Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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I Lrscbeint

23. fünften u. zwa„;igsten

Derausgeber:

Zferdinand Nvenartus.

Kestellpreis:
vierteljährlich 2 > 2 Mark.
Anzeigen: Z gesp. Nonp.-Aeile 40 pf.

Aabrg. l

Das Aubiläumskieber

erst kürzlich zu rNünchen init großem
Aufwand begangene Hundertjahrfeier zum
Gedächtnis Rönig Ludwigs I. gab wieder
^^^^^Keinmal zu Betrachtungen Anlaß, deren <Lr-
gebnisse — mntatis mutLnclis —- aus alle uilsere
Iubiläen Anwendung finden dürsten. Ls erscheint
uns endlich an der Zeit, öffentlich von ihnen zu sprechen,
denn sie sind bedeutsamer für unser öffentliches Lieben,
als daß sie — etwa zur Schonung einer übelange-
brachten Lmpfindlichkeit — noch länger übersehen
werden dürften.

Gegen die volkstümliche und künstlerische ^eite
dieser Frage wäre das wenigste einzuwenden, wiewohl
sich auch gegen sie schon gewichtige kritische Bedenken
regen. Denn daß Bayerns Haupt- und Residenzstadt und
mit ihr noch einige s)rovinzstädte, welche dem hoch-
sinnigen Fürsten und seinem edlen Runstsinn so viel
verdanken, sich dessen in einer Feier dankbar erinnern,
ist selbstverständlich nicht das Bedauerliche an der
Sache. Auch dann wäre wohl im Grunde wenig
einzuwenden gewesen, wenn diese Bewegung, von
künstlerischer ^eite angeregt, von Rünstlern aufge-
griffen, innerhalb solcher Sphäre geblieben und etwa
unter vortritt der Alünchener Rünstlerschast zum Aus-
trag gekommen wäre. Daß aber eine Gruppe von
nur wenigen Männern, welche den Gedanken einer
Hundertjahrseier sür Btünchen zuerst aufgestellt und
die Frage einer festlichen Begehung des fürstlichen
Geburtstages im größeren L>til ansangs nur scheu
erörtert hatten, schließlich ein ganzes Land dermaßen
beherrschten, daß in den Tagen vom 2d. bis 3t. Zuli
aller Grten, auf allen Straßen und sAätzen, in
allen Schulen und Anstalten, bei allen Ämtern
und Behörden, in Rasernen und Rneipen, in allen
Tages- und andern Blättern von nichts als von
dieser Feier mehr die Rede war, ja, daß man in

allen katholischen und protestantischen Rirchen, in
allen ^ynagogen und Betsälen von der Ranzel
herab frischweg politisieren, ästhetisieren und „Stimm-
ung machen" hörte — das fordert Beachtung!
wir haben zu sragen, wie es möglich war, daß unser
Fest zu einer solchen das ganze Land umfassenden
und schließlich eben doch willig aufgenommenen volks-
bewegung anschwellen konnte. Und forschen wir
nach, so erkennen wir in diesen wirkungen ganz die-
selben Ursachen, welche auch unserer Zubiläums-
sucht im Allgemeinen zu Grunde liegen. Denn hinter
allen diesen mehr oder minder pietätlos begangenen
Säkular- und Iubelfesten steckt eine gemeinsame
Triebfeder.

Iedermann von uns weiß es: wir leben in einer
„exakten" Zeit. Aber nicht nur in einem Zeitalter
der exakten Baturwissenschaften, sondern auch in einer
historisch-nüchternen Zeit, ja wir leiden ein wenig an
der historischen Rrankheit. Das will sagen: das, was
wir in der Äegel als einen großen Vorzug und Fort-
schritt unserer Gpoche gegen die vorausgehenden Zahr-
hunderte anzusehen geneigt sind, nämlich das Lrwachen
des historischen Sinnes, wird zugleich unser Fluch; das
historische versenken in die Zeiten unserer Vorahnen,
das liebevolle Vertiesen in den Geist und Gang der
Geschichte hat auch seine Rehrseite. Wir leben zu
rasch und hastig, die Anforderungen des Tages sind
zu aufreibend und nervenerschlaffend, als daß wir
nicht hin und wieder der gewaltsamen Ausrüttelungen
sür uns bedürften: wie die kleinen Rinder, welche die
Sonn- und Feiertage brauchen, um das Leben unter
der woche erträglich zu finden, welche sich das ganze z

Zahr hindurch schon aus gewisse Geburts- und Namens-
tage sreuen, wie wenn diese allein das L!eben erst
lebenswert machten, so müssen auch wir alle Zahre
gewisse verlockende Aussichten vor uns haben, um

Der Nachdruck von längeren wie kürzeren Beiträgen des „Aunstwarts" ist vom verlage nur unter deutlicher Puellenangabe gestattet.

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