Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Günstiger verhält es sich lchisichtlich des Nhyth.
mus. Lsier lassen sich ohne rilühe Ljunderte von Mn-
sikstücken finden, welche nicht minder den naivsten Znfiörer,
als den gebildetsten rilufiker entzüeken: ich meine die
ächten, charakteristischen Tänze und Atärsche, mögen
dieselben nnn einen gesellschastlichen oder nationalen
Ursprung fiaben, mögen sie ans klassischen Uompo-
sitionen oder aus dem „!)olk", das fieißt von unbe-
kannten verfassern stammcn. Line Tarantella, ein
Tzardas, ein Bolero, ein Gnarrache, cine ächte jllolka
oder Maznrka, ein ungarischcr Marsch, eine jllolonaise,
ein Ulennett oder eine Gavotte n. s. w. sind von der
einsältigen Unrnhe im Zwei- nnd Dreivierteltakt, die wir
mit dem Namen „Tanz" nnd „Ularsch" beehren,
wesentlich oerschieden. Zene enthalten wahre Ofien-
barnngen der Schöilheit, diese — nicht. was sür
herrliche j?rogramme ließen sich ganz allein aus dem
genannten Ulaterial herstellen! Uber die j?olka nnd
U'lazurka im Besonderen sollte einmal ein eindring-
liches N)ort gesprochen werden. Ls ist ein Zammer,
wie jene schwnngvollen Tänze in Uomposition und
^piel mißhandclt werden. U)arnm nimmt man nicht

die klassischen Borbildcr ans dcm „Leben sür den
Zaren" znm Ulnster? warum vor allem läßt man
dieselben nicht hören? Mir würden dadurch wahr-
scheinlich der Sündflnt der verwässcrten polken nnd
Uäazurken ledig, und unsere Rlavicrspieler würden
vielleicht Thopin nnmittelbarer, instinktiver sassen.

Ulein Borfichlag will blos einen Bersuch bedenten.
Die Dringlichkeit aber begehre ich sür meinen im Namen
aller mnsikalischen Ulenschen gestellten Antrag, man möge
doch in den sommerlichen Garten-Uonzerten dem Ge-
schmaek der Ulinorität einige Uücksicht tragen. Die
hentige Negel lautet: viel Gemeines — sür das „Dolk",
dazwischen ciniges Tdle — sür die Menigen. Diese
Negel jedoch ist seig und grausam. Zch schlage eine
andere vor: Lustiges, Fröhliches, Lseiteres, so viel
man will, aber unter kcinen Umständen etwas Ge-
meines, sci es frech oder rührend. wir dulden nicht,
daß -man die Bänke besndle; wir branchen cs anch
nicht zu leiden, daß nns ans einem heimtückischen
Uiosk mnfikalischer Unrat in die Ohren geworsen
werde.

Larl Spttteler.


N undschnll

DLcdtung.

^ Doswje»'sk^s Naskolnillo^. — Zdealis-
mus nnd Nealismus sind Frcmdwörter und Schlag-
worte, da sie aber bis jetzt noch nicht zn den Morten
gehören, die sich einstellen, wo die Begrifie fehlen, so
können wir sie noch nicht ganz entbehren. Lreilich
handelt es sich, wenn man sie aus wirkliche Runst
anwendet, nur nm ein Uünder oder LUehr. Lin
Zdealismus, der nicht, wie derjenige der alten Griechen,
Ulichelangelos und Nafiaels, die treneste Naturbeobach-
tung zur voraussetzung hat, ist künstlerisch ein eben-
solches Unding, wie ein Nealismus, der nicht, wie
derjenige Dürers, Nembrandts, Nuisdaels, Utenzels,
Uhdes, uns zugleich in eine eigenartige geistige Luft
versetzt. Lines schickt sich aber nicht für Alle. Ge-
wissen Zeiten und Dölkern sletzteren oft wieder nur
zu bestimmten Zeiten) liegen gewisse Nichtungen im
Blut. Die Nachwelt hat ein sehr feines Gefühl da-
für, ob ein UÜaler oder ein Dichter die Natur mit
seinen eigenen Augen, also auch mit den Augeu seiner
Zeit uud seines Volkes, oder dnrch die Brille einer
längst vergangenen Zeit oder eines fremden Dolkes
angesehen hat. Äe nennt mit Necht die niederlän-
dischen Nleister der zweiten Hälfte des t6. Zahr-
hunderts, welche, wie Frans Floris nnd LUichael
Tonegen, ihren niederländischen Nealismus verließen,
um sich vergeblich in den Bahnen Unchelangelos und
Nafiaels abzuringen, unausstehliche Uwnieristen; und
sie ist nicht weit mehr davon entsernt, die gewaltsame
Miedereinführung des Nlassizismus zu Minckelmanns
Zeiten in das gesamte deutsche Nunst- und Geistes-
leben für einen überwundenen Standpunkt zu halten.

Zn dem letzten Diertel des vorigen und der ersten
Hälfte unseres Zahrhunderts lag ein strenges Stil-
gefühl freilich so in der Luft, daß selbst aus dem
Dichter des Merther, des Götz. des Tgmont und der
Urszenen des Faust der Dichter der Zphigenie, des

Tasso und dcr natürlichen Tochter wurde; und Ulaler
wie Lornelius, Overbeck, Schnorr, Deit hätten in
ihrer Zeit beim besten Millen keine Nealisteu werden
können, die Nachwelt wird sie daher anch nur inner-
halb ihrer Nichtung würdigen können.

Die zweite Hälfte des neunzehnten Zahrhunderts,
die Zeit der Tisenbahnen, der Telegrapheu, des Melt-
handels, der Nationalökonomie nnd der praktischen
Staatsknnst ist aber so realistisch angelegt, daß ihre
in den hergebrachten Gleisen der ersten Lsälfte des
Zahrhunderts weiterstrebenden Dichter und Uäaler
naturgemäß „akademischer" Nälte und Glätte verfallen.
Daher der Lrfolg jener ganzen Neihe realistischer
deutscher Ubaler von Utenzel bis Uhde, daher die
^eidenschaftlichkeit, mit welcher viele der einsichtsvollsten
deutschen Freunde der Dichtkunst sich bei der Selten-
heit feinfühliger oder großartig durchgeistigter deutscher
Dichtungen der realistischen Nichtungen (auch sie wer-
den kommen; Gustav Freytags „^oll und Lsaben"
hat längst den U)eg gewiesen, nnd die „Züngsten"
haben manche bedeutende Rräfte, welche hofientlich
mit der Zeit das noch allzu Nhetorische, allzu Absicht-
liche, allzu Streithafte, allzu Unflätige überwinden
lernen werden), den maßgebenden anständigen Schöpf-
ungen des 1.9. Zahrhunderts, denjenigen der Franzosen,
der Spanier, besonders aber der Norweger und der
Nussen in die Arme werfen.

Die russischen Nomandichter unseres Zahrhunderts
sind in der scharfen, fast unbarmherzigen Beobachtung
ihrer eigenen Natur und ihres eigenen Lcbens und
in der packend realistischen, zugleich aber stets durch
eine eigenartige seelische Stimmung oder durch eine
manchmal freilich allzu „tendenziöse" Durchgeistiguug
mit tiefem Gedankeninhalt künstlerisch geweihten Dar-
stellung ihrer Beobachtungen den Dichtern der meisten
übrigen Völker vorangegangen, Anderen ebenbürtig
zur Seite geschritten. Die Nomane eines j?uschkin,

!

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