Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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schlechthin Neues schafft, das mit der Seele auch deu
neuen Zieib erheischt — wie Goethe, wie ^chiller,
wie Nichard wagner es chateu. Aber diese Gesetze,
so vielfach zwaugvoll, habeu auch chr Lseilsaines, uud
sie sind austatt vom s)ublikmn oder irgeud eiuem
Solou aufgestellt zu sein, vielmehr durch die meusch-
liche Natur überhaupt erklärbar oder geschichtlich,
im Laufe der Lutwickluug gewordeu, uud darum
vou eiuer so verpflichtenden Art, daß wir uus ihuen
gar uicht eutzieheu köuueu uud wolleu. lVeuu die
heutigeu Schauspieldichter trotz der üppigeu Nüttel,
die ihueu Dekoratiouen uud 7llkaschiuerie zur Ver-
süguug stelleu, doch auf ihre verschweuderische Au-
weuduug verzichten uud das Szeuarium auf deu eiu-
sacheu Zuschuitt der streuger kompouierteu Dramen
Lessiugs uud Schillers eiurichteu, dauu hat diese Lut-
saguug, die das s?ublikum fast schou verlaugt, um
sich vou eiuem Drama ernstlich fesselu zu lasseu, die
gute Folge gehabt, ein Zrrlichteliereu der Haudluug
zu verhüteu, diese fester zusammeuzuschließen und
damit wiederum iu der Negel auch eiue sorgfültigere
Motioieruug herbeizuführeu. Vou dieseu, oft gar uicht
geuau zu formuliereudeu, aber iu der Luft liegeudeu,
sühlbareu Forderuugeu des st)ublikums wird der Fest-
spielschreiber uicht beuuruhigt. Lr hat weder mit
der Blasiertheit der Zuschauer uoch mit deu Lauueu
der Rüustler zu kämpfeu. Denn diese, gemeiuhiu
Dilettauten, gebeu sich ihreu Rollen mit senem schöueu
uud beglückeudeu Feuereifer hiu, wie er auf dem
Theater 'uicht ebeu häufig augetroffen wird, das
s)ublikum aber ist, wenu nicht der Zweck der Auf-
führung oder audere Gründe seiu Wohlwolleu heraus-
forderu, durch deu Umstaud, daß es seiue Augehörigeu
im Rostüm agiereu sieht, bereits so güustig beeiuflußt,
daß es die Sache des Lestspielschreibers zu der seiuigeu

macht. „Das ist Nlarie! Das ^aus! Das Loruelius!"
welche Guust für deu Dichter!

Zch brauche wohl keiu Nlißverstäudnis zu fürchteu.
Nur warueu möchts ich, uud die Bühue vor dem
Unsegeu bewahreu, daß wirkliche Taleute sich ihr
vorschnell abwendeu, uur weil ihueu die öffeutliche
Ausführuug solcher Festspiele, dieueu sie auch dem
edelsteu Zwecke, leichte uud laut ausgerufeue Triumphe
verschafft. Gauz ist die Sache noch nicht spruchreich,
uud ich biu der Letzte, der eiu übereiltes Arteil fälleu
möchte. Auch keuue ich alle Schatteuseiteu des
ständigeu Bühueuweseus zu gut, als daß ich deu
wuusch, das Theater auf diesein wege zu reformiereu,
uicht begriffe. Nur glaube ich, daß es Zeit ist, die
Augeu offeu ;u behalten. Ls soll der heutzutage so
stark heroortreteudeu Neiguug, „theatralische Festspiele"
zu veraustalteu, keiueswegs alle Berechtigung abge-
sprochen werden. Äe köuueu uusrem Drama neues
warmes küustlerisches Blut zuführeu uud deu k^orizout
des Theaters erweiteru, wie es der „Niug des
Nibeluugeu" iu so graudioser weise gethau; sie köuueu,
wo dieser küustlerische Gewiuu ausbleibt, iu er-
ziehlicher IVeise wirkeu uud uusrem Volke seiue Ge-
schichte uah und uäher bringeu, uud es mag uicht
ausgeschlossen seiu, daß uus iu dieseu Formeu eiumal
eiu ueuer Messias des Dramas ersteht. Bis dahiu
aber hüte mau sich, die Beweguug übermäßig zu
preiseu, uud vor Allem verwechsle mau uicht die
küustlerische mit irgeud eiuer Nebenwirkuug. kVas
iu eiuzelueu Lälleu uud auf weuige Stätteu beschräukt
Nunst uud Leben befruchteu kauu, würde, eutfesselt,
verhätschelt, vou uukuudiger Seite über Gebühr ver-
himmelt, die herauwachseudeu Taleute uur verwirreu
uud uuser Draina empfiudlich schädigeu. Darum:
Viäeuut cousules! Dcturlcl) Nultbaupl.

u udsckuu.

Nllgelneineres.

^ Mctor Dcbn übcr Goetbe uud Atalieu. wir
kommeu spät init uusreu Bemerkuugeu über das be-
deuteudste Buch, das die sogeuauute Goethe-Litteratur
vielleicht hervorgebracht, Victor L)ehus „Ge-
daukeu überGoethe" (Berliu, Gebr. Bornträger).
— Die Zeituugeu uud litterarischeu Blätter habeu
sich wohl oder übel damit abgefuudeu; mau übersieht
eiu leidliches Nlaterial zur Geschichte der litterarischen
Nritik der Gegeuwart. Ls empfiehlt sich, die lVür-
diguug sothaueu kritischeu Bestrebeus dem geistvolleu
Verfasser für das Vorwort des iu Aussicht steheudeu
zweiten Bandes zu überlasseu, falls er es uoch der
Aiühe wert fiudeu sollte. Uus mag gestattet seiu,
auf eiuige jDuukte zu weiseu, die mau absichtlich oder
iustiuktiv totschwieg. b)ehu, lange Zahre iu uicht bloß
uuabhäugiger, souderu wahrhast freier Geistesthätig-
keit den höchsteu iutellektuelleu wie sittlich - kulturelleu
Aufgabeu der Meuschheit zugewaudt, macht au sich
die schöne Trfahruug, die auch Zakob Grimm uud
gar Nlaucher der srommen Alteu gemacht hat: daß
die reiseren Zahre deu edlen Nienschen furchtlos
machen. Ts schwiudeu die kleinlicheu Bedeukeu vor

dem liebeuswürdigeu Drauge, die reifeu Früchte des
Deukeus uud der Lrfahruug mit mildeu bsäudeu hiu-
zureicheu, uubekümmert um Lohu oder b^ohu. Uud
Mut allerdiugs bedurfte es, iu uuseru Tageu die
au der deutscheu Geisteskultur gierig fresseudeu Schädeu
ohue Umschweife bloßzulegen.

Zch will hier aussprecheu, was mir selbst die
freudig Zustimmeuden uicht gebühreud erkaunt oder
betout zu habeu scheiuen: daß iu diesem Goethebuche
zum ersteu U'lale endgiltig uud deu uuiuteressierteu
IVahrheitsfreuud überzeugend der uueudliche lVert des
Nlenscheu Goethe ausgewieseu ist, seiu lvert für Deutsch-
laud zuuächst, für die sittliche Rultur der kVelt sodauu,
ebeu dadurch, daß Goethe eiu Deutscher ist. Goethe
ist erkauut als das ideale Baud, das die Deutscheu
zur Natiou macht, wie Lsomer die Griecheu, Daute
die Ztalieuer, trotz seiuer bsehu unsympathischeu Niittel-
alterlichkeit. Nusern Zeitgenosseu ist diese Lrkeuutuis
ueu uud seltsam, da sie seiu Fleisch für ihreu Arm zu
halteu gewohut sind.

bsehu fordert zwei Diuge verbuuden, das lVerk
Friedrichs des Großeu und dasjeuige Goethes. Der
Liue legte deu Gruud zur Linheit, der Audere erfüllte

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