Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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-H,


> ung die entsprechende Runst unserer Altvorderen nicht
mehr erreiche. In einem vortrag, den er im Runst-
gewerbe-verein zu Hannover hielt, und den der
„Diamant" abdruckt, lehnt nun Alois Freystadtl
die verantwortung von den Glasmalern ab. Daß
zunächst trotz des bequemen Diamants heut nicht mehr
so genau gearbeitet werde, wie von den Alten mit
ihrer ^prengkohle und ihrem Rröseleisen, giebt er wohl
zu, mißt aber schon hierfür die Schuld den Architekten
bei, „denn bei Dergebung solcher Arbeiten wird in
vielen Fällen die Fertigstellung einer ganzen Rirche
in sechs Monaten bedungen". Als einen „sehr wunden
j)unkt in unserm Gewerbe" empfindet er's auch, daß
die Farben der jetzigen Glasmalerei oft schon nach
einigen s)ahren Spuren von Derwitterung zeigen.
Daran trage aber die Fabrikation der Gläser die
Hauptschuld, „es wird im großen Ganzen das Glas
viel zu weich hergestellt" — von den Glasmalern
werde freilich zu wenig auf bessere waare gedrungen.
Lin Teil der Schuld treffe aber auch hier die Bau-
meister, denen es oft Nebensache sei, ob ein Glasbild
gedruckt oder lithographiert, sa aus sogenannter
„Papierglasmalerei" hergestellt werde usw. Nun
wendet sich Freystadtl zur Besprechung der Thatsache,
daß wir jetzt kaum neue Glasbilder so leuchtender
Farbenpracht zu sehen bekommen, wie sie die alten
zeigen. „weshalb sucht man nicht nach dem richtigen
Grund? Meine Herren, glauben Sie ja nicht, daß
wir nicht dieselben Farben besitzen, im Gegenteil, wir
befitzen zu viel Farben, und ich übertreibe nicht, wenn
ich Ihnen sage, daß too Farben nicht reichen, die
heute in den Fabriken hergestellt werden. Durch An-
wendung so vieler Farben wird das Bild unruhig
gemacht. Nlan wird mich fragen, weshalb die Glas-
maler so viel Farben anwenden, wenn es der wirk-
ung nachteilig ist. Aleine Lserren, auch in dieser
Hinsicht sind wir nicht maßgebend, es wird uns ganz
einfach aufoktroviert von den Leuten, wie wir es
machen sollen, und wer sich dem willen solcher Leute
nicht fügt, der bekommt keine Arbeit. Ferner besteht
ein Übelstand darin, daß in vielen Fällen dem Glas-
maler Rartons geliefert werden, die der Technik der
! Glasmalerei gar nicht entsprechen; auch hierin wird
viel gesündigt. Früher war der Glasmaler auch Der-
fertiger seiner Rartons, heute heißt es: ein akademisch
gebildeter Rünstler muß es thun. Zch habe ja nichts
dagegen, wenn der Akademiker mit dem Glasmaler
Lsand in Lsand geht, aber das geschieht nur selten,
und in vielen Fällen mißglückt dadurch die ganze
Aomposition, und wer hat dann die Schuld? Der
Glasmaler sucht sie aus den Rartonverfertiger zu
wälzen, und dieser wälzt sie auf den Glasmaler, und
auf dem letzteren bleibt die Schuld haften, denn bei
Besichtigung eines Glasgemäldes heißt es doch: wer
hat das Fenster ausgeführt? wer aber die Angaben
gemacht hat, darnach wird wenig gefragt. was nun
die Stimmung eines alten Glasgemäldes betrifft, so
ist es Thatsache, daß die ^timmung erst im Laufe
der j)ahrhunderte sich so günstig gebildet hat, denn

vom

* Line „Theatralische Ausstellung" wird für ^890 ^
in London geplant. Alles, „was zu einem Theater vor und ^

es ist bekannt, daß viele Farben durch Ausscheiden
gewisser chemischer Stoffe nachdunkeln. Dies weiß
schon, wer Gelegenheit gehabt hat, alte Spiegelscheiben
zu seben, die doch ursprünglich krystallrein waren und
mit der Zeit eine dunklere Färbung, ins violette
spielend, annehmen. Alan sieht es auch an den alten
Glasmalereien, daß vielfach die Fleischteile so dunkel
geworden sind, und ich kann mir unmöglich denken,
daß dies von vornherein gewesen ist. (Ls herrscht in
Aunstkreisen ferner die Ansicht, die Glasmaler hätten
früher die Glasmalerei mit einer Nlattierung über-
zogen. Auch diese Ansicht ist falsch. Die alten Glas-
malereien blieben ziemlich glasig, und wenn ein großer
Teil der alten Glasbilder heute matt erscheint, so ist
das nicht künstlich, sondern durch den Linfluß des
wetters hervorgebracht."

* über den LLnkluss der ükode auk die
lidrodukkion enthält der jüngste Bericht der Lsandels-
kammer zu Llberfeld eine chtelle, die auch für die
Leser des „Runstwarts" nicht ganz gleichgiltig sein
dürfte. Ls wird betont, daß die Mode kaum jemals
so rasch gewechselt habe, wie eben jetzt, und dieses
dem übergroßen Wettbewerbe in erster Reihe zur
Last gelegt. „Die ksändler suchen sich bei dem kaufen-
den j?ublikum den Nang dadurch abzulaufen, daß sie
immer wieder so rasch wie möglich Neues bieten und
das Alte, sei es noch so gut und preiswert gewesen,
bei Seite legen. Dieser Umstand ist ungemein er-
schwerend für die Fabrikation, welche man in ihrer
produktion nicht mehr zur Ruhe kommen läßt, und
deren Betrieb sich dadurch immer mehr kompliziert
und verteuert." Tine süddeutsche Zeitung bemerkt
dazu, mit dieser Rlage werde ein überaus wunder
punkt berührt. „Die vorhandenen Bestände sind so
groß, daß an ihren Absatz nicht zu denken ist. Rm
nun dennoch das konsumierende publikum anzulocken,
werden auffallende, sensationelle R'luster erfunden,
und stets überbietet das neue Zahr das vorangehende
an auffälligen, Aufsehen erregenden Rioden. Gerade
die schon vorhandene Überproduktion gebiert eine noch
größere. Die Überproduktion ist nicht mehr blos eine
solche, welche durch die ungleichmäßige und nach unten
zu bis zu einem Rünimum abnehmende Ronsumtions-
fähigkeit herbeigeführt wird und richtiger den Namen
Rnterkonsumtion führt. Ts ist eine wirkliche, absolute
Überproduktion vorhanden. Nebenbei wirkt die ^ucht,
immer neue und auffälligere Rloden zu erfinden, auch
auf die Bildung des Geschmackes verderblich. Zhering
aber hatte nicht vollständig das Richtige getroffen,
als er die Rlode auf den L-tände-Unterschied zurück-
führte. Das ist richtig, soweit die Ronsumenten die
Rode schaffen. Aber auch die j?roduzenten wirken
auf dem Gebiete der Rode schaffend mit und sind
vielfach die Leiter der ihnen blind folgenden Ab-
nehmer." U)ir verzeichnen diese Aeußerungen zur
Lrgänzung unseres Aufsatzes über „Nouveautes"
(Runstwart ?) — vielleicht auf keinem Gebiete wirkt
die Rlode so verderblich, wie auf dem des Aunst-
handwerks.

Tage.

hinter dem vorhange gehört", ferner Theatermodelle der
wichtigsten Bauarten, Sammlungen von historischen Theater-

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