Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 1.1887-1888

Page: 21
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwart1/0027
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

sichert, geht jenen andern Gräbern verloren, welche mit weit-
hin der Menge ins Auge fallenden Monuinenten ausgestattet
werden. Ihr Schmuck ist eine vor Andern dargebrachte Lsul-
digung oder eine pietätvolle Leistung, deren Ersüllung ösfent-
lich geschieht, weil eine solche erwartet wird oder erwartet
werden kann. Und sind selbst die Beweggründe zu solcher
hervorragenden Ausstattung eines Grabes bloße Lingebungen
xersönlicher Lmpfindungen, so ändert dieses xrivate Verhältnis
heraustretender Monumentc doch nichts an deren thatsächlichem
Berhältnis zur Gsfentlichkeit. Dieses bestcht und stellt das
Werk unter die Aontrole ihrer mehr oder weniger anspruchs-
vollen ästhetischen Forderungen." Als eine solche stellt der
ungenannte Versasser die aus, den Unterschied zwischen öffent-
licher und privatcr Lebensstellung der Berstorbcnen auch bei
den Denkmälern der Friedhöse nicht zu verwischen. Man habe
um so weniger Grund, die Grabstellen von Männern ehren-
haster, aber von idealen Zielen weit abliegender Beruse durch
Idealgestalten zu schmücken, welche dem Mesen von vater-
landshelden oder bedeutenden Dichtern, Aünstlern und Gelehrten
entsprechend seien, als „die christliche Aunst, wie sür deutsche
Gemüter ja schon die Votivbilder ksans ksolbeins und anderer
heimischer Meister beweisen, das bürgerliche Leben in mannig-
sacher weise mit den heiligen Gestalten aus dem Ienseits
künstlerisch zu verknüpsen weiß."

In einem Aussatz „Dns Daar dcr Zfrp.uen" (v. F.
z. M. 2) bespricht I. von Falke die künstlerische Anordnung
des ksaares. Die einsachere und natürlichere ist die „Frisur

DLe ALebmutter des '^ublus.

vor langen Iahren lebte einmal ein Mann, der war ein
Schlangenmensch und Feuersresser, und ein Aünstler in seinem
Fache. Das hatte er mit großen deutlichen Buchstaben an die
Bude geschrieben, mit der er wandernd aus die Iahrmärkte
und Schützenseste zog. Aber die Leute kannten ihn nicht und
gingen achtlos an seiner Bude vorüber. Dieses betrübte den
Mann gar sehr und er sprach zu sich: kvas hilft mir meine
große Runst, wenn die Leute nicht kommen, sie zu bewundern?
Und er klagte sein Mißgeschick seinem Nachbarn, dein Zirkus-
klown. Der aber antwortete ihm: Morgen soll Dein Aunst-
tempel zum Drücken voll sein. Und also geschah es; und das
hatte die große Trommel vollbracht, die der Ulown vor der
Bude des Schlangenmenschen schlug, bis die Leute gaffend
stehen blieben und neugierig hineinliesen. Der Schlangen-
mcnsch und Feuersresser aber war ein Mann von tiefem Ge-
sühl, und es kränkte ihn, daß eine grobe Trommel zuwege
gebracht, was all die Feinheiten seiner Uunst nicht erreichen
konnten, und er nahm sein Messer und stieß es zornig ins
Ualbsell, daß es krachend zersprang.

Seit jenem Aünstler hat es viele andere gegeben, welche
sich eines ruhigeren Gemütes ersreuten und ihren gekränkten
Stolz nicht an unschuldigen Trommeln ausließen. Ia, es gab
sogar manche, die mit der Zeit mehr Sorgsalt auss Trommeln
verwandten, als auf ihre Uunst, und es entstand der ernste
Glaube, so sie nicht trommelten, möchten die Leute vermeinen,
sie seien keine echten Rünstler. Und also vermeinten die Leute
auch, und stand in seiner Bude ein schweigsamer Mann, so
sprachen sie Liner zum Andern: „Lieber, der kann nichts, denn
warum höre ich keine Trommel?" . . .

Diese schöne Geschichte entwuchs unserm ksauxte, als wir
zwei Schriften lasen, die vor uns liegen. Die erste davon

nvch unien", schlichtes, loses Haar, Locken und Zops. Alle
absonderlichen Schöpfungen der Mode gehörten und gehören
der „Frisur nach oben" an, die in wirklich schönem Beispiele
wcit scltener ist nnd dann, wie die altgriechische, nicht über
die Schcitelhöhe emporsteigt. Line sür Alle schöne ksaar-
tracht giebt es nicht: soll sie dem sür Schönes geübten Auge
gcfallen, muß sie individualisiert sein. Lrstens: nach der Form
von ksauxt und Gesicht. Liner ganz ebeninäßigen Bildung
ziemt einc regclmäßige Mrdnung des ksaares; Mängel der
Aopfbildung soll die ksaartracht fürs Auge abschwächen oder
verdecken. So darf eins kurze Stirn nicht durch herunter-
hängende ksaare noch mehr verkürzt, eine schmale und hohe
nicht durch oben zurück- und an der Seite vorgelegte noch
mehr verlängert werden u. s. w. Ferner soll der Ausdruck
des Gesichts beachtet werden. Ls gründet sich darauf, nach
Falke, ein dreisacher Lharakter der Frisur. Zunächst habcn
wir die leichte sür „das pikante Gcsicht" mit unregclmäßigcn,
aber doch reizenden Zügen und lebhastem Ausdruck: „zier-
liches, kleines Gclock, ein wenig krause Mildheit". Dann die
edle sür einmaßvoll, geordnet, symmetrisch, ruhiges, vornehin
schönes Antlitz. Drittens die strenge oder stolze Frisur
sür „aristokratische Gesichter," wie sie die römischen Aaiserinnen-
büstcn zeigen: künstlich, steis. Der Aussatz enthält noch Be-
merkungen über den Zusammenhang zwischen dem Lharakter
eincr Zeit und dcm Lharakter ihrer lhaartrachten, der sich
durch die ganze Geschichte versolgen und in allen Lpochen
deutlich erkennen lasse.

heißt: „Dcr Leitfaden der Reklame" und erschien in
der taxseren Flugschristensammlung „Gegen den Strom^)."
Sie beleuchtet mit köstlicher Ironie eine höchst bedauerliche
Lücke unserer Litteratur, die der Mangel besagten Leitsadens
klaffen macht, und entwirst den Arbeitsplan sür einen findigen
Schristfteller, der sie siille. Indessen, während der Gute dachte,
kain ein Besserer und handelte: aus Rudolf Lronaus Feder
entfloß das „Buch der Reklame^)", das, in schlangenhaut-
artige Leinwand gebunden, mit gewaltigen Bildern und j?robe-
anzeigen ausgestattet, nun allen billigen kvünschen genügen dürfte.
Denn wenn es auch nicht ganz den Forderungen entsxricht,
welche jenes khest ausstellt, so finden darin doch sämtliche
Mcnschengattungen an lehrreichen Beispielen treffliche winke
darüber, wie sie trommeln müsscn. Gelehrte, Aünffler, Buch-
händler, Rauflente, Politik- und Zeitungsmenschen, Rrieger,
ja selbst Rönige und Raiser unterrichtet hier Liner, der sowohl
Theoretiker, als, wie seines werkcs Ausstattung bezeugt, auch
praktiker ist. Ghne Spaß: es ist manches sehr lustig und
interessant zu lesen in diesem Buche. Ganz im Lrnst auch:
der verfasser trifft häufig dcn Nagel auf den Roxf. Liuige-
male freilich fchlägt er auch aus das Zierlichste daneben, indem
er den Nagel wo andcrs sieht, als da wo er steckt: z. B., wenn
er die Derwische, die sich in der verzückung die wange durch-
bohren, die Läulenheiligen und Asketen, die jungen ^ndianer,
die mit durchstochenen Muskeln sich zum Beweis ihrer Mann-
haftigkeit aufhängen lassen, unter dem Gesichtspunkte der
Reklame betrachtet, oder wenn er Böcklins wunderbares „Lpiel
der wellen" nicht nur besxricht, sondern sogar abbildet als
ein Beisxiel der Reklame. hier gewinnt unser Mann, wie
er mit geheimnisvoller Miene in alle Bitzche späht, suchend
was es finde, einen etwas unsreiwillig komischen Gesichts-

X) wien, Gräser. 2) Ulm, Kommissionsverlag von wohler.

— 2t —
loading ...