Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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üöer alle 8eöiete^eA.Mcbönen.

15. Stück.

Lrscbetnt

am fünften u. zwanzigsten

Iberausgeber:

zferdinnnd Avenartus.

Kestellprets:
vierteljährlich 21/z Mark.

Die Mabrlieit auk der Kükne.*

Nevolutionen haben wie soziale
unfehlbar Ausschreitungeu uud übertreibungen
^»D^^im Gesolge. In der leidenschastlichen Auf-
gegen überalterte Gesetze, gegen
verrottete Zustände aller Arten, denkt man zunächst
nur daran, zu zerstören. !Nan schreit und singt, man
reißt die Zeichen früherer Lserrschast von den Aiauern,
wirft den Aiachthabern vom Tage vorher die Fenster
ein, dekretiert schrankenlose Freiheit aus allen Gebieten,
und erst, wenn der blinde Taumel des Lrfolges, der
betäubende Siegesrausch vorüber ist, erscheinen nach
und nach die neuen wahrheiten, denkt man daran,
der Zerstörungsarbeit die ungleich schwerere des Auf-
bauens folgen zu lassen. !Nag die Revolution im
Namen des jDroletariats oder des Rönigtums gesührt
werden, mag sie kirchlich oder atheistisch sein — jede
Sache und j)artei hat ihre Fanatiker, und der ver-
lauf wird immer ungesähr der nämliche bleiben.

Auch die künstlerischen Nevolutionen haben j?erioden
der Schreckensherrschast, der Aommune im Gefolge,
die Mrgien des hereinbrechenden Nomantizismus sind
unvergessen, und sein unmittelbarer Lrbe, der Natura-
lismus, begann mit Greueln, welche ihm die ent-
schiedenste Antipathie all' jener Furchtsamen, die im
Sinnigen und Nlinnigen ihr höchstes Zdeal erblicken,
zuziehen mußten. wenn man deswegen den Natura-
lismus mit litterarischem jDöbeltum gleichstellt, welches

nur auf die niedrigen Znstinkte der Masse spekuliert,



* U)ir geben hiermit zur Aussprache über den ,,Natura-
lismus" in ber Dramatischen Dichtung gemäß unserer Zusage
im f z. bsefte zunächst Alaximilian bsarden das wort, den wir
wohl einen begeisterten Anhänger Ibsens nennen dürsen.
Dafür, daß die überaus wichtigen Fragen, um die sich's
handelt, auch von anderm Ltandpunkte aus beleuchtet werden,
tragen wir Sorge wo unser eigener, Ibsen gegenüber, liegt,
das deuteten wir bereits in jenem chefte des ,,Runstwarts" an.

R.-L.

so haudelt man genau so gerecht, wie wenn man auch
die berechtigten Bestrebungen des Arbeiterstandes zur
verbesserung ihrer Lage sür anarchistische wühlereien
ausgiebt.

Die naturalistische Bewegung ist viel älteren Da-
tums, als man gewöhnlich annimmt, beinahe dars
man den ganzen Nomantizismus nur als eine Tpisode
in dieser langwierigen Gntwickelungsgeschichte bezeichnen,
welche aus das Lngste mit dem weiteren Umsichgreisen
der Naturwissenschasten verknüpft ist. Langsam hat
der Flugsamen, den derSturmwind der Revolution in die
verschiedensten Länder verweht hatte, seine besruchtende
Thätigkeit geübt in Nord, Gst und west, in Norwegen,
Nußland und Frankreich hat er die reichste Lrnte ge-
zeitigt. Ls^urik Zbsen, Zola, Dostojewski — bei aller
verschiedenheit in den künstlerischen Nütteln, die vor
Allem durch Nassen- und Temperamentsunterschiede
bedingt sind, in den Zielen sind sie einig.

was will der Naturalismus? Tr sordert Ab-
wendung oon aller Nonvention, Umkehr zur rücksichts-
losesten wahrheit ohne jedes Aompromiß, er will ein
Stückchen Natur schildern, wie es sich seinem Tem-
perament zeigt, ohne das Bild mit dem Firniß der
Schönfärberei zu überpinseln. wie die wissenschaft
zur analytischen Lrperimentalmethode, die Geschichts-
sorschung zum Muellenstudium zurückkehrt, ebenso soll
die Litteratur „menschliche Dokumente" sammeln, um
den Menschen als Nesultat seiner Lebensbedingungen
und Umgebung, nicht als Zusallsprodukt einer schön-
heitsdurstigen j?hantasie erscheinen zu lassen. Wenschen
von sestem Rnochenbau, vom Dichter geschaut, in ver-
hältnisse, Ronflikte, Leidenschasten verwickelt, wie sie
das tägliche Leben sedes Ginzelnen mit sich bringt,
das ist der vornehmste Glaubenssatz im naturalistischen
Lvangelium.

war es schon im Romane schwer, diesem Loan.




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