Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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Lose Wlätter.

Der pterderoman. i

wohin zielt unsere litterarische Mode?

Seit den sechziger Iahren ward die Mittelmäßig-
keit, welche zugleich die Alenge ist, fast ausschließlich
von der geinachten Aentimentalität und verliebten
Sensationslust der Marlitt und ihrer Schule beherrscht,
die auch heute den Boden noch nicht verloren hat.
s)n der jüngsten Zeit war Nataly von Lschstruth die
Aönigin der Leihbibliotheken, deren Besitzer nicht erst
in den Büchern nachzuschlagen brauchen, sollen sie
bezeugen, daß „Gänseliesel" und „j)olnisch Blut" die
ksauptquellen waren, aus denen die „litterarische
Bildung" ins j?ublikum und das Bächlein der Leih-
groschen in ihren Nasten floß. Und sie, so scheint es
mir, macht nun wieder Schule sür eine neue Gattung
der „Unterhaltungslitteratur sür anspruchslose Leser".
welcher 2lrt ist sie?

Das Gänseliesel zeigt sich höchst wirkungsvoll als
wilde Neiterin. Zn „j?olnisch Blut" vollsührt der
sainose Sänger Ian sogar Zirkuskunststücke auf un- >
gesatteltem j?ferde. Bei solchen Gelegenheiten ist
Lräulein von Lschstruth mit Lrfolg bemüht, die Dich-
tung sportsmäßig zu gestalten: Trensen und Nandare,
Gurte und Steigbügel werden geschildert, als hinge
der ganze Noman an ihrer ksaltbarkeit, die Gang-
arten werden liebevoll gemalt, und mit sesselnder
Naturtreue zaubern uns Worte wie „Nacker",
„Beest" oder auch „Biest" den krästigen Dust des
j?ferdestalles vor die Nase. Lräulein von Gschstruth ist,
wie ihr Bildnis bezeugt, eine sehr elegante Dame —
in diesem gewöhnlichen Leben wird sie also wohl nicht
mit Ausdrücken, gleich den genannten, sprechen. wer
aber wird sich Zwang auserlegen, spricht er nicht zu
Herrn A oder Frau p, sondern zum deutschen Volke?
Sie geben so schön „Nolorit", diese Rrastworte. Trotz-
dem wunderte ich mich über sie ebenso, wie über die
wackre j?rinzeß Sylvie (wenn sie mich nämlich gerade
an eine Maschsrau gemahnte), und glaubte an eine
besondre Neigung der beliebten Trzählerin.

Nun las ich letzter Tage in „Schorers Lamilien-
blatt" den Anfang eines Nomans von ch. Schobert,
„2lschenbrödel" seines verheißenden Namens. 2Nerk-
würdig, ganz dieselben Tigentümlichkeiten! Anr sind
bisher drei Lortsetzungen dieses werks zu Gesicht ge-

kommen. Zn allen treten die jcherde in den Vorder-
grund. Da sährt Lränlein willy nnt „zwei Braunen,
j?rachtpferden eigner Zucht", da kommt ihr Nachbar,
L)err Günther, ebensalls aus einem „Braunen, einem
wahren ^taatspferde", geritten. Dann folgt ein
j?serderennen, dessen Schilderung naturgenmß nicht
mit dein Neiter, sondern mit dem jcherde beginnt —
diesmal ist es dunkel, heißt „Blitz" und wird uns
vorgestellt gleich den andern vierhufigen kserrschaften
„Luna", „Zmperial" und „Granichens Luchs". Und
siehe, auch hier erquickt das wort „Beest" den
fühlenden Leser, und bald erfährt er, daß der bseld
„ganz sutsch" ist, und daß sogar seine Bekannten
meinen, es stände mit ihm „mau", wenn sreilich auch
sein Gegner unerwarteten „Dusel" gehabt habe. Der
^chobertsche Noman scheint sonst eine ziemlich gut
geschriebene Marlittiade zu werden — es macht den
Lindruck, daß jene Aussälligkeiten mit Absicht und
Bedacht an den entsprechenden Stellen gleichsam von
^ außen her hineingesetzt worden sind. Vielleicht zur
schärferen Tharakteristik.

Durch die entdeckte 2lnalogie angeregt, blätterte
ich weiter in den Nioderomanen der letzten Zahre.
Und ohne Nlühe sand ich eine ganze Neihe verwandter
Austritte mit den entsprechenden worten geschildert.
Nurz, es handelt sich bereits um eine litterarische
Gattung. N?ie soll man sie nennen? „^portroman" ?
So nennt sich eine litterarische Arbeit Narl Nlannos
selber. Lür die Gattung ist es noch nicht bezeichnend.
„jOserderoman" ? Psui, wie grob! Grob? Bitte,
hier liegt die Zeitschrift „Zur guten Stunde". Sie
bringt eine Lrzählung von Vaoano. Und ihr Neben-
titel sagt's klar und ehrlich: „j?serderoman".

Somit dürste sich der Geschmack der schönen
Leserinnen unserer Lamilienblatterzählungen den equi-
libristischen Uebungen zuneigen und heranreisen immer
mehr auch zum nachsühlenden Genusse der kernigen
Sprechweise der „Näänner vom Lach". Lräulein von
Lschstruth hat das verdienst, diese Dorliebe entdeckt
oder doch aus teutonische Lrde verpflanzt zu haben.
Zch verzeichne nur Thatsachen. U)erden wir uns
erst mehr zum litterarischen Neiteroolke entwickelt haben,
ersorscht ein Besserer vielleicht den Grund.

paul Block.

Llngesandte Merke.

Waebr, Oaul: NeuesBuch derLieder. 2. Aufl. ksalle,
tjendcl. Geb. m. G. lllk. t,3v.

Week, Friedricb: Ernste lveisen. Gedichte. wien,
Aonegen. Mk. 2.

Wrandes, Georg: Die ksauptströinungen der Littera-
tur des neunzehnten Iahrhunderts. Übersetzt von
A. 5trodtinann. Leipzig, (jetzt:) Barsdors.

Wredius. Die /Ildeisterwerke des Illijksmuseum zu
Antvverpen. photogravüre-prachtwerk mit erlänterndem
Tert von A. Bredius. Nünchen, Lranz Lsansstängl.

Lies. 6 und 7, je Mk. t2.

Wultbaupt, Ibeinricb: Dumas, Sardou nnd die jetzige
Lranzosenherrsch ast aus der deutschen Bühne.
(Litt. volksheste, Nr. -t.) Berlin, Lckstein Nachsolger.

Mk. 0,50. !

Lngelborns allgemeine Ilvoman-Mbliotbek. Stuttgart,
I. Lngelhorn. Iahrgang IV, Band t—N- (i, 2: lhag-
gard, Line neue Iudith — z: Ghnet, Lchwarz und Rosig

— qg Feuillet, Das Tagebuch einer Lrau — 5, 6: Remin,
Iahre des Gährens — ?: Lasontaine, Gute Rameraden

— 8: Lie, Die Töchter des Aommandeurs— 9, to: Malot,
Zita — tV Grsville, Die Lrbschast iLenias.) Ie Mk. 0,50.

Fretberg, Süntber von: Dijon-Rosen. Gedichte. wien,
Aonegen.

Freudentbal, August: G edichte. 2. verm. Aufl. Bremcn,
Schünemann.

Gross, Ferdinand: Lieder aus dem Gebirge. lvien,
Aonegen.

Devesi, Ludvvig: Almanaccando. Bilder aus Italien.
Stuttgart, Bonz. Mk. -t,50.
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