Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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D.

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Solche zum mindesten, die mit den Groschen nicht rechnen müssen.
Sein Eindringen ins Volk ward arg beeinträchtigt durch Ro-
bert Rönigs „Deutsche Litteraturgeschichte." wes-
halb? war dessen Versasser besser bewandert auf dem Gebiet,
durch das er den Leser sührte, als Leixner? Gewiß nicht.
war seine Darstellungsart stießender, anregender, lebendiger,
als die Leixners? Im Gegenteil. !Var sein Urteil klarer,
unabhängigcr, im besten Sinne sreier, als das des Andern?
Schon gar nicht! wolst aber war Rönigs Litteraturgeschichte
ein ungleich schöneres Bilderbuch als Leirners werk. Sie
war sogar ein sehr gutes Bilderbuch und mit Gediegenheit
und Geschmack ausgestattet — wir sind die letzten, das zu
leugnen. Nun ist doch aber der Text bei einer Litteraturge-
schichte keine so ganz gleichgiltige Sache. Und dieser Aönig'sche
Text! wie beschränkt der Gesichtskreis des Verfassers insbe-
sondere da, wo das wichtigste betrachtet werden sollte, was es
sür ein voll und unverbildet lebendes Aind der Zeit von Dich-
tung überhaupt giebt: die Dichtung seiner eigenen Zeit, die
Dichtung der Gegenwart. Füns Seiten über 5cheffel, vier
Seiten über Tbers, ein paarZeilen über den Größten, den
wir haben, über Gottsried Aeller — das giebt ein Beispiel
sür viele! Auch Leixner ist, gleich Aönig, nicht nur ein reli-
giöser, sondern auch im engern 5inne ein christlich gesonnener
Mann. Aber Liner, der sähig und jederzeit gewillt und be-
müht ist, sich in anders Denkende zu versetzen, sie aus sich
selber heraus zu begreisen, mit einem worte: ihnen gerecht
zu werden. wär es weiter nichts, so genügte das, seinem
Buche den Vorzug zu verleihen, denn wir wollen Bücher, die
Duldsamkeit lehren und sie aus die wirkungsvollste weise
lehren: durch's Beispiel. — wer, wie gesagt, den Groschen
nicht so genau zu besehen braucht, eh er ihn ausgiebt, und
wer gute Bilder nach Art derjenigcn in Königs Buch zu einer
Litteraturgeschichte nicht entbehren mag, dem kann heut ge-
holsen werden, ohne daß er sich über Königs Text ärgert:

er kann sich Rönneckes „Bilderatlas der Deutschen
Nationallitteratur" (erschienen bei Llwert in Marburg)
sür 25 Mark neben Leixners Buch legen. kster hat er,
was er im Aönig suchte, aber sreilich in ungleich reicherer
Fülle: genaue Facsimilenachbildungen aller möglichen inter-
essanten Ljandschristen, Bücherseiten und Bücherillustrationen,
zuverlässige porträts und allerhand sonstiges bildliches Material,
das in ihm die Stimmung der Zeit lebendiger macht, in
welcher der Dichter schus. wer übrigens einige wenige litterar-
geschichtliche Kenntnisse besitzt, dem wird Könneckes werk auch
ohne „Beibnch" Freude genug bereiten. Denn kurze Vermerke
und Daten, Übertragungen der alten Lchristen und alten worte
in heut gebräuchlichen Letternsatz und in heutiges ksochdeutsch
u. s. w. sorgen bei jedem Bilde dasür, daß der Beschauer weiß,
was er vor sich hat.

Aus der Dütten und von Daboam. Bilder von
Franz Desregger, Dichtungen von Karl Stieler. Zwei
Bände. München, Franz tsanfstaengl. Ie M. 20. — Schon
seit längerer Zeit erschienene !Derke, die wir trotzdem empsehlen,
weil sie eine Lmpsehlung verdienen, wie wenige. Die Bilder
sind jdhotographieen nach meist sehr bekannten Gemälden Des-
reggers, über die hier viel Lobes zu sagen, Nlasser in's Meer
gießen hieße. ksochinteressant aber sind mir die beiden Bände
immer gewesen wegen der Ltielerschen Dichtungen. Ich habe
nun doch schon manches Lstindert von Gedichten kennen gelernt,
die, sozusagen, der „umgekehrten Illustration" dienten, indem
die lVorte das Bild erläutern sollten. !Vie selten fand sich
da unter der Spreu ein tveizenkorn! Vielleicht sind niemals
bessere Gedichte zu guten Bildern geschaffen worden, als hier.
Der Dichter sucht das Gesühl, das in ihm der Maler erweckte,
in Andern zu erregen durch die eigenen Mittel seiner Kunst.
Tr dichtet nicht über die Bildcr, er dichtet dnrch ihren Ein-
druck (vergl. ,,Thumann als Illustrator'll) Das ist das ganze
Geheimnis. Man muß sreilich ein jdoet sein, soll's Linem
was nützen, wie das Stieler der Unvergeßliche war. Linige
Gedichte hier gehören zu seinen herrlichsten.


Lose

Lprucb.

Man glaubt gar oft,

Meise zu seiu uud ist uur lahm,

TlMu wähut uud hofft,

Rlug zu werdeu, uud wird uur zahm.

Dermann Lingg.

Äber die Ateliertbüre.

U?as er am meisteu bedarf, Zbr Ljimmlischeu, gebet

dem Küustler,

Daß er zur Freude sich selbst, Tauseuden schaffe
zu Dauk.

Äichtet deu Glaubeu ihm auf, will Zagsiuu tückisch

ihm uaheu,

Daß er der göttlicheu Kraft lraueud volleude das
werk.

^altet das Herz ihm frisch, deuu Schaffeu ist fröhliche

Iugend,

Lüllet mit Liebe die Brust, daß sie ihm führe die
Ljaud!

xantbippus.

Liner juitgen Illünstlcrin

ins Nlbum.

Aufrichtig ist meiu wuusch, weuu auch uicht ueu:

Sei du der Auust uud bleibe sie dir treu!

Wlätter.

> Sei's, daß eiu euger Areis uur dich erkeuut,

> Sei's, daß die welt dich mit Bewuudrung ueuut:
Vor Gott ist's gleich; uud ^ob uud Buhm uud Thren,
^ie köuueu uicht deu iunern wert vermehreu.

Dem falscheu Scheiue bleibt die Weuge hold,

Uud Schlackeu uimmt sie meist für echtes Gold.

Zhr Beifall uicht, der uie die Kunst erhob —

Der Gott im Herzeu spreche Dir das ^ob!
Verschmähe, zu gewiuueu ihre Guust —

Nur Gottes ist, uud Gottes bleibt die Kuust.

Dich lockt der Nuhm, deu Flug hiuaus zu wageu:
Laß vor dir her uicht laut die Trommel schlageu!
Der Trommel Schall verletzt das feiue Ghr
Des Keuners, uud er flieht eutsetzt davor;
wlißtrauisch macht uud scheu ihn die Reklame —

Im ^immelreich der Auust gilt uichts der Name!
Reiu Zirkus ist der Wuseu hohes Haus,

Uud klatscht der j)öbel, stieht die Ruust hiuaus;

Dem Stümxer uur mag uach verdieust er lohueu
wüt Rrouen; doch es sind papierne Rroneu.
wer seiues Rüustleramtes waltet, steht
Nor dem Altar, sein Schaffen ist Gebet.

So stehe du mit ernst erhabuem Siuu,

Der Wenge Liebliug uicht, — die j)riesteriu!

D. Dickmann.


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