Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Ä.

WLMauG^

iiöer alle Weöiele^eK<Mcöönen.

20. Ltück.

Lrscbetnt

ani fünften u. zwanzigsten

Derausgeber:

Ferdinand Avenartus.

vierteljährlich 2 l 'z Mark.

Znbrg. 1.

von der Freude um IkunslWerk.

haben.

^'ir konnen nicht „von der Freude am Runst-
werk" sprechen, ehe wir uns mit einer
artigen Verneigung bei den „ästhetisch
Geschulten" unserer Leser entschuldigt
Denn wir beabsichtigen heut weder neue
Untersuchungen, noch überhaupt wissenschaflliche Unter-
suchungen, die der Teilnahme der Lachmänner irgend-
wie würdig wären. Wir beabsichtigen nur, auf
einige den ,,Geweihten" längst bekannte Dinge die
„Ungeweihten" unter unsern Lesern aufmerksam zu
machen.

In meinem Zimmer steht ein Laudschaftsbild,
„waldsee bei Uioudschein". ^errUIüller, ein „Uenner",
sah sich's an: er lobt die gleichzeitig weiche und
kräftige Larbengebung und die solide Technik. Uun
beehrt mich Frau Schulze mit ihrem Besuche. „Ach,"
ruft sie aus, „an solch einem See möcht ich zur
^ommerfrische wohnen." kferr Uuiller sprach nur
seine Teilnahme für die Technik im Bilde aus, Lrau
Schulze nur ihre Teiluahme für das U)as darin,
nur ihr „stoffliches Znteresse".

Betrachteten die Beiden etwa auf einer Aus-
stellung ein schönes Bild, das ein „Znterieur" darstellt,
so würde sich Herr U'lüller wahrscheinlich hier am
Gespachtelten laben und dort am ^asierten, während
Lrau Schulze vielleicht die Lrage stellte, was für eine
Art von Ulöbeln diese auf dem Bilde da sei; be-
trachteten sie die Denus von Medici, so würde Lserr
wtüller möglicherweise zunächst prüfen, mit welchem
Znstrument wohl der Marmor behandelt sei, während
Lrau Schulze auch in der Göttin das weib sähe und
befangen zur Seite blickte; sähen sie mit einander
einen mittelmäßigen ^chauspieler einen edlen Tharakter
schlecht darstellen, so würde der Ulime Lserrn Ulüller
vielleicht durch seine schlechten N kränken, Lrau
Schulze aber befriedigen, weil der Ulensch, den der


Schauspieler darstellt, das was seiner Runst also,
„solch eineu edlen Tharakter hat."

Nun wird freilich Aeiner von unseren Beiden in
gänzlicher Ausschließlichkeit Lreude nur an der Technik
verspüren, oder n u r am L>toff. <Ls braucht nur etwas
recht Auffälliges im was oder im wie vorzuliegen,
um das augeublicklich zu zeigen. Sieht k^err Ulüller
einen Gegenstand dargestellt, der auf Bildern ganz
und gar ungewöhnlich ist, so wird das wenigstens
für eine weile sein Znteresse mit Zlust oder Unlust
erregen, und sieht Lrau Schulze einen ihr lieben
Ulenschen init gar zu abscheulich knallenden Larben
gemalt, so wird sie das doch vielleicht stören. Beide
Arten des Gefallens und Nicht-Gefallens laufen eben
in uns Allen neben einander her von Uindheit an.
Der erwachsene Ulann, der ein schlechtes Gemälde
kauft, weil der Dorgang, den es schildert, seine 5ym-
pathie besitzt, oder weil es ihn etwa als Geschichts-
bild belehrt, „wie es damals zuging" — er steht in
diesem Lalle nicht anders zur Aunst, als das Aind,
dem das wasser im Ulunde zusammeuläuft vor den
Äpfeln und Birnen dort auf dem Stilleben. Und
wieder: der Rnabe, der seinem Uameraden zusieht, wie
er den L>chneemann baut, er empfindet schon dieselbe
Art des wohlgefallens, wie der Besucher im Atelier,
der dem Ulaler über die Schulter guekt. Aber sie
laufen nicht nur neben einander her, beide Arten der
Teilnahme, sondern sie durchdringen sich auch fort-
während. Der bei weitem größte Teil des j)ublikums
wird zwar zu seiuer sogenaunten Uunstliebe mit über-
wiegender Ulacht nur vom stofflichen Znteresse gezogen,
doch ganz fehlt auch das an der Technik nicht. Und
was nun wichtig ist: das Tine beeinflußt das
Andere. Ts ist eine sehr gefährliche Sache, von der
Trscheinung auf die Gestalt zu schließen, und doch
wird solch ein Schluß gerade von künstlerisch empfin-



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