Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Zwecke, benutzte sie auch die gewohnten Fremdwörter,
vorausgesetzt, daß diese wirklich vollkommen bezeichnend
sind und daß die Aufmerksamkeit des Lesers durch
sie nicht gestört werde. Gb mathematische Formeln
mit den worten „Differenz", „Nesultat" usw., oder
„Unterschied", Lrgebnis" usw. erläutert werden, ist
wohl ziemlich gleichgiltig, und „abstrakt" gilt auch
dem Gelehrten von feinem Sprachgesühl in einer
philosophischen Abhandlung wohl ziemlich ebenso viel,
wie „abgezogen". Aber zunächst scheint es mir noch
eine Frage, ob nicht gar manche deutsche wörter
bezeichnender auch sür entsprechende Begriffe zu
bilden wären, als die vorhandenen lateinischen. Be-
sonders die vielbelächelten Sprachbildungen des s)h:lo-
sophen Rrause haben mir in ihrer oft geradezu ver-
blüffenden Deutlichkeit in dieser Beziehung zu denken

gegeben. Und dann: so wenig, wie wir aus einem
s)hantasie - werk das Denken verbannen können,
so wenig aus einem Denk-Werke, und mag es sich
noch so abstrakt geben, ganz und gar die j)hantasie.
wüt der aber wird auch die Liebe zum deutschen
worte überallhin einziehen.

So fechten wir heute für thunlichste Lrsetzung
der Fremdwörter in unserer Sprache, nicht weil wir
die deutsche Sprache unbedingt für die beste und
schönste auf der welt hielten, sondern deshalb, weil
die heimischen wörter jeder Sprache für den, der
in ihrem Gebrauche aufgewachsen ist, die am reichsten
mit Gedanken und Gesühlen verknüpften sind: ein
Neichtum, an dem auch die wortstämme teilnehmen,
aus denen neue wurzelechte Sprachreiser hervorgrünen
können zum Lrsatz der aufgepfropften fremden.

Vaidagogos.

Tbester. Ikundscbau.

» Dte neuen Wübnen der IkeiebsbAupt-

stndt. — Seit gestern zählt die bsauptstadt des jun-
gen Reiches zwei anspruchsvolle, weitausschauende
Theaterunterllehmungen mehr. Am tt- September
hat Oscar Blumenthal sein ffchöltes, freistehendes
Bühnenhaus unter dem stolzen Titel „Lessing-
Theater" eröffnet, mit einem recht geschickten pro-
log des dichtenden Direktors, welcher der ernsten
Ruilst viele schäne, herrliche Dinge verheißt. Nicht
nur auf die „heiligen Sarkophage der großen Toten"
will man dort „zu alten Aränzen neue legen" —
nein, das neue Schauspielhaus stellt sich in den Dienst
der „Lebenden", des echten Dichters unserer Tage,
der von des „Lebens Schain und Gram" ohne „mäd-
chenhafte Scheu", ohne „höfisches Bedenken" mit
„herber Thrlichkeit den Schleier aufrollt". Der erste
Rranz, dem großen Taufpathen geweiht, vermochte
nur den Lindruck zu erwecken, daß man in der That
künftig besser von derlei bjuldigungen absehen würde.
Lessings „Nathan der weise" ist ein zu edles Runst-
werk, um vor einer zerstreuten Gemeinde von hastigen
premiorenbesuchern aufmerksam lauschende Beachtung
finden zu können. Dieser Menge, die zu schauen und
geschaut zu werden kommt, muß der Poet in die Ghren
schreien, wenn er gehört sein will, Nathans feine
Dialektik versagt hier völlig, zumal die Darstellung
stillos und buntfarbig war. Der Darsteller des weisen
Iuden, Herr Trnst possart, ist der Dertreter der
„wlünchener Schule", die in schänen Tönen zu schwelgen
liebt und der Nücksicht auf den wohllaut die einfache
wahrheit gern zum Gpfer bringt. Dieser Stil hat
seine Zeit gehabt, aber diese Zeit ist — ich sage:
Gott sei Dank! — vorüber, wir wollen auf der Bühne
wlenschen von Fleisch und Blut sehen und am wenig-
sten gestatten wir dem schlichten wahrheitsfreunde
Nathan eine schönrednerische ^-üßlichkeit. Das publi-
kum hat denn aucb an der ersten Aufführuug des
„Lessing-Theaters" wenig Gefallen gefunden und —
wie es bei der widerwärtigen Trfolganbetung unserer
Tage nur natürlich ist, hat sich die „öffentliche Nlein-
ung" — vertreten durch Börsenleute, kleine Neporter,
Sportsmen und Theateragenten, — bereits von dem
einst vergötterten „Deutschen Sardou" abgewandt.

Den Beifall der höher Denkenden hat dieser geschickte
Wacher niemals gehabt, und das mutvolle Selbstbe-
wußtsein, mit welchem der neue Direktor seiner schön-
gereimten programmrede als erstes Stück eines Leben-
den das §!ustspiel „Auton Antony" von — Blumenthal
folgen läßt, muß mindestens befremden. Die poeten,
die in dem glänzenden Hause zunächst zum wort
kommen werden, sind die Herren Lrckmann-Lhatrian,
Pailleron, ^eigel, ^ardou, wloser. Nnter diesen Um-
ständen thut man wohl daran, dem großen Aufgebot
an verheißungsvollen Phrasen recht skeptisch sich gegen-
über zu stellen: erst eine längere Zeitdauer kann uns
einige Rlarheit darüber verschaffen, ob die ernste Nunst
von dem Unternehmen des klugen ^errn Blumenthal
etwas zu erwarten hat. — Günstigere Sterne lächelten
dem „Berliner Theater", welches uns der durch
mancherlei Lrfolge auf verschiedenen Gebieten be-
kannte Schauspieler Ludwig Barnay erbaut und
am t6. ^eptember eröffnet hat. Lin gründlicher
Umbau hat aus einem leichter Operettenwaare
dienenden Bühnenhause ein stattliches Theater erstehen
lassen. Uüt einer freudig zu begrüßenden Überrasch-
ung tritt das neue Znstitut in's Leben: beschei-
dene Lintrittspreise werden es auch dem weni-
ger Bemittelten ermöglichen, ausgereifte Vorstell-
ungen der Nkeisterwerke der weltlitteratur zu be-
suchen, die unselige Alleinherrschaft der plutokratie
in unseren Schauspielhäusern kann durch diesen ersten
Schritt vielleicht auf die Länge vernichtet werden.
Das wäre ein Ziel, aufs Znnigste zu wünschen, denn
alle neuen Bühnen helfen uns nicht aus dem zer-
fahrenen Llend unserer Runstzustände, wenn nicht an-
statt der Börsenleute und Spekulanten aller Art die
besseren Männer und Frauen unseres Dolkes dem
Theater wiedergewonnen werden, dem jetzt Allzuviele
gleichgiltig oder ablehnend gegenüberstehen. Barnay
hatte zur Lröffnung ^chillers „Demetrius" gewählt,
das herrliche Bruchstück, welches wie die Derheißung
einer neuen schönen Lpoche in des Dichters Schaffen
am Lnde seines kurzen Lebens uns begrüßt. Leider
hat die platte Verarbeitung des derb zupackenden
Theatermannes Laube dies köstliche Nleinod traurig !
entstellt. Trotzdem hat sich gestern das publikum '

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