Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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daß an der Stelle, wo wir jetzt uns abmühen und
zertreten werden und — was schlimmer ist, als das —
gröblich irren und fehlen, einst ein Geschlecht blühen

wird, welches immer darf, was es will, weil
es nichts will, als Gutes."

zfrlLdricb von Dauscgger.

Illundscbnu.

Nllaemeineres.

Lbnrles Darwin und die moderne Ästbetik. —
lVer in kominender Zeit eimnal die Geschichte der
Flsthetik im neunzehnten Zahrhundert frei und ohne
engere f?arteiinteressen zu schreiben versuchen wird,
von dem kann man heute schon kühn behaupten, daß
ihm mancher Name einen wesentlich anderen Rlang,
manches Antlitz einen neuen -— sei es nun fremden
oder vertrauteren — Ausdruck gewinnen wird. Birgt
nicht der kurze Rest des Zahrhunderts, der uns noch
verhüllt ist, ungeahnte wendungen der menschlichen
Gedankenwelt, so mag ihm wohl die ganze Lnt-
wickelungsreihe in zwei deutlich gesonderte Llälften
zerfallen: eine weniger günstige, deren treibende Zdee
innige Verkettung von Ästhetik und spekulativer f)hilo-
sophie war, und eine von langsamem, aber stetig
^ wachsendem Lrfolge begleitete, in welcher die dlsthetik
von der rein beobachtenden und experimentierenden
Methode der Naturwissenschaft beherrscht wird. Nnter
den kraftvollen Lörderern der zweiten Nichtung aber
werden ihm Namen glänzen, die gegenwärtig von
zahlreichen Iüngern der ästhetischen kVissenschaft über-
haupt noch gar nicht in Zusammenhang mit der
Ästhetik gebracht werden. Gin solcher Namen ist in
erster Linie der von Gharles Darwin. / Der
scharfe Denker und liebenswürdige, anspruchslose
Nlensch, der den größern Teil seines Z/ebens auf
stillem Landsitz über peinlich genauen Linzelversuchen
zubrachte, war selbst weit entfernt davon, sich zu den
Ästhetikern zu rechnen. Die Nunstwelt war ihm nie
sehr vertraut und wurde ihm noch fremder, als die
wachsende Last der Zahre ihm immer mehr Beschränk-
ung auf sein Fach auferlegte; die Nomane, die er
sich in Nlußestunden vorlesen ließ, schätzte er nicht viel
höher als seine Zigaretten und seinen chchnupftabak,
fie waren ihm ein Beruhigungsmittel, air das er keine
höheren Nunstforderungen stellte, und wenn seine farb-
lose Nedeweise ja einmal ein IVort der Begeisterung
fand, so galt es sicher einem reinen Naturobjekte,
einem flüchtig auftauchenden Trinnerungsbilde aus
der kVunderpracht des tropischen Urwaldes oder dem
schänen Bau eines Bchmetterlingsflügels oder Fasanen-
schweifes. Und doch hat Darwin in seinem allbe-
kannten U)erke über die Abstammung des N^enschen
und die geschlechtliche Zuchtwahl einen der gewal-
tigsten Grundpfeiler der ganzen neueren Ästhetik ge-
liefert, — was kein grübelnder jDhilosoph ersonnen
hatte, hat er zuerst klar zum Ausdruck gebracht: eine
sichere, im Großen und Ganzen unzweifelhaft der
lVahrheit nahe kommende chxpothese über das, was
man gewöhnlich das „Naturschöne" nennt und zu
dessen Domäne vor Allem auch das lVichtigste gehört,
was überhaupt allen Uünsten als Gbjekt zu Grunde
liegt, nämlich der menschliche Grganismus mit seinen
äußeren Formen, seinen für Larbe und Nhythmus

empfänglichen Sinnesorganen, seinen vererbten An-
lagen und entwickelten Anschauungs- und Lmpfind-
ungskreisen, ohne die das ganze große Nkysterium der
Nunst niemals gezeitigt worden wäre. j)hilosophen
aller Art hatten seit alten Zeiten den Zwiespait ge-
fühlt zwischen der rohen lVelt des Nwchanischen in
der Natur und der lVelt des Zdealen in der Nunst,
aber anstatt den Versuch einer Versöhnung in freiem,
monistischem chinne zu machen, hatten sie durchweg
die Nluft nur vertieft und waren zum Teil schließlich
auf die haltlose stchrase hinausgelaufen, daß dieNatur —
und folgerechterweise auch alles Nörperliche, Natür-
liche im Nienschen selbst — ein Abfall von der gött-
lichen Zdee sei. Anders Darwin! Lür ihn konnte
jenes Zweierlei der lVelten nur ein chchein sein. Tr
mußte eine Brücke suchen zwischen der lVelt, der un-
erbittlichen Auswahl des Nützlichen und der scheinbar
so selbstlosen Zdealwelt, und er fand sie, indem er
mit einem ungeheuren Aufwande von Thatsachen-
reihen, die vor ihm der Naturforscher nie verknüpft
und der Ästhetiker überhaupt nicht gekannt hatte, nach-
zuweisen suchte, daß das Zdeale, die Tmpfindung für
chchönheit ursprünglich auch etwas Nützliches, Art-
erhaltendes war. Die wesentlich originale und ent-
scheidende Zdee war ihm dabei behilflich, daß die
Nunst in ihrer IVurzel eng zusammenhänge mit der
Liebe. Gewisse Ähxthmen im Schall und in der
Form, gewisse Farben einzeln und in Verbindungen
erwecken bei allen lebenden kVesen einen bestimmten
Lustreiz. Das wußte man längst. Aber wie sich
daraus der Niesenbau der höheren Nunstempfindung
und Nunstentfaltung erklären lassen solle, hatte noch
Niemand klar eingesehen. Darwin zeigte mit rück-
sichtsloser Tnergie, daß jene kleinen Neize nur des-
halb so ins Nnglaubliche hinauf entwickelt wurden,
weil das große und allwaltende Nützlichkeitsprinzip
der Natur sie gebrauchte bei der Auswahl der Lltern
iminer besser angepaßter Generationen, also bei der
Liebe. Den erotischen Faktor in der Tntstehungs-
geschichte der Ästhetik nachgewiesen zu haben: das ist
Darwins eigenstes kVerk. Zm Tinzelnen zu zeigen,
wie selbst in der höchsten menschlichen Nunstblüte der
chchatten dieser begründenden Nkacht unauslöschlich sich
ausbreitet: das hat er den Ästhetikern selbst überlassen.
Bei der hohen Thrlichkeit, die ein Grundzug seines
Lharakters war, ist er bei sich selbst nie darüber im
Unklaren gewesen, daß auch mit der genetisch-erotischen
chypothese trotz der augenscheinlichen Tröffnung einer
ganz neuen Aera für die Ästhetik gewisse Grund-
Schwierigkeiten nicht beseitigt würden. Zenes erste,
schwache Neagieren selbst der niedrigsten organischen
lVesen gegen rhpthmische Neize überhaupt erklärt die
chxpothese keineswegs, — so wenig wie die Theorie
der „natürlichen Znchtwahl" die Ursache der ersten,
planlosen Variabilität erklärt, oder die Gesetze in der
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