Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

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aus nicht „zeitgemäß" und die „Lrgriffenheit des
deutschen volkes", der es Ausdruck verleiht, liegt,
was die Zeitungsnachrichten betrifft, schon vierhundert
Zahre hinter uns. Und wie nimmt sich jene Be-
hauptung gar erst angesichts der Bayreuther Festspiele
aus? Unsern Zeitungskritikern freilich sind das Alles
sehr unbequeme Dinge; sie pflegen sich erst zu be-
kehren, wenn der Neuerer tot ist. Zm Übrigen halten
sie es für ihre pflicht, als stramme Zopfsoldaten
wache zu halten, daß das von ihnen für richtig ge-
haltene Geleise nicht verlassen wird. Ls sind die
modernen Akademiker, wenn sie auch noch so wenig

Ulassisches an sich haben mögen. Die französische
Akademie hat bekanntlich trotz aller Strenge den
Ltraßenjungen trotzdem ihr Leben lassen müssen:
so vertragen sich auch unsere modernen Akademiker
schließlich mit den Ltraßenjungen der Litteratur, denen
sie doch nichts anhaben könnnen, ganz gut und
machen nur von ihrem Nechte (— dem Nechte der
Trägheit —) Gebrauch, sobald es Zemand ernst
nimmt, und die Uunst zu zeigen versucht, daß sie auch
außerhalb der Bibliotheken und Zeitungskritiken noch
lebt.

Lsans ^errig.

Lius der Kücberei

Das Ikunst-Gesetz. Aufgestellt von Z. ks. Schulz-
Lurtius. Fürsten-Ausgabe, veranstaltet von I. S. Lurtius
(London, 9 Great Saint Lselen's). — Der verfasser des kleinen
werkes hatte bereits ;872 an den damaligen Aronxrinzen
Friedrich Nlllhelm einen „plan zn einer allgemeinen Lrziehung
zur Runst" eingesandt, der sehr freundlich entgegengenommen
wurde. „In weiterer verfolgung des Bestrebens, einer un-
fruchtbaren sxekulativen Ästhetik gegenüber in einfachen Zügen
den Aern der Lehre von der Aunst und vom Schönen und
damit den festen Anhalt für die richtige menschliche jöroduk-
tionsweise (das richtige verhalten überhaupt) aufzustellen, ist
das vorliegende, dem Aaiser und Reich gewidmetc Büchlein
entstanden." In der heute freilich sehr „unmodernen", aber
für seinen besonderen Zweck ganz passenden Form eines
Lehrgedichts giebt es in zwölf kurzen Absätzen „die Auf-
stellung des dem Menschen eingeschriebenen Gesetzes" in so
einfacher und klarer lveise auf dem denkbar knaxpsten Raum,
daß auch uns eine Volksausgabe wünschenswert erschiene.
Lurtius' Gedanken machen überall den Lindruck des Selbst-
erzeugten, und nicht zum Mindesten darin beruht der Reiz
des Gegebenen. „Neues" freilich bietet es deshalb noch nicht:
das von Lurtius auf selbständige Aleise Gefundene berührt
stch aufs Nächste mit den Grundlagen, von denen die empi-
risch-psychologische Schule der Ästhetiker, G. Th. Fechner voran,
bei ihren Untersuchungen ausging. Den besonderen lVert des
Büchleins schmälert das nicht.

Nlberr Llndner in seinem Leben und lvirken darge-
stellt von Adalbert von Ljanstein (Berlin, Schildberger).
— Die erste Biographie über den unglücklichen preisgekrönten
Dichter, geschrieben von Linem, dem nicht nur kühle, schrift-
stellerische Teilnahme, dem vielmehr auch warmes Mitfühlen
die Feder in die ksand gab. bsanstein, selbst ein begabter
j)oet, hat das Streben, Hoffen und Leiden Lindners ver-
standen und deshalb ift er, wo es ein Urteil auszusprechen
galt, so gerecht, wie es ein Mensch gegen den andern eben
sein kann. Im Übrigen: er betrachtet feine kleine Schrift
nicht als eine abschließende, fondern als eine anregende und
als einen ersten Verfuch. Seine Meinung über das vielbe-
fprochene Schicksal des Dramatikers faßt er in den Sätzen
zufammen: lVollte man den lVahnsinn Lindners lediglich auf
den lllangel an Anerkennung zurückführen, fo würde man
fogar auf medizinifche Bedenken stoßen. Die veranlagung
zmn lvahnsinn war als Reim sicher von frühester Iugend an
in Lindners Aonstitution vorhanden. Aber daß dieser Aeim
so früh ausreisen durfte, dazu haben Armut und verbitterung
sicherlich das lNeiste beigetragen."

Die /Iketrlk Lesslngs» von Ld. Belling (Berlin,
ljettler) ist ein steißiges, gelehrtes lVerk, das hauptsächlich für
Gelehrte bestimmt ist. Doch wird auch der Aunstliebhaber

und Litteraturfreund mannigfache Anregung und Belehrung
finden, namentlich über den fünffüßigen Iambus vor und
bei Lessing. Lessing bediente sich des genannten versmaßes
zuerst im Fragmente Aleonnis im Iahre t?58, aber mit
durchweg stumpfem oder männlichem Ausgange; dann im
Fragmente „Das ljorofkop", in welchem ein Fünfteil der verse
klingenden oder weiblichen Ausgang haben; weiter ^759 im
Fragmente „Fatime", in dem Üs der verfe weiblich ausgehen.
Dasselbe stndet iin Nathan (;779) statt. Der fünsfüßige
Iambus mit durchweg männlichem Ausgange war dem eng-
lifchen verfe des Lpos (vor Allem dem „verlorenen Para-
diefe" Niltons) und nicht des Drainas entlehnt, wo stumpfer
und klingender Ausgang beliebig wechseln durfte. Linen
Übergang zwischen den gereimten Alexandrinern, welche feit
Opitz und Gryphius über tSO Zahre lang im deutschen vers-
drama herrschten, und dem späteren dramatifchen verse bilden
bei Lessing im Giangir, ähnlich auch bei Bodmer und I. T.
Schlegel, die reimlosen Alerandriner: im Giangir wechseln
männliche und weibliche Ausgänge beliebig. Lserder hatte in
seiner 2. Ausgabe der Fragmente über die neuere deutsche
Litteratur (t768) das neue versmaß kräftigst empfohlen.

Alles in Allem: es trafen verschiedene Gründe zufam-
men, auch das Lefen der englischen Dramatiker im Urtext,
welche Lefsing zur lvahl des versmaßes im Nathan bestimm-
ten. Die Behandlung des verses ist eine außerordentlich freie
und kühne, ganz der Ligenart Lessings entfprechend, sowohl
was das Übergreifen (eißLivdement) des satzes über den vers,
als was die verteilung des verses unter mehrere jderfonen
betrifft. von den 28^9 versen des Nathan sind 780 geteilt,
und zwar 677 unter 2, 97 unter 3 und 6 sogar unter j)er-
sonen. Die Verse, welche einen felbständigen, abgeschlosfenen
Sinn haben, sind verhältnismäßig felten, nur 328. Gewöhn-
lich gehören mehrere verse zu einer j)eriode zusammen. Die
längste umfaßt 27 Zeilen uud enthält 7 Reden und Gegen-
reden. Bemerkenswert ist noch, daß Lefsings Lmpfehlung
von ganz freien, reimlofen versen, die eigentlich eine frei-
rhythmische jörosa sind, bei Goethe einen fruchtbaren Boden
gefunden hat. j). !s.

van Dpeks „Kildnis ciner laebelnden jungen
Dnme" in Tassel, Anpferstich von Gu stav Eilers. (lvien,
Gesellschaft f. verviels. Aunst, 6 Ausgaben von M. 30—300).
— Das Blatt wirkt außerordentlich kräftig. Das fchwarze
Seidenkleid, welches dem Bilde die tiefsten Töne giebt und
der Lsintergrund sind stark, dabei manierlos und sehr
charakteristisch wiedergegeben. Bei der bsauptsache, dem Ge-
sicht, sind besonders die Augen gut gelungen. Lin wenig zu
hart ift für unfer Gefühl die Nafe herausgekommen. Daß
auch diefer Tadel kein allgemeiner ist, beweist am einfachsten
eine Thatsache: das Bild hat auf der vorjährigen graxhischen

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