist war vom Hofe influenziert, und vor
dem Raffee wurde — schon Thee getrunken; daher
das konventionelle Ralte, ^teife in der französischen
Rlassik und Runst jener Zeit. Aber der Raffee äußerte
doch seine wirkung, und so entstand gewissermaßen
eine Rreuzung zwischen ihm und dem Thee, und das
j?rodukt derselben war der Barockstil, das Rokoko."

— „von voltaire ist bekannt, daß er täglich seinen
Schwarzen zu sich nahm, und bei ihm wirkte derselbe
jedenfalls auf den verstand und hatte jenen dä-
monischen witz zur Folge, der wie ein islamitisches
Schwert um sich hieb." — „Auch in Deutschland
sehen wir in der Litteratur die tiefen Spuren, die der
erste Raffeegenuß, um die Rlitte des vorigen Zahr-
hunderts, zurückließ. Die kraftvolleren Zngenien er-
heben sich in ungestüm wilder Begeisterung zu jener
poetischen Revolution, die unter dem Namen ,Sturm
und Drang' bekannt ist und die in der Anarchie der
Regellosigkeit und genialen Verwilderung endigte; die
inferioren Geister, die schwächeren Nerven, versanken
in thränenselige Sentimentalität. Goethes werther
ist nicht so sehr unter dem Linflusse Rousseaus ent-
standen, als unter der ungewohnten, berauschenden
Rlacht der Raffeegeister, deren verführerischem Spiel
der Verstand des Dichters erlag. Gbigen doppelten
Linfluß zeigt nun auch der werther in eminenter
weise: er ist zugleich kraftgenialisch und sentimental;
ersteres mehr in der Form. Auch Schillers Zugend-
werke haben dasselbe Gepräge, und wir wissen, daß
er bei seiner poetischen Thätigkeit des Raffees be-
durfte. Die erste Wirkung desselben gegenüber der
späteren ist eine intensivere. ^o sind unsere beiden
Dichterheroen zu ^türmern und Drängern gewor- ^
den ..." „Der allmählichen Gewöhnung und dem
geistigen Lpigonentum entsprach nun auch der weitere
Tinfluß des Raffees. von den phantastischen Ausge-
burten der Romantiker bis auf Heine, Lenau, defsen
,Banner tiefschwarze Seide war', bis auf die welt-
schmerzdichter — welch bunte Rette von wirkungen!"

Der Denker schließt mit den worten: „Der Raffee !
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