Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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iiöer allc Weöiete öes W)önen.

w. Stnck.

Lrscbeint

Derausgelier:

zferdinand Avenarius.

Kestellprcis:
vierteljährlick) 2 1/2 Nlark.

Znbra. l.

Dolizeilicbe ^ensur

on Zeit zu Zeit geht durch die öffeutlichen
Blätter die Nachricht vou eiuem ueueu treff-
licheu Bühuenwerk bekailnten oder uube-
kanuteu verfassers; mau ist gespaunt auf die
Aufführung, welche des Aufseheus oder des Urhebers
halber uicht ausbleibeu kanu. Da kommt als hinken-
der Bote die Bemerkung hinterdreiu, daß die Leitung
der Bühne, welcher die Aufgabe zufiel, das betreffeude
Stück zuerst zu verkörpern, aus dem uud seneil Gruude,
weil sie auf bestimmte j)ersönlichkeiteu, eiu regierendes
Lürstenhaus, eiue gewisse Glaubensgenosseuschaft, die
politische Lage Nücksicht zu nehmen gezwuugeu sei,
das Werk abgelehut habe, mit Dauk uud Auerkenunug
abgelehnt, aber doch abgelehut. Gelobt uud uicht auf-
geführt! Gder der ^eiter eiues Theaters besitzt deu
N!ut, das in Nede steheude Drama seiuem jDublikuni
bieten zu wollen; aber da kommt die gestrenge j?olizei
dazwischeu, beaustaudet dies uud jenes, will das uud
noch vieles Andere geändert und gemildert habeu,
ebenfalls aus den obengeuaunten Grüuden, so daß
Direktor und Dichter es schließlich selbst für besser halten,
von der Vorstellung abzusehen, als die wirkuug durch
Verstümmelung zu schädigen. Iu vieleu Fällen sedoch
erklärt die Zeusur vou vornherein gauz bestimmt, ihre
Genehmigung zur Darstellung des ^tücks unter keineu
Umständen geben zu köuueu, weil dasselbe ihrer Au-
sicht nach iu der oder jener Lsinsicht „austößig" sei.
Daun ist das ganze Bühnenwerk tot, auf die Buch-
ausgabe augewiesen, deren Giudruck doch nur eineu
ungenügenden Trsatz bietet für den vou den Bretteru
herab, eiu schmaler Abfluß für einen frischen 6)uell ist,
dem mau das Flußbett verdämmt. Zu aller Gedächt-
nis lebt ja noch das Verbot und die Beeiuträchtigung
des Trümpelmanu schen Lutherfestspiels in Berlin; das
Stück wurde nur dadurch für die Oeffeutlichkeit mög-
lich, daß man es freiwillig verunstaltete. von dem

an Kübuenvverken.

Uurecht gegen die Dichter ganz abgesehen, dereu
Schöpferdraug mau eiuschräukt, wohl gar abbricht —
wohiu solleu solche Zustäude schlicßlich führen und
welch' uuberecheubareu ^chadeu bergeu sie für die
Zukuuft noch iu sich, Schadeu au der gauzen Natiou,
da sie des Schädlicheu schou bisher geuug im Gefolge
gehabt haben?

Das Attßbehagen uud das Gefühl der Uusicherheit,
das sich auläßlich des „Falls Trümpelmauu", vou dem
wir hier ausgehen wolleu, weitester Rreise bemächtigte,
läßt sich uur daher erkläreu, daß der Fall wegen seiner
Uugeheuerlichkeit urplötzlich zeigte, wie schief die Stell-
uug sei, in der sich die Ruust der Zensur gegeuüber
befiude. Zusofern gewinut der genauute Fall die Be-
deutuug eiues Symptoms, vou dem aus auf die Rrauk-
heit geschlosseu werdeu kanu, uud eiue Trörteruug, die
au ihn auknüpft, drängt sich vou selbst auf. wir
habeu das Gefühl, daß die Uebertreibuug wie so oft
auch bier deu widerspruch herausforderu uud dazu
beitragen muß, die Lage zu kläreu.

wir glaubeu keinem Tiuwaud zu begegneu, wenu
wir eiu euergisches vorgeheu der j)olizei gegeu Alles,
was deu Nlautel der Ruust borgt, um gemeiue Ab
sichteu daruuter zu verbergen, ohne weiteres gut heißen;
noch mehr, das rücksichtslose Ablösen der Afterkunst
vou der wirklicheu schließt ein verdienst in sich eiu.
j)oruographische, d. i. auf die Trreguug tierischer Triebe
abzieleude Ljtteratur und bildende Runst soll mau
uuterdrückeu und uicht bloß dann, weuu sie sich scham-
los aber offeu als solche bekeuut, sondern auch da,
wo sie verlogen und heuchlerisch mit dem Scheiu künst-
lerischen wertes auftritt, etwa als waudgroßes Ge-
mälde mit Neklamemusik uud elektrischer Beleuchtuug.

Auders liegt die Sache jedoch, wenn mau es mit
einem Ruustwerke zu thuu hat uud die Absicht, uureiu
zu wirkeu, fehlt, denu erst diese drückt eiuem Begiuueu




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